Nach einiger Zeit bemerkte ich eine Reihe hoher Schneetunnel über dem reißenden Strome, der zu früherer Jahreszeit mit einem Gewölbe von Eis und Schnee gänzlich überdeckt ist. Je höher ich kam, desto härter wurde der Schnee. Die erst durchweichten und dann gefrorenen Sohlen meiner Schuhe machten das Gehen sehr schwierig. In 3600 Meter Höhe, etwa 90 Meter über dem Strom, mußte ich ein besonders großes, hart gefrorenes und in sehr steilem Winkel ansteigendes Schneefeld überschreiten.

Einige meiner Kulis waren vorausgegangen, die andern waren hinter mir. Trotzdem die vordern schon einen Pfad ausgetreten hatten, mußte man doch mit seinen eigenen Füßen jeden Schritt aufs neue einschneiden, um ein Ausgleiten zu vermeiden. Dies erreichte man am besten dadurch, daß man mit der Spitze des Schuhes mehrmals auf die weiße Decke aufschlug, bis eine Höhlung von ausreichender Größe gemacht war, um den Fuß hineinstellen und sich aufrecht halten zu können. Es mußte dabei jedesmal sehr vorsichtig zu Werke gegangen werden, aber leider fehlte mir die Geduld dazu.

Ich glaubte eine bessere Methode gefunden zu haben, indem ich mein Knie hochhob, mit dem Hacken in den Schnee stieß und mit dem einen Fuß feststehen blieb, bis der andere auf dieselbe Weise den nächsten Schritt eingeschnitten hatte.

Im Begriff, einen dieser heftigen Stöße auszuführen, traf ich auf eine Stelle, wo sich unter der dünnen Schneedecke hartes Eis befand. Mein Fuß, der keinen Halt fand, glitt aus, ich verlor das Gleichgewicht und sauste mit erschreckender Schnelligkeit den steilen Abhang hinunter, auf meiner unfreiwilligen Rutschpartie von Eis- und Schneemassen und dem Geschrei meiner entsetzten Kulis begleitet. Ich sah sofort die Gefahr vor mir, in den Strom geschleudert zu werden, der mich unfehlbar in den langen Eistunnel reißen mußte, unter welchem mir der Tod sicher war.

Die Tschongurbrücke vor der Zerstörung.

In diesen wenigen Sekunden fand ich doch Zeit zu überlegen, ob die Steine am Rande des Wassers mich aufhalten oder ob die Wucht des Anpralles mich kopfüber in den Fluß schleudern würde. Ich versuchte, mich mit meinen erfrorenen Fingern in dem Schnee festzukrallen, mich mit den Hacken festzustemmen – vergebens! Plötzlich erblickte ich vor mir einen großen, aus dem Schnee hervorragenden Stein.

Die Photographie, die den Tod des Kindes verursachte.

Er war meine letzte Hoffnung, und mit verzweifelter Anspannung jedes Muskels und jedes Nervs suchte ich ihm näherzukommen. Vorsichtig streckte ich meine Beine für den Anprall aus. Der Stoß war furchtbar und schien jeden Knochen in meinem Leibe zu zermalmen. Aber er hielt mich auf, und ich war gerettet – nur wenige Fuß über dem Rande des Wassers. Wunderbarerweise hatte ich, wenn auch schrecklich zerschunden, doch keine schwere Verletzung davongetragen.