Es war noch dunkel, als wir geweckt wurden und den Befehl erhielten, augenblicklich aufzubrechen. Die Soldaten zogen uns aus dem Serai heraus. Wir baten sie, uns noch ein Bad in dem heiligen Mansarowar nehmen zu lassen, was uns schließlich allen dreien erlaubt wurde. Das Wasser war bitter kalt, und wir hatten nichts, womit wir uns abtrocknen konnten.

Es war eine Stunde vor Sonnenaufgang, als wir auf unsere Jake gesetzt wurden und, von etwa dreißig Soldaten umgeben, fortritten.

Als wir mehrere Stunden unterwegs waren, hielten unsere Wachen, um ihren Tee einzunehmen. Nahe bei uns hatte ein Mann namens Suna mit seinem Bruder und seinem Sohne, den ich in Garbyang getroffen, ebenfalls haltgemacht. Von ihnen erfuhr ich, daß die Nachricht über die Grenze gedrungen sei, ich und meine beiden Diener seien enthauptet worden, und daß darauf Dr. Wilson und der politische Peschkar Charak Sing über die Grenze gekommen seien, um sich über die Tatsache zu vergewissern und den Versuch zu machen, mein Gepäck usw. zurückzuerlangen.

Als ich hörte, daß sie noch in Taklakot seien, war meine Freude groß. Ich überredete Suna, so schnell er könne zurückzukehren, um Wilson mitzuteilen, daß ich gefangen sei und wo ich mich befände. Kaum hatte ich Suna diesen Auftrag gegeben, als unsere Wachen den Mann und seinen Bruder ergriffen und sie fortschickten, um sie an jeder weitern Unterredung mit uns zu verhindern. Als wir wieder unterwegs waren, kam ein Reiter auf uns zugeritten, der einen strengen Befehl von dem Jong Pen von Taklakot brachte, uns nicht über den Lippupaß, den wir jetzt in zwei Tagen erreichen konnten, nach der Grenze gehen zu lassen; sondern uns über den entfernten Lumpiyapaß zu führen.

Um diese Jahreszeit mußte der Lumpiya fast unpassierbar sein, und wir hätten eine weitere Reise von wenigstens sechzehn Tagen machen müssen, zumeist über Eis und Schnee, was bei unserm ausgehungerten, geschwächten Zustande unvermeidlich unser Tod gewesen wäre! Wir verlangten nach Taklakot gebracht zu werden, aber unsere Wache verweigerte dies. Inzwischen hatte der Jong Pen von Taklakot schon andere Boten und Soldaten gesandt, die die Ausführung seiner Befehle sichern und unser weiteres Vorgehen hindern sollten. Durch die Leute von Taklakot verstärkt, zwangen uns unsere Wachen jetzt, den Weg nach Taklakot zu verlassen, und so traten wir die Reise nach dem eisigen Lumpiyapaß an. Dies war Mord; die Tibeter wußten dies wohl und rechneten darauf, den indischen Behörden sagen zu können, daß wir im Schnee eines natürlichen Todes gestorben seien.

Man teilte uns mit, unsere Begleiter sollten uns an der Stelle, wo der Schnee anfing, verlassen, die Tibeter würden uns keine Lebensmittel, keine Kleider und keine Decken geben, und wir sollten ganz auf uns selbst angewiesen bleiben. Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß dies unsern sichern Tod bedeutete!

So beschlossen wir denn, uns nicht in unser Schicksal zu ergeben und unsere letzte Karte auszuspielen. Als wir etwa vier Kilometer weit nach Westen, in der Taklakot entgegengesetzten Richtung, marschiert waren, weigerten wir uns, noch weiter in dieser Richtung zu gehen. Wir sagten, wenn unsere Wachen etwa versuchen wollten, uns mit Gewalt vorwärtszubringen, seien wir bereit, den Kampf mit ihnen aufzunehmen, da es uns ganz gleichgültig sei, ob wir durch ihre Schwerter und Luntenflinten sterben oder auf dem Lumpiyapaß erfrieren müßten.

Ganz verblüfft entschlossen sich die Wachen, für die Nacht an dieser Stelle mit uns haltzumachen und einen Boten nach Taklakot zu senden, der den Jong Pen benachrichtigen und um weitere Instruktionen bitten sollte.

Während der Nacht kam der Befehl, daß wir weitergehen sollten; infolgedessen rüsteten sich die Wachen am nächsten Morgen, uns wieder auf den Weg nach dem Lumpiya zu bringen. Da nahmen wir drei halben Leichen denn das letzte bißchen Kraft, das noch in uns war, zusammen und machten mit Steinen einen plötzlichen Angriff auf die Tibeter. Und so unglaublich es scheinen mag – unsere feigen Wachen machten kehrt und rissen aus! Während wir nun in der Richtung auf Taklakot gingen, folgten uns die Schurken in einiger Entfernung und baten uns flehentlich, uns nicht mehr zu widersetzen und mit ihnen dahin zu gehen, wo sie uns hin haben wollten. Täten wir es nicht, so würden, sagten sie, ihnen allen die Köpfe abgeschlagen. Wir hörten nicht auf sie und hielten sie uns dadurch vom Leibe, daß wir weiter mit Steinen nach ihnen warfen.

Unglücklicherweise begegneten wir, als wir erst wenige Kilometer zurückgelegt hatten, einem großen Trupp Soldaten und Lamas, die vom Jong Pen ausgeschickt waren, um Anstalten zu unserer Hinrichtung zu treffen. Unbewaffnet, verwundet, ausgehungert und erschöpft, wäre es für uns gänzlich nutzlos gewesen, gegen eine solche Übermacht zu kämpfen. Als sie jedoch sahen, daß wir frei dahergingen, schickten sie sich an auf uns zu schießen.