Ich war entschlossen, mich nicht um die Befriedigung meines Gelüstes, das mich jetzt um so mehr reizte, bringen zu lassen, kroch aber doch in meine Decke zurück und fand für eine Weile im Schlafe Vergessen. Kaum war ich am Morgen aufgestanden, als ich auch schon ein neues Bankett plante. Aber gerade zur rechten Zeit kehrte der Kommissar von einem Marsche mit seinen Polizisten, Munschis, Punditen und Tschaprassis zurück.

»Machen Sie sich keine Sorge, Mr. Landor«, sagte er freundlich, als ich ihm mein Mißgeschick erzählt hatte. »Kommen Sie zum Mittagessen zu mir. Meine Burschen sollen Ihnen ein ganz besonderes Diner nach ihrer eigenen Art zurichten.«

Dank dem Kommissar und dank dem glücklichen Zusammentreffen, daß mir gerade an diesem Tage durch einen Boten aus Chela ein Paket Briefe von Verwandten und Freunden überbracht wurde, konnte ich wirklich kaum einen glücklicheren Geburtstag verbringen. Ich war mir wohl bewußt, daß es die letzten vergnügten Augenblicke, die letzten Fleischtöpfe Ägyptens sein würden. Von jetzt ab sollte ich von der Zivilisation und allem, selbst dem primitivsten, Komfort abgeschnitten sein, und, um mir diese Tatsache noch nachdrücklicher zum Bewußtsein zu bringen, traf es sich, daß der Kommissar am folgenden Morgen seine Reise nach Almora fortsetzte.

Das Wetter war kalt, der Regen fiel in Strömen; selbst während der wärmsten Stunden des Tages stieg das Thermometer nicht über 11 Grad Wärme. Mein durchweichtes Zelt stand in einer Wasserpfütze trotz der Doppelgräben, die darum gezogen waren. Mehrere Schokas hatten mich schon vorher gebeten, es zu verlassen und in einem ihrer Häuser zu wohnen. Sie waren alle eifrigst bemüht, mir Gastfreundschaft zu erweisen, was ich, um ihnen nicht lästig zu fallen und um für alle Fälle in meinen Entschließungen ungehindert zu bleiben, höflich, aber entschieden ablehnte. Nichtsdestoweniger kam am 4. Juni eine Deputation, die ihre Aufforderung wiederholte. Aber ich war entschlossen, meinen Willen durchzusetzen. Vergebens! Sie wollten einen Sahib nicht unter einer einfachen Zeltleinwand wissen, während sie selbst behagliche Wohnungen hätten. Sie berieten sich miteinander, und plötzlich wurde mein Gepäck ergriffen und trotz meines Einspruchs von einer Anzahl kräftiger Schokas im Triumph nach dem Dorfe getragen. Ich mußte nolens volens folgen, und von jenem Tage an wurde ich durch beständigen Verkehr mehr und mehr von der natürlichen Freundlichkeit und Gutherzigkeit dieser Leute überzeugt.

Um mich an der Rückkehr zu verhindern, rissen sie sogar das Zelt nieder und schleppten es, naß wie es war, hinweg. Zeheram und Jaimal, zwei vornehme Schokas, hielten meine Hände und klopften mich freundschaftlich auf den Rücken, während sie mich mit allen Zeichen der Höflichkeit nach meiner neuen Wohnung führten.

Diese stellte sich als ein schönes zweistöckiges Gebäude heraus mit hübsch geschnitzten Holztüren und rot und grün bemalten Fensterstöcken. So groß war die Besorgnis und Furcht dieser guten Leute, daß ich in diesem kritischen Moment wieder zurückgehen könnte, daß einige zwanzig ausgestreckte Hände mich bei den Armen ergriffen, während andere mich von hinten eine Treppe von zehn oder zwölf Stufen in das Haus hinaufdrängten, wo ich mich nun als Gast meines guten Freundes Zeheram befand. Ich erhielt den vordern Teil des obern Geschosses, der aus zwei großen reinlichen Zimmern bestand mit einer sehr schönen einheimischen Bettstelle, einem Tische und ein paar Moras, runden, mit Fell bedeckten Rohrstühlen. Ich hatte mir kaum klargemacht, daß ich hier bleiben müsse, als auch schon Geschenke von Süßigkeiten, eingemachten Früchten, getrockneten Datteln und Tee gebracht wurden, und der Tee nach tibetischer Art, mit Butter und Salz darin, zubereitet wurde.

Selbst wenn ich zuerst ein leichtes Mißtrauen gegen eine so ungewöhnliche Gastfreundschaft empfunden hätte, so wurde dieses doch bald zerstreut, und ich war stolz, als mir mein Wirt versicherte, daß ich der erste Engländer oder wohl auch Europäer oder Amerikaner sei, dem es gestattet würde, die Wohnräume eines Schokahauses zu betreten und in einer Schokawohnung zu essen. Die Gelegenheit war zu günstig, um unausgenutzt zu bleiben, und ich hatte große Lust, länger unter ihnen zu verweilen, um einen Einblick in ihre Lebensweise, ihre Sitten und Gebräuche erlangen und vor allen Dingen die unveränderliche Freundlichkeit dieser ehrlichen Gebirgsbewohner würdigen und genießen zu können.

Sie sind in der Tat geborene Gentlemen, diese würdigen Schokas, und als solche taten sie alles, was in ihren Kräften stand, meinen Aufenthalt unter ihnen angenehm zu machen. Es war ein förmlicher Wettstreit zwischen ihnen, wer mich zuerst bewirten und wer folgen sollte.

Einladungen zum Frühstück und Mittagessen strömten mir buchstäblich zu, aber die so bequeme »Migräne«, »Erkältung« und »frühere Verpflichtungen«, die in konventionellern Gegenden so wohl angebracht sind, waren hier von keiner Wirkung. Weder Karte noch freundliches Briefchen forderten einen hier auf, zu kommen und vergnügt zu sein. Die Gastgeber erschienen gewöhnlich in eigener Person en masse, um mich abzuholen, bei welcher dringenden Aufforderung es ohne Zerren und Schieben nicht abging. So konnte von einer Ablehnung keine Rede sein; und wirklich war ich meinerseits auch wenig geneigt, abzulehnen.

Wenn ich kam, breitete der Wirt schöne Matten und Decken von tibetischer oder alter chinesischer Arbeit und oft von großem Werte auf dem Boden aus. Vor einem erhöhten Sitze standen in glänzenden Messingschalen die verschiedenen Speisen und Leckereien aufgebaut, die das Mahl bilden sollten. Reis gab es jedesmal, dann Hammelfleisch mit Curry, süße und sauere Milch mit Zucker; dann Tschapatis nach hindostanischer Art und Schale, eine Art süßen aus Mehl bereiteten Pfannkuchens, Ghi, Zucker oder Honig, sowie auch Parsad, einen dicken Brei von Honig, gebranntem Zucker, Butter und Mehl, alles gut zusammengekocht, sogar für einen verwöhnten Gaumen eine leckere Speise.