Ich nahm mein gewöhnliches Bad in dem kalten Fluß und rieb mich über und über mit Schnee ab. Das fand ich sehr stärkend, und wenn die Reaktion eintrat, fühlte ich trotz der dünnen Kleider, die ich trug, eine behagliche Wärme durch den ganzen Körper.

Während wir lagerten, erschien eine Herde von ungefähr 600 Schafen und mit ihnen einige Tibeter. Da ich mein tibetisches Zelt aufgestellt hatte, stürzten die Tibeter darauf zu in der Erwartung, einen ihrer Landsleute zu finden. Ihre Verlegenheit war ergötzlich, als sie sich Dr. Wilson und mir gegenübersahen. Eiligst nahmen sie ihre Pelzmützen vom Kopfe, legten sie auf den Boden und machten eine komische, knicksende Verbeugung, als ob ihre Köpfe und Knie sich vermittelst einer Feder bewegten. Dann streckten sie die Zungen in ihrer ganzen Länge heraus, bis ich ihnen ein Zeichen gab, daß sie sie zurückziehen könnten, da ich einige Fragen an sie richten wollte.

Die unerwartete Begegnung mit uns hatte sie sehr erschreckt. Sie zitterten vor Furcht am ganzen Körper, und nachdem ich so viel Auskunft aus ihnen herausgebracht hatte, als überhaupt in ihnen zu stecken schien, benutzte ich die günstige Gelegenheit, einige ihrer fettesten Schafe zu kaufen. Als das Geld bezahlt war, gab es, ehe die Tibeter sich entfernten, eine neue Ausstellung von Zungen und noch großartigere Salaams, während auf unserer Seite alle Mann bemüht waren, die soeben gekauften Tiere an der Rückkehr zur Herde zu verhindern.

Auf unserm nächsten Marsche waren diese Tiere eine große Plage für uns; wir mußten sie den größten Teil des Weges zerren. Katschi, der mit der Führung eines sehr widerspenstigen, starken Tieres betraut war, das ich meinen Leuten ausdrücklich zum Mittagessen versprochen hatte, wenn sie an diesem Tage einen langen Marsch machten, geriet ganz außer Fassung, als er fand, daß das Schaf den Kopf aus der Schlinge gelöst hatte, an der er es zog, und daß es mit größter Geschwindigkeit nach der entgegengesetzten Richtung fortrannte. Nun ist es wohlbekannt, daß das Laufen in hohen Regionen für den Menschen sehr beschwerlich ist, da die dünne Luft fast zum Ersticken bringt. Trotzdem jagte Katschi hinter dem entlaufenen Tiere her, und, von dem Freudengeschrei und den Zurufen meiner Leute angefeuert, gelang es ihm nach einer aufregenden Jagd, das Tier am Schwanze zu erwischen, ein Kunststück, das leichter zu beschreiben als auszuführen ist, denn die tibetischen Schafe haben sehr kurze Stummelschwänze. Erschöpft fiel Katschi zu Boden, hielt aber mit beiden Händen den Flüchtling fest, bis das Tier an den Strick gebunden war.

Auf ziemlich welligem Boden stiegen wir allmählich zu einem Paß in 4750 Meter Höhe empor und dann folgten wir dem Kuti mit seinen hohen schneebedeckten Bergen im Westen und Osten. Die Schneelinie war in 4870 Meter Höhe. Noch immer waren rote und weiße Blumen zu sehen, wenn auch nicht in solchen Mengen wie tiefer unten, auch beobachtete ich allerliebste, kleine schwarz und weiße Schmetterlinge. Dieselbe Schmetterlingsart fand ich in Tibet sogar in noch höheren Regionen.

Wir kamen an einen merkwürdigen, flachen, kreisrunden Stein, der auf einem andern Felsen lag; er wurde mir als ein Wunder gezeigt. Nach einer unter den Schokas verbreiteten Sage hat einer ihrer Landsleute vor Jahrhunderten neben dem Felsen haltgemacht und einen Tschapati gebacken, den er auf den Stein legte. Als er sich anschickte, einen zweiten Tschapati zu machen, bemerkte er zu seinem großen Erstaunen, daß der erste sich in festen Stein verwandelt und einen ungeheuern Umfang angenommen hatte.

Verdächtige Fußtapfen.

Ein paar Meter weiter wurde mir ein anderes Wunder gezeigt, eine große menschliche Hand, wie die Tibeter und Schokas das Ding nennen, die nach der Legende dem Manne mit dem Tschapati angehört habe. Mit seiner ersten Erfahrung nicht zufrieden, hatte er eine Hand auf den Felsen gelegt, wo sie versteinert und ins Riesenhafte vergrößert liegenblieb. Mit einigem Aufwand von Phantasie konnte ich eine gewisse Ähnlichkeit mit einer ungeheuern Menschenhand herausfinden.