Wir mußten nun den Lauf des Stromes 2 Kilometer weit aufwärts verfolgen, bis wir eine ziemlich unsichere, doch passierbare Schneebrücke fanden, auf der meine Leute und Güter den Übergang bewerkstelligten. Wir nahmen unsern Kurs am Kuti wieder auf. Trotz der bedeutenden Höhe trafen wir große Flächen voll roter, violetter, weißer und leuchtend gelb gefärbter Blumen, die malerische, beständig wechselnde Effekte hervorbrachten.

Auf einem kleinen Passe von 4500 Meter angelangt, führt der Weg nach Darma am Jolinkan über den Lebungpaß. Es ist eigentlich nur ein Steig für Ziegen, beschwerlich und ermüdend, ausgenommen im Monat August, wo nur noch geringe Schneemengen vorhanden sind.

Der Jolinkanfluß, der auf dem Schneefelde östlich vom Lebung- oder Jolinkanpasse entspringt, mußte jetzt überschritten werden. Der stämmige Daku, der stets bereit war, sich nützlich zu machen, hob mich wie eine Feder auf seinen Rücken und bewahrte mich so davor, höher als bis über die Knie in das bitterkalte Wasser einzutauchen, wogegen es ihm bis an den Hals reichte. Links vom Wege, der in eine Höhe von 4550 Meter hinaufgestiegen ist, liegt 25 Meter über ihm ein kleiner, wunderschöner See von 500 Meter Länge und 400 Meter Breite. Sein Wasser, in dem sich die hohen Schneegipfel ringsum widerspiegeln, findet Abfluß in einem kurzen, aber äußerst reißenden Flusse, der brausend in den Kuti strömt. Bald nachdem wir diesen See verlassen hatten, kamen wir an eine kleine Wasserfläche, neben welcher dreizehn eigentümliche Pfeiler oder Säulen stehen, deren jede von dem ersten Tibeter oder Schoka errichtet worden ist, der den Paß während des Sommers überschreitet. Ein ebensolches Zeichen sieht man auch oben auf einem großen, aus dem Wasser des größern Sees hervorragenden Felsen.

Obgleich die Sonne schnell hinter den Bergen im Westen niederging, eilten wir vorwärts, um soweit als möglich in die Region des ewigen Schnees vorzudringen. Wir gingen noch über welligen Boden, und das Marschieren war weder schwierig noch mühselig, abgesehen von den eisig kalten, sehr reißenden Bächen, die wir zu durchwaten hatten. Wir vermochten nicht wieder warm zu werden; denn von dem einen Bad noch durchnäßt und vor Kälte zitternd, mußten wir bald darauf den nächsten Bach durchwaten, und dies wiederholte sich des öftern, so daß wir unter der beständigen Kälte sehr litten.

Unter meinen Leuten herrschte große Unzufriedenheit über den langen Marsch, da ihre Füße von der Kälte erstarrt waren. Sie empörten sich fast, als ich sie an einem Lagerplatz, den sie ausgewählt hatten, nicht bleiben ließ, sondern ihnen befahl, den Marsch fortzusetzen. Drei Kilometer von dem Punkte, an dem sie haltmachen wollten, überblickten wir ein großes, flaches Becken voll Steine und Kies, ungefähr ein Kilometer breit und anderthalb lang, das dem Anscheine nach früher ein See gewesen war. Es war von hohen, schneebedeckten Bergen umgeben und lag in einer Höhe von 4690 Meter. Es schien, als hätte die ungeheuere Masse von Steinen und Kieseln, die der den See speisende Fluß mit sich geführt hatte, dessen Bett so erhöht, daß das Wasser in den Kuti abfloß. So wie ich ihn sah, bildete der Fluß ein ausgedehntes Delta mit nicht weniger als zwölf Armen, die sich in dem Becken wieder zu einem einzigen Wasserlauf vereinigten, bevor er sich in den Kuti ergoß.

Natürlich wählten wir die breitern Stellen zum Durchschreiten, da wir annahmen, daß sie seichter sein würden als die schmalern. Wieder einmal mußte ich an diesem Tage Schuhe und Strümpfe ausziehen und durch das kalte Wasser waten. Es war ganz frisches Schneewasser und seine Temperatur wenig über dem Gefrierpunkt. Die Sonne war untergegangen, und es wehte schneidender Wind. Beim Überschreiten der zahlreichen Arme des Flusses fror ich so an den Füßen, daß ich kaum stehen konnte; überdies war das Treten auf scharfkantige Steine unter dem Wasser und das Anstoßen mit den erstarrten Zehen anfangs sehr schmerzhaft. Nach einer Weile waren meine Füße so gefühllos, daß ich einen eigentlichen Schmerz nicht mehr empfand, obgleich meine Fußsohlen und Zehen bei jedem Schritt zerschunden wurden. Nachdem ich fünf oder sechs Arme des Deltas hinter mir hatte, war ich außerstande, mich länger auf den Beinen zu halten; ich fing an, sie stark zu reiben, bis die Erstarrung langsam, aber unter heftigen Schmerzen wieder nachließ.

