»Gott, wie gräßlich! Doktor! Katschi!« versuchte ich zu rufen – vergebens. Meine Stimme schien in meinem Halse erstickt.

War, was ich vor mir sah, wirklich? Die beiden zu Tode erfrorenen Männer lagen nebeneinander auf der weiten weißen Schneedecke, unbeweglich wie Statuen. Ich versuchte, sie aufzuheben. Sie waren ganz starr. Ich kniete neben ihnen nieder, rief sie und bemühte mich wie wahnsinnig, sie wieder zu Bewußtsein und Leben zurückzubringen. Verwirrt wandte ich mich um, um nach Bijesing zu sehen, und dabei schien alle Lebenskraft in mir zu erstarren. Ich sah mich selbst in einem geräumigen, aber sich schnell zusammenziehenden Grabe von durchsichtigem Eise eingeschlossen. Es war mir, als müßte auch ich bald ein fester Eisblock sein wie meine beiden Freunde. Meine Beine und Arme waren schon erstarrt.

In dem Entsetzen vor einem so hoffnungslosen, gräßlichen Tode wurden meine Empfindungen von einer unbeschreiblichen, aber fast wohltuenden Mattigkeit begleitet. Bis zu einem gewissen Grade hatte ich noch Bewußtsein. Sollte ich, Ruhe und Frieden der Anstrengung vorziehend, schmerzlos dahinsterben oder einen letzten verzweifelten Versuch machen, mich zu retten? Das Eis schien sich jeden Augenblick fester und fester zu schließen. Ich war am Ersticken.

»Hinaus! Ich muß hinaus!« versuchte ich zu schreien. »Weg mit dieser erstickenden Last!« Da fiel ich heftig zurück, und alles war verschwunden: der erfrorene Katschi, der Doktor, das durchsichtige Grab, das Nichts!

Als ich meine Augen öffnete, die wie von Nadelstichen schmerzten, schneite es stark. Ich hatte vorübergehend den Gebrauch meiner Beine und Finger verloren. Sie waren erfroren. So heftig die Erschütterung war, als ich mir vorstellte, wie schrecklich nahe ich dem Tode gewesen, war ich mir beim Erwachen von diesem gräßlichen Alpdrücken doch augenblicklich bewußt, unsern Weg nach einer tiefern Region antreten zu müssen. Schon war ich mit einer Schneedecke zugedeckt, und ich glaube, daß es der kalte Druck auf meine Stirn war, der jenen beängstigenden Traum hervorgerufen hatte. Wahrscheinlich ist es jedoch, daß ich ohne diese scheußliche Vision, die meine Nerven aus der lähmenden Betäubung aufrüttelte, nie aus jenem Zustand erwacht sein würde.

Mit Mühe richtete ich mich auf und gewann durch beständiges Reiben und Schlagen langsam den Gebrauch meiner Beine wieder. Ich weckte den Rongba, rieb ihn und schüttelte ihn, bis er fähig war, sich zu bewegen. Dann begannen wir den Abstieg.

Ohne Zweifel ist es eine große Genugtuung, hohe Berge zu ersteigen. Aber kann sie mit der des Abstiegs verglichen werden? Bei dieser Gelegenheit wurde ich in dieser Meinung noch mehr bestärkt.

Der Abstieg war gefährlich, aber nicht ermüdend. Da der Abhang außerordentlich steil war, machten wir auf dem Schnee Riesenschritte, und wenn wir an Schutt- und Trümmerfelder kamen, glitten wir bei jedem Schritt drei bis fünf Meter hinab unter dem betäubenden Geräusch der durch uns in Bewegung gebrachten ungeheuern Masse loser Steine.

»Horch!« sagte ich zu dem Rongba, »was ist das?«

Wir warteten, bis es still wurde, dann lauschten wir aufmerksam mit den Händen an den Ohren. Es schneite noch.