»Wie heißt du?« fragte ich ihn.

»Man Sing«, sagte er trocken und verfiel wieder in seine Träumerei.

Das knisternde Feuer war im Erlöschen, als plötzlich ein stämmiger Tibeter erschien, tief gebückt unter der schweren Last eines ungeheuern Baumstammes, den er auf dem Rücken trug. Er kam näher und warf das Holz auf das Feuer.

Das war wieder ein anderer Charakter. Stark wie ein Ochse, hatte dieser ein seltsames Vorleben gehabt. Er war seinerzeit ein wohlbekannter Bandit in der Gegend von Lhasa gewesen. Viele Menschen soll er ums Leben gebracht haben, und als er fand, daß sein eigenes in seinem Vaterlande in Gefahr war, hatte er sich auf der englischen Seite der Grenze niedergelassen und verschiedene Frauen geheiratet, die er mißhandelte und nacheinander fortjagte. Seinen letzten Familienhändeln hatte ich es zu verdanken, daß er in meinen Dienst gekommen war. Seine abnorme, für das Tragen von Lasten so wertvolle Kraft war seine einzige Empfehlung bei mir gewesen. Im Lager war er unter dem Namen Daku, der Räuber, bekannt.

Als ich meine andern Leute inspizierte, mit denen ich noch kaum bekannt geworden war, belustigte und interessierte mich die sonderbare Mischung von Geschöpfen, aus denen meine Bande bestand. Da waren Jumlis mit ihrem üppigen schwarzen Haar, das in kleinen Flechten und einem Haarbüschel über den Kopf gebunden war wie bei den Koreanern. Da waren Tibeter, Schokas aus Bias, Rongbas, Nepalesen, Radschputen und Totolas. Dann gab es einen Brahminen, zwei eingeborene Christen und einen Johari. Dazu kam Dr. Wilson. Welches Chaos von Sprachen und Dialekten!

Spaßhaft war, daß jede einzelne Kaste dieser bunten Schar auf alle andern herabsah. Daraus folgte vom ersten Tage an Trennung bei den Mahlzeiten, und das Lager wurde von ebenso vielen brennenden Feuern belebt, als es Kasten unter meinen Begleitern gab. Mir war dies ganz recht, da es mir eine Art von Garantie schien, daß sie sich nie alle zusammen zu einer Meuterei gegen mich verbinden würden.

Der arme Man Sing, der Aussätzige, zitterte vor Kälte. Er war nicht imstande gewesen, sich in Kuti eine Decke und Schuhe zu kaufen, und hatte anstatt dessen das Geld für Tabak ausgegeben. Dr. Wilson und ich erbarmten uns seiner. Wir hatten noch den Abend vor uns; so holte ich den Stoff heraus, den ich in Kuti gekauft hatte, und wir fingen an, mit Schere und Nadel einen neuen Anzug für den armen Kerl zuzuschneiden und zu nähen. Der Doktor besorgte das Zuschneiden und ich das Nähen. Ich kann nicht behaupten, daß ein Schneider von Profession nicht etwas besser Passendes zustande gebracht haben würde, aber die neuen Kleider saßen im allgemeinen nicht schlecht. Die einzige Unbequemlichkeit war die seitwärts zu schließende Jacke. Ich hatte keine Knöpfe und war deshalb genötigt, den Rock auf dem Manne selber zuzunähen.

Am nächsten Morgen um ½6 Uhr verließen wir das Lager. Hohe Berge ragten zu beiden Seiten von uns auf. Wir folgten dem Kuti, der hier von Westen nach Osten fließt. Auf der andern Seite des Kuti waren hohe senkrechte Felsen von einem lebhaft rot gefärbten Gestein mit blauen horizontalen Schichten, über denen eine Reihe sehr spitzer Gipfel emporragte.

Wir durchwateten drei Nebenflüsse des Kali; dann kamen wir an einen reißenden, tiefen Fluß, dessen Überschreitung uns große Mühe machte. Es war schon gegen Mittag, und der Strom, der von den schmelzenden Schneemassen gespeist wurde, stieg jeden Augenblick.

Zwei Kulis, die ich zuerst hineinschickte, erreichten die Mitte, wo ihnen das Wasser bis ans Kinn ging. Sie verloren den Halt und waren einen Augenblick hilflos und in Gefahr, fortgerissen zu werden. Die Lasten, die sie auf dem Kopfe trugen, waren teilweise verdorben, als es uns gelang, sie wieder ans Ufer zu bringen. Die andern Leute wurden dadurch abgeschreckt, und als sie sich nach einiger Zeit entschlossen, hinüberzugehen, war der Fluß so gestiegen, daß es unmöglich war, anders als durch Schwimmen auf das jenseitige Ufer zu gelangen; hiervon konnte aber wegen der Lasten keine Rede sein.