Es ist merkwürdig, wie sehr ein bißchen Humor bei solchen Gelegenheiten hilft. Für einen Zuschauer, der nicht wie wir zu leiden gehabt hätte, würde der Anblick unserer Gesellschaft beim Überschreiten jenes Deltas komisch gewesen sein. Der Ausdruck der Verdrießlichkeit auf den Gesichtern meiner Leute, von meinem eigenen nicht zu sprechen, würde den Unbeteiligten amüsiert haben. Das Entsetzen, das uns erfaßte, wenn wir, kaum aus dem einen gestiegen, immer wieder einen neuen Arm des Deltas vor uns auftauchen sahen, muß sich auf unsern Gesichtern gewiß in höchst drastischer Weise gezeigt haben. Unsere Fußbekleidung trugen wir auf den Schultern. Wir stolperten und plätscherten in dem grünlichen Wasser umher; jetzt fiel dieser, dann jener, vor Schmerzen fluchend, auf einer der Inseln nieder, bis wir schließlich alle auf halbem Wege kampfunfähig waren. Trotz unsers nicht beneidenswerten Zustandes, mit blutenden Füßen inmitten einer traurigen Öde, wurden meine Leute, die erst mürrisch gewesen waren, als ihnen ihr Wunsch abgeschlagen wurde, ganz gutmütig und lustig, als ich sie mit ihren augenblicklichen Mühsalen neckte und sie sahen, daß es mir nicht besser ging. Als wir nach endlosem Reiben in unsere Gliedmaßen etwas Blutzirkulation gebracht hatten, schickten wir uns an, die nächsten sechs Arme des Deltas zu überschreiten. Nach mehr als einstündiger Anstrengung konnten wir endlich unsere Fußbekleidung anziehen und empfanden dabei die wohltuende Befriedigung, die aus dem Bewußtsein der Überwindung von Schwierigkeiten hervorgeht. Nie kann ich meine Freude vergessen über eine sonst kaum beachtete Annehmlichkeit – über ein Paar warme Socken! Während ich diese Zeilen schreibe, durchlebe ich noch einmal das besondere Vergnügen, sie vorsichtig anzuziehen, und es wird mir für immer im Gedächtnis bleiben als Belohnung für die ausgestandenen Beschwerden.

Eine der hauptsächlichsten Schattenseiten des Reisens in hohen Regionen ist der Mangel an vegetabilischem Brennmaterial. Kein Baum, kein Strauch war in der Nähe unsers Lagers zu sehen. Die Natur trug hier ihr ödestes, dürftigstes Gewand. Da Holz fehlte, zerstreuten sich meine Leute, um den trockenen Dung von Jaken, Pferden und Schafen zu sammeln, der als Feuerung dienen sollte. Es war nicht leicht, dieses Material in Brand zu bringen; eine Schachtel Streichhölzer nach der andern wurde verbraucht und die vereinigte Kraft unserer Lungen hart in Anspruch genommen, um die Funken zu einer nur wenige Zoll hohen Flamme anzublasen. Auf diesem dürftigen Feuer versuchten wir Wasser zum Sieden zu bringen und unser Essen zu kochen, ein saures Stück Arbeit in dieser Höhe. Die Küche war an jenem Abend nicht von der gewöhnlichen Vortrefflichkeit und machte dem Koch nur wenig Ehre. Wir mußten alles halb gekocht oder, um es genauer zu sagen, fast gänzlich roh essen. Es war eine bitterkalte Nacht mit starkem Schneefall; als wir am Morgen aufstanden, lag der Schnee ein halbes Meter hoch rings um uns, und der blendende Glanz war für unsere Augen schmerzhaft.

Ich musterte meine Leute. Man Sing fehlte noch. Er war am Abend vorher nicht angekommen, und von dem Manne, den ich auf Suche nach ihm geschickt hatte, war auch keine Spur zu sehen. Ich war um Man Sing, der eine Last Mehl, Salz, Pfeffer und fünf Pfund Butter trug, besorgt und fürchtete, daß der arme Aussätzige von einem der gefährlichen Flüsse fortgerissen worden sein könnte; und wenn auch diese Befürchtung vielleicht grundlos war, so mußte er doch draußen in der kalten Nacht allein, ohne Obdach, ohne Feuer sehr zu leiden gehabt haben!

Es war lange nach Sonnenaufgang, als ich mit Hilfe meines Fernrohrs die beiden Männer entdeckte, die auf uns zukamen. Eine Stunde später langten sie an. Man Sing war mehrere Kilometer hinter uns gefunden worden, in tiefem Schlafe neben dem leeren Buttertopfe liegend, dessen Inhalt er verzehrt hatte. Die Entdeckung dieser Missetat verursachte im Lager die größte Entrüstung, denn Fett und Butter werden von den Eingeborenen, wenn sie über diese kalten Pässe gehen, als Wärme erzeugend sehr geschätzt. Er wurde fast das Opfer einer Lynchjustiz von seiten meiner erbosten Leute, und nur mit Mühe befreite ich ihn aus ihren Klauen. Um eine Wiederholung des Vorkommnisses zu verhindern, befahl ich dem Schuldigen, in Zukunft eine schwere Last von photographischen Platten und Instrumenten zu tragen, die nicht ganz so appetiterregend sein würden.