»Ao, ao, ao! Jaldi ao! Tumka hatte? Kommt, kommt, kommt schnell! Wo seid ihr?« rief eine schwache, angsterfüllte Stimme weit unten.
Wir beschleunigten unsere Schritte. Da wir über unsere Beine kaum Gewalt hatten, ging der Abstieg reißend schnell. Der Schneefall hörte auf, und wir wurden in einen dichten Nebel eingehüllt, der uns bis auf die Haut drang.
Durch die Rufe des Doktors geleitet, dessen Stimme wir nun erkannten, setzten wir unsern halsbrecherischen Abstieg fort. Die Rufe wurden immer deutlicher, und endlich fanden wir uns zu meiner größten Freude Wilson gegenüber, der, dem Himmel sei Dank, noch am Leben, aber fast hilflos war, da seine Beine, wie er sagte, noch wie Blei waren und er sie kaum bewegen konnte.
In Sorge um uns hatte er lange Zeit gerufen, und da er keine Antwort bekommen hatte, war er sehr unruhig geworden, um so mehr, als er fand, daß er uns in keiner Weise zu Hilfe kommen konnte. Er hatte uns bereits für verloren gehalten.
Wir sahen uns nach Katschi um. Er hatte, in seine warme Decke und meinen Mantel gewickelt, wie ein Murmeltier geschlafen und war jetzt ganz frisch. So setzten wir alle zusammen unsern Wettlauf nach unten fort, lustig schwatzend und über den glücklichen Ausgang scherzend. Der Aufstieg von dem Gletscher am Fuße des Berges bis zur Höhe hatte 4½ Stunden in Anspruch genommen; der Abstieg hatte, ohne die Aufenthalte zu rechnen, nur den neunten Teil jener Zeit gekostet.
Wir erreichten das Lager während der ersten Morgenstunden. Die Besorgnis meiner Leute war groß gewesen. Sie hatten alle Hoffnung verloren, uns wiederzusehen. Als ich ihnen sagte, daß wir über den Lumpiyapaß gehen würden, der für viel bequemer galt, waren sie wieder guter Dinge.
Wir zündeten ein Feuer an, und nachdem wir um 5 Uhr morgens eine außerordentliche Mahlzeit von Reis, Tschapatis, Fleischextrakt und stärkenden Konserven gehabt hatten, hielten wir uns zu einer Ruhe von einigen Stunden voll berechtigt.
Um 9 Uhr vormittags waren wir zum Aufbruch bereit. Das Thermometer zeigte im Innern des Zeltes 4½ Grad über Null, das Minimum draußen waren während der Nacht 10 Grad Kälte. Am Fuße des Gebirges entlang folgten wir dem Laufe des Kuti. Als wir um einen Felsvorsprung bogen, sahen wir auf einem Hügel uns gegenüber wieder 14 Steinsäulen und Pyramiden mit weißen Steinen und die üblichen fliegenden Gebete aus Zeug daran. An diesem Punkte beginnt der Aufstieg zum Lumpiyapaß.
Dreizehntes Kapitel.
Der Einmarsch in Tibet.
Unser Weg stieg allmählich an, bis wir an einem flachen, mit Schnee bedeckten Becken eine Höhe von 5290 Meter erreichten. Soweit waren wir ohne große Beschwerden gekommen. Aber plötzlich nahm die Sache eine Wendung zum Schlimmen, denn die Kulis in der langen stillen Reihe, an deren Spitze ich marschierte, sanken bis zu den Knien, oft auch bis zu den Hüften in den Schnee ein. Sie boten ohne Zweifel einen malerischen Anblick in dieser sonst so einsamen Region. Der Hintergrund des Bildes war wild und ernst, und mit der gefrorenen weißen Schneedecke standen die Gestalten in scharfem Kontrast. Einige trugen Pelzmützen mit Ohrenklappen; alle aber hatten lange Schaffellröcke und hohe Stiefel aus Fellen, und viele gebrauchten Schneebrillen. Diese Prozession, die schweigend und ernst und unter den Lasten keuchend mühsam höher und höher klomm, bot nicht nur ein malerisches Bild, sondern ließ auch die Schwierigkeiten des Weges erkennen.