In 5800 Meter Höhe befanden wir uns auf einer längern Strecke von weichem Schnee, der ein Eisfeld bedeckte, das von tiefen Spalten durchzogen war. Mit großer Vorsicht mußten wir unsern Weg tasten, was bei dem matten Scheine des Mondes seine besondern Schwierigkeiten hatte.
Zum Glück hörten die Spalten auf, als wir höher kamen. Aber ich fing an, eine sonderbare Erschöpfung zu fühlen, die ich nie vorher empfunden hatte. Bei Sonnenuntergang war das Thermometer, das Katschi trug, plötzlich innerhalb weniger Minuten stark gefallen, und die schroffe Temperaturänderung schien uns alle mehr oder weniger zu beeinflussen. Wir setzten dennoch unsern Aufstieg fort, mit Ausnahme von Bijesing, der so heftig von der Bergkrankheit ergriffen wurde, daß er unfähig war zu folgen. Auch der Doktor, ein Mann von mächtigem Körperbau, litt sehr. Seine Beine waren, wie er sagte, bleischwer, und jedes schien einige Zentner zu wiegen. Die Anstrengung, sie zu heben und zu bewegen, erforderte seine ganze Energie. Obgleich er völlig außer Atem war und nach Luft schnappte, wollte er doch nicht nachgeben und mühte sich tapfer weiter, bis wir eine Höhe von 6250 Meter erreichten. Hier wurde er von solcher Erschöpfung und Schmerzen ergriffen, daß er unfähig war, weiterzugeben.
Katschi Ram, der Rongba und ich gingen weiter; aber auch wir litten. Katschi klagte über heftiges Hämmern in den Schläfen und lautes Sausen in den Ohren. Er keuchte furchtbar und taumelte unheimlich, ab und zu sank er zusammen. In 6400 Meter Höhe fiel er platt auf den Schnee. Er war sofort eingeschlafen, atmete schwer und schnarchte rasselnd. Seine Hände und Füße waren eiskalt, weshalb ich sie rieb. Aber was mir mehr Sorge machte als alles andere, war der unregelmäßige Schlag seines Herzens. Ich wickelte ihn in seine Decke und meinen Wettermantel ein und rief dann den Doktor, dem ich erzählte, was geschehen war. Ich selbst wollte noch so viel höher vordringen, als ich aushalten würde. Der Rongba war jetzt der einzige der Gesellschaft, der fähig war, sich aufrecht zu halten.
Ein dicker Nebel fiel ein und umhüllte uns, was das Emporklimmen bedeutend erschwerte. Unsere Anstrengungen, weiterzukommen, nachdem wir Katschi zurückgelassen hatten, waren verzweifelt; unsere Lungen waren in krampfhafter Tätigkeit, als ob sie bersten wollten, unsere Pulse beschleunigt. Unsere Herzen klopften, als wollten sie sich einen Weg aus dem Körper herausbahnen. Erschöpft und von einer unwiderstehlichen Schlafsucht ergriffen, erreichte ich mit dem Rongba schließlich dennoch die Höhe. Trotzdem ich mir schon lange die Unmöglichkeit klargemacht hatte, meine Leute auf diesem Wege hinüberzubringen, war es eine Genugtuung, hierher gelangt und eine solche Höhe erreicht zu haben. Es hatte auch das Gute, daß ich mich über die Schneeverhältnisse auf der andern Seite des Gebirges orientieren konnte. Wie ich durch den Nebel ab und zu sehen konnte, war die Menge des Schnees auf der nördlichen Seite der Kette größer als auf der südlichen. Wenn auch vor Ermüdung fast ohnmächtig, trug ich meine Beobachtungen doch ein. Die Höhe war 6700 Meter, die Zeit 11 Uhr nachts; der Wind wehte stark und schneidend aus Nordost. Ich hatte ungeschickterweise vergessen, mein Thermometer aus Katschis Tasche zu nehmen, als ich ihn verließ, und war nun nicht imstande, die Temperatur zu notieren; die Kälte war aber ganz intensiv. Die Sterne schienen außerordentlich hell, und der Mond beleuchtete eine Weile das Panorama rings um mich. Obgleich es ein Anblick größter Trostlosigleit war, bot er dennoch einen seltsamen, unbeschreiblichen Zauber. Unter mir, im Süden, lagen die Bergmassen im Schnee begraben, in Südosten und Nordosten ragten Gipfel auf, die noch höher waren als der, auf dem ich stand. Im Norden dehnte sich das ungeheure, öde tibetische Hochland aus mit wellenförmigen Erhebungen und verworrenen Hügelketten, über die aus der Ferne ein hoher Gebirgszug mit Schneegipfeln herüberblickte. In der Nähe konnte ich nur sehr wenig Schnee sehen, ausgenommen an dem nördlichen Abhange der Kette, auf der ich stand, und auf den Höhenzügen, die das Plateau durchkreuzten.
