»Nein!« lautete die entschiedene Antwort sämtlicher Schokas. »Der Schnee ist jetzt zu tief. Täglich fällt neuer Schnee. Für die nächsten vierzehn Tage wenigstens möchten wir jedem abraten, hinüberzugehen. Der Versuch wäre der sichere Tod. Sogar in der besten Zeit während eines Monats im Sommer sind diese beiden Pässe schwer ersteigbar und gefährlich; jetzt aber würde es reiner Wahnsinn sein, den Übergang zu versuchen.«
Meiner skeptischen Natur entsprechend, glaube ich wenig von dem, was ich nicht sehe. Ich machte mich also am nächsten Morgen auf den Weg, um allein zu rekognoszieren. Als sie mich so fest entschlossen sahen, änderten mehrere Schokas ihre Meinung und erboten sich, mir zu folgen. Sie waren mir an vielen gefährlichen Stellen von außerordentlichem Nutzen. Hin und wieder waren ein paar Schritte des schmalen Pfades schneefrei; sonst führten weite Strecken auf gefrorenem Schnee entlang, über Abgründen, in die hinabzublicken schon gefährlich war.
Die glückliche Rettung, die ich tags zuvor erlebt, hatte mein Vertrauen zu mir selbst nicht vermindert, mich aber mißtrauisch gemacht gegen jenes weiße Symbol der Reinheit und Unschuld, das in Wahrheit der am meisten heimtückische Stoff der Schöpfung ist. Ich fand bald heraus, daß wo Schnee war, auch Mühsal und Gefahr nicht fehlten. An Stellen, wo der Schnee besonders hart gefroren war, wagten wir nicht, auf der steilen, glatten Fläche zu gehen, und mußten zum Flusse hinabsteigen, der hier gänzlich mit Eis und Schnee überbrückt war. Wir überschritten ihn und versuchten, auf der andern Seite weiterzugehen. Wenn wir mit Mühe einige hundert Meter marschiert waren, mußten wir umkehren und unser Heil wieder auf dem ersten Ufer versuchen. So gingen wir wohl ein halbes dutzendmal über den Kuti hin und her, jedesmal nach einem steilen Abstieg, dem sofort ein steiler Anstieg folgte.
Die Spalten im Eise neben dem Flusse waren häufig und gefährlich, und wir wagten nicht, länger als durchaus notwendig neben ihnen zu verweilen. In sechs bis sieben Stunden hatten wir eine Entfernung von noch nicht 7 Kilometer zurückgelegt. Wir verließen den Kuti und folgten in nördlicher Richtung dem Laufe eines seiner Nebenflüsse, des Kambelschio, den wir überschritten, um auf dem jenseitigen Ufer in einer Höhe von 4090 Meter unser Lager aufzuschlagen.
Es blieben mir bei unserer Ankunft noch einige Tagesstunden, die ich benutzte, um Jagd auf Himalajagemsen zu machen. Ich stieg an einem nadelähnlichen Gipfel bis 4570 Meter empor.
Die Aussicht von diesem hohen Punkte war wunderbar! Meilenweit, es schienen Hunderte von Meilen zu sein, Schnee, nichts als Schnee! Dort erhob sich der Berg Jolinkan zu einer Höhe von über 5790 Meter. Auf jeder Seite des Kutiflusses ragten Gipfel von 6000 Meter und mehr empor. Hier und dort erschien die sonst weiße Decke, die auf dem Lande ringsum lag, fast grünlich gefärbt. Diese Stellen, deren ich viele sah, waren Gletscher, von denen die zahlreichen dem Kuti zuströmenden Flüsse gespeist werden.
Ich kehrte zum Lager zurück; es war nutzlos, noch weiterzugehen, und noch nutzloser, länger zu bleiben. Ich gab Befehl, das Lager abzubrechen, und um 2 Uhr nachmittags waren wir auf dem Rückwege nach Kuti. Es war ein ungewöhnlich warmer Tag, und die Oberfläche des Schnees, die am vorigen Tage so hart gewesen, war jetzt weich und wässerig. Mehrere der Schneebrücken waren schon verschwunden.
Einige meiner Kulis ließ ich zum Flusse hinunter vorangehen. Zwei von ihnen, die dicht vor mir gingen, schritten auf einer starken und breiten Eisbrücke über den Fluß. Ich wartete, bis sie sicher drüben wären. Als sie beinahe auf der andern Seite angekommen waren, fühlten sie ein eigentümliches Zittern unter ihren Füßen. So gut es ging, krochen sie auf allen vieren weiter und warnten durch Zurufe.
Schnell trat ich zurück, gerade zur rechten Zeit! Denn mit einem betäubenden Gekrach, das wie der stärkste Donner von Fels zu Fels zurückgeworfen wurde, stürzte die Brücke in die Tiefe. Die gewaltigen Eisstücke, die einen Augenblick zuvor noch einen Teil der Wölbung gebildet hatten, wurden jetzt von dem brausenden Strome fortgerissen und mit furchtbarer Gewalt gegen die nächste, unter dem schrecklichen Anprall erzitternde Eisbrücke geworfen.
Ein Marsch von drei Tagen brachte uns auf demselben Wege nach Garbyang zurück. –