Wir bewegten uns vorsichtig, um nicht in den vielen heimtückischen Spalten zu verschwinden. Ich wanderte mit beträchtlicher Mühe nach einer zirka 200 Meter höher gelegenen Stelle, wo ich auf einer fast schneefreien Felseninsel haltmachte. Sobald ein Kuli nach dem andern schwer atmend ankam, ließ er seine Last fallen und setzte sich ruhig neben sie. Es wurde kein Murren, kein Wort des Vorwurfs laut über die harte Arbeit, die ihnen zugemutet wurde.
Ein sehr steiler Aufstieg lag jetzt vor uns. Zur Linken hatten wir einen Gletscher, der mit einem schroffen Eishang von ungefähr 30 Meter Höhe begann. Wie der Mangschangletscher hatte auch er horizontale bandartige Schichten von klarem Eise, das keine Schmutzbänder zeigte. Senkrechte Streifen von dunklerer, grünlicher Färbung waren in dem Eise zu sehen; sie rührten von der ungleichen Dichte des Eises her. Die Schichten waren fast horizontal, ohne irgendwelche Krümmungen oder Einsenkungen. Der obere Teil, die Basis und die Seiten waren auch an diesem Gletscher tief im Schnee begraben.
Der Doktor und ich gingen voraus. In unserer Ungeduld, den Gipfel zu erreichen, und da wir nicht imstande waren, den jetzt meterhoch mit Schnee bedeckten Pfad zu unterscheiden, verfehlten wir die Richtung und erkletterten mit großer Anstrengung einen außerordentlich steilen Abhang. Hier befanden wir uns auf lästigem Geröll, auf dem wir uns über eine halbe Stunde abmühten, bis wir den Gipfel der Bergkette erreichten (5720 Meter), der beträchtlich höher liegt als der Paß. Vier Mann waren mit uns gekommen; die andern, denen wir Zeichen machten, gingen in der Richtung nach Westen auf einem andern gefährlichen Pfad, der um den Gletscher herumführte.
Der Nordostwind war durchdringend, die Kälte schrecklich. Hinter einem großen Felsen fanden wir zeitweise Schutz und untersuchten mit meinem Fernrohr das vor uns ausgebreitete tibetische Hochland. Von diesem hohen Horste aus hatten wir einen prächtigen Blick aus der Vogelperspektive.
Ungeheure Schneemassen bedeckten sowohl die tibetische Seite des Himalaja als auch das niedrigere Gebirge unmittelbar vor uns. 600 Meter tiefer fließt zwischen diesen beiden Bergzügen in einem weiten, kahlen Tale ein Fluß, der später Darma Yangti oder Lumpiya Yangti genannt wird. In der Ferne konnte man ein flaches Plateau sehen, das sich etwa 250 Meter über dem Flusse erhob, sich viele Kilometer weit hinzog und einem gigantischen Eisenbahndamm glich. Aus weiter Ferne blickte im Norden eine Kette von hohen blauen Bergen mit Schneekuppen herüber, ohne Zweifel die Gangrikette mit den Kelasgipfeln.
Leider hatte einen meiner Leute ein Unfall betroffen; der arme Rubso, ein Christ, war von Kälte und Anstrengung erschöpft zusammengesunken. Er lag in Krämpfen in halb bewußtlosem Zustande, mit klappernden Zähnen und verzerrtem, leichenblassem Gesicht; seine Augen waren eingesunken und ausdruckslos, und er zeigte Symptome vollständigen Kräfteverfalls. Eilig trugen wir ihn unter den Schutz eines Felsens und rieben ihn kräftig, in der Hoffnung, die Blutzirkulation wieder herzustellen. Nach mehr als einer halben Stunde Anstrengung erholte er sich zu unserer großen Erleichterung wieder etwas und war imstande, mit unserer Hilfe langsam weiterzugehen.
Da wir auf einem falschen Wege emporgeklommen waren, mußten wir jetzt zu dem 200 Meter tiefern Passe hinabsteigen. Wir gingen an gefährlichen Felsen und Trümmerfeldern entlang. Ich klammerte mich gerade mit halberfrorenen Fingern an einen vorspringenden Felsen an, als durchdringende Angstschreie von unten mein Ohr trafen. Trotz der unsichern Stellung, in der ich mich befand, wandte ich meinen Kopf, um zu sehen, was vorgefallen war.
Auf dem steilen Schneehang rutschten zwei Kulis mit ihren Lasten mit unglaublicher Geschwindigkeit ab. Schließlich erreichten sie das Becken, wo das Gefälle sich plötzlich änderte; infolgedessen überschlugen sie sich mehrmals, wodurch die verschiedenen Säcke, aus denen ihre Lasten bestanden, herumflogen und nach allen Richtungen zerstreut wurden. Ich stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als ich die Männer wieder aufstehen sah.
Der eine Kuli hob die ihm anvertraut gewesenen Sachen nach und nach wieder auf, band sie zusammen, packte sie wieder auf den Rücken und begann den schwierigen Aufstieg zum zweitenmal. Der andere schrie und stöhnte so, daß wir ihn von unserm Standpunkte deutlich hören konnten. Er schien Schwindel zu haben. Nach wenigen Augenblicken schwankte er, fiel nach rückwärts und blieb wie tot liegen.
Eiligst über die schlüpfrigen Felsen und auf den losen Trümmern hinabstürzend, gelangte ich auf den Paß. Sofort sandte ich zwei Leute, um dem Kuli Hilfe zu bringen. Zuerst trugen sie seine Last, dann ihn selbst herauf. Nach einiger Zeit hatte er sich von der heftigen Erschütterung und dem Schrecken erholt, und wenn er auch ziemlich übel zugerichtet war und überall Schmerz verspürte, so gelang es mir doch, den Mann zu überzeugen, daß ihm nichts von Bedeutung fehle.