Ich mußte unbedingt auf dem erhöhten Sitze Platz nehmen, was ich mit übereinandergeschlagenen Beinen tat, während die Menge, respektvoll auf dem Boden im Zimmer kauernd, einen Halbkreis bildete, dessen Mittelpunkt ich war. Ich aß gewöhnlich nach Landessitte mit den Fingern, eine Höflichkeit, die sie besonders schätzten, und obgleich ich ihnen zuerst ungeschickt vorgekommen sein muß, erlangte ich doch bald eine gewisse Gewandtheit in der Behandlung heißer Speisen mit den Händen.

Das Kunststück ist nicht sehr schwierig, aber es erfordert Übung. Man führt die fünf nach unten gespreizten Finger in der Schüssel zusammen, ergreift einen Bissen und umgibt mit einer raschen Kreisbewegung der Hand das Stück, das man erwischt hat, mit so viel Sauce, als man kann. Mit einer noch schnelleren Bewegung, und ehe nur ein Tropfen Zeit gehabt hat, zwischen den Fingern hindurchzuschlüpfen, läßt man den Bissen in den Mund gelangen, indem man ihn halb wirft, halb fallen läßt.

Ich fand bald, daß ich bei diesen gemütlichen Mahlzeiten, die durch mäßigen Genuß von Tschökti und Syrap, aus Weizen destilliertem Wein und Schnaps, belebt wurden, in anthropologischer und ethnologischer Hinsicht manches schätzbare Material über diese tibetische Grenzbevölkerung sammeln konnte.

Die Schokas wurden in den wenigen Tagen, die ich unter ihnen zubrachte, so vertraulich mit mir, den sie fast als einen der Ihrigen betrachteten, daß ich bald vom ganzen Orte überlaufen wurde. Sie kamen, um mir ihre Not und Kümmernis anzuvertrauen, erzählten mir ihre Sagen und Märchen, sangen mir ihre Lieder vor und lehrten mich ihre Tänze. Sie brachten mich zu ihren Hochzeiten und ihren seltsamen Leichenfeierlichkeiten, führten mich zu den kranken Männern, Weibern und Kindern oder schickten sie zu mir, damit ich sie heilen sollte.

Am 6. Juni machte ich einen Abstecher nach der Grenze, mit der Absicht, sie zu rekognoszieren. Ich gelangte, nachdem ich den Fluß unterhalb des Dorfes Tschongur überschritten hatte, in das Gebiet von Nepal.

Durch ein abermaliges Überschreiten des Flusses wieder in Kumaon angelangt, schlug ich mein Lager bei Gungi auf. Ehe ich das Dorf betrat, kam ich an Dr. Wilsons noch nicht vollendeter Apotheke vorbei.

Der Ort war malerisch gelegen und hob sich scharf von dem merkwürdigen Hintergrund ab, den der kuppelförmige Berg Nabi Schankom bildet, ein ungewöhnlich schöner Gipfel mit grau und rot gestreiften Gesteinsschichten.

Nicht weit davon ragt auf einem andern Berge der Gungi Schankom empor, ein vierkantiger, gigantischer Felsblock von gelber und rötlicher Farbe, einem gewaltigen Turme nicht unähnlich. Als ich an seinem Fuße ankam, warf die Sonne ihre letzten Strahlen auf ihn; das Bild war so zauberhaft, daß ich versuchte, es zu malen. Während ich dort saß, stiegen die Schatten der Nacht höher und höher an dem Bergabhang empor und tauchten ihn in eine veilchenblaue Färbung; über ihm glänzte wie ein feuriger Turm der Gungi Schankom in all seiner Pracht, bis die Schatten noch höher stiegen und zuerst nur den Berg, dann allmählich auch den Gungi Schankom bedeckten.

Am nächsten Tage um 10 Uhr vormittags hob ich das Lager auf. Die Höhe hier betrug 3330 Meter. Interessant war das Tschiram, ein Platz mit fünf Gräbern, die aus weißen Steinplatten bestanden mit senkrecht darauf gepflanzten Stangen, von deren Spitze fliegende Gebete herabhingen.

Ich kam bald auf viel Schnee und an Stellen, wo der Weg am Berghange nicht mehr zu sehen war. Das Gehen auf dem losen Schutt und Schiefer war ermüdend, aber es wurde noch schlimmer, als ich tatsächlich jeden Tritt in den gefrorenen Schnee einschneiden mußte. Ich kam nur langsam vorwärts.