Ich hatte das Wunder der in ewiger Starrheit schlafenden Natur kaum geschaut, als der Nebel unter mir sich schon wieder erhob und ich ein riesenhaftes Gespenst erblickte, das aus dem Nebel, der ringsum alles in seinen Mantel hüllte, auftauchte.
Im Mittelpunkt eines leuchtenden Kreises stand eine große, dunkle Gestalt in einem ungeheuern Nebelschleier. Die Wirkung war überwältigend, und erst nach einigen Augenblicken wurde es mir klar, daß das Gespenst mir glich, eine flüchtige Darstellung meines eigenen, ins Ungeheuere vergrößerten Körpers, und daß ich im Mittelpunkte eines Mondregenbogens stand und auf mein eigenes Nebelbild blickte. Wie ich auch meine Arme, meinen Körper, meinen Kopf bewegte, die geisterhafte Gestalt tat es mir nach. Ich fühlte mich unwiderstehlich veranlaßt, meine Stellungen zu verändern, zuerst unruhig und etwas aufgeregt, dann mit innerlichem Lächeln über mein Tun, denn es machte mir Spaß, mein Nebelbild mich nachäffen zu sehen. Ich kam mir vor wie ein Kind, das zum erstenmal vor einem Spiegel steht.
Der Rongba war erschöpft niedergefallen, und auch ich fühlte mich bald so matt, daß ich trotz meines Ankämpfens dagegen auf dem Schnee zusammenbrach. Jämmerlich zitternd teilte ich mit dem Kuli dieselbe Decke, um uns gegenseitig mehr zu wärmen. Beide waren wir von einer unwiderstehlichen Schlafsucht ergriffen, die der Wirkung eines starken narkotischen Mittels glich. Ich versuchte alles dagegen, denn ich wußte nur zu gut, daß, wenn meine Augenlider sich einmal schlössen, sie sich nie mehr öffnen würden.
Ich rief den Rongba. Er schlief fest. Ich bot die letzte Spur von Lebenskraft auf, um meine Augen offen zu halten, aber der Wind blies stark und schneidend und pfiff sein grausames Lied. Noch heute höre ich es bei dem Gedanken an meine damalige Lage!
Der zähneklappernd zusammengekauerte Rongba stöhnte, und sein plötzliches Erschaudern verriet große Schmerzen. Ich hielt es für Christenpflicht, ihm die Decke allein zu überlassen, die für uns beide zu klein war, und wickelte sie ihm fest um Kopf und Leib. Er saß zusammengedrückt da, das Kinn auf den Knien.
Diese kleine Anstrengung war genügend, mich den Kampf gegen die Natur verlieren zu lassen. Wie das Medium unter hypnotischem Einfluß den eigenen Willen und die eigene Kraft plötzlich schwinden fühlt, so fühlte ich die gänzliche Hoffnungslosigkeit des weitern Abmühens gegen die scheinbar übernatürlichen Kräfte, mit denen ich kämpfte. Nach rückwärts auf den Schnee fallend, machte ich eine letzte verzweifelte Anstrengung, nach den glitzernden Sternen zu blicken … Vor meinen Augen wurde es trüb und dunkel. An Weiteres vermag ich mich nicht mehr zu erinnern. Wie lange diese halbe Bewußtlosigkeit währte, weiß ich nicht.