Hierauf ging es den steilen Abhang auf der tibetischen Seite im Laufschritt hinab, um schnell von dem kalten, windigen Paß fortzukommen. Endlich erreichten wir den Fluß und schlugen unsere Zelte auf dem Schnee in 5150 Meter Höhe auf.
Hier gab es Weder Holz noch Jak- oder Pferdedung, keine Flechten und kein Moos, also nichts, womit wir ein Feuer anmachen konnten. Es war hart für meine Leute, daß sie nach einem so mühevollen Tage gezwungen sein sollten, schlafen zu gehen, ohne vorher eine warme Mahlzeit gehabt zu haben. Sie glauben, daß der Genuß kalter Nahrung in so beträchtlichen Höhen und bei so tiefer Temperatur zum sichern Tode führe. Sie zogen deshalb vor, ganz ohne Speise zu bleiben.
Die Nacht kam, und mit ihr blies der Wind in Stößen, Kies und Schnee rings um unsere Zelte aufhäufend. Während des Orkans, der in den Nachtstunden raste, mußten wir mehrmals aus unsern Zelten heraus, um die lockern Pflöcke fester zu machen. Alle die gefrorenen Stricke zu befestigen, war ein sehr hartes Stück Arbeit.
Von grobem Sand und Regen gepeitscht, packten wir, so gut wir konnten, unsere Siebensachen zusammen und machten uns wieder auf den Weg. Ich war etwas voraus, als ich zu meinem Erstaunen nur ungefähr 200 Meter von unserm Lager eine Doppelreihe von frischen Fußspuren auf dem Schnee fand. Die nach uns gerichteten waren etwas undeutlich und mit Sand bedeckt, während die in der entgegengesetzten Richtung gehenden ganz frisch schienen. Nachdem ich diese Fußspuren sorgfältig untersucht hatte, war ich ganz sicher, daß sie von einem Tibeter herrührten. Wo die Fußspuren aufhörten, zeigten Abdrücke im Schnee, daß sich der Mann an verschiedenen Stellen platt auf den Boden gelegt hatte. Ohne Zweifel hatte man uns nachspioniert und uns beobachtet.
Meine Leute hatten, seitdem wir auf diese Seite des Himalaja gekommen waren, Zeichen von Furcht verraten. Sie besahen sich jetzt alle ängstlich diese Spuren und stellten Vermutungen über ihren Ursprung an. Einige mutmaßten, daß der Mann ein Daku, ein Räuber, sein müsse, und daß wir am Abend von der ganzen Bande angegriffen werden würden; andere behaupteten, der Spion könne nur ein Soldat sein, der von den tibetischen Offizieren in Gyanema ausgeschickt sei, um unsere Bewegungen zu überwachen. Unter allen Umständen galt der Zwischenfall als ein böses Omen. Während unsers Weitermarsches sahen wir die Fährten fortwährend. Die kühnsten Vermutungen wurden laut.
Meine Leute waren so erschöpft, daß wir bald in 5070 Meter Höhe haltmachen mußten. Die Kälte war intensiv, und wieder hatten wir keinerlei Brennmaterial. Der Wind tobte, und am Abend fiel dichter Schnee. Die halbverhungerten Träger aßen ein bißchen Satu, eine Art Hafermehl, aber Tschanden Sing, ein Radschpute, konnte, ohne das Gesetz seiner Kaste zu verletzen, seine Speise nicht unzubereitet essen. Vor zwei Tagen hatte er seine letzte Mahlzeit gehabt, aber ehe er die Gesetze seiner Religion übertreten hätte, zog er es vor, sich in seine Decke zu rollen und hungrig schlafen zu gehen.
Der Schnee lag 30 Zentimeter hoch und fiel immer noch dicht. Die Träger versuchten zu schlafen, indem sie sich zur Erwärmung so nahe zusammenkauerten als möglich. Sie weigerten sich weiterzugehen und sagten, sie würden lieber sterben. Wir fanden es auch bequemer, ihnen zu glauben und unter den Decken im Zelte soviel Wärme und Schlaf zu genießen als möglich.
Zwei oder drei Stunden später klärte sich das Wetter auf. Die halbverhungerten Kulis beklagten sich, daß sie wieder keine Feuerung finden könnten, um ihr Essen zu kochen, und sagten, sie wollten mich verlassen. Die Lage war kritisch, das sah ich ein. Sofort nahm ich mein Fernrohr und kletterte auf den Gipfel eines kleinen Hügels. Es war seltsam, was für ein unbegrenztes Vertrauen die Kulis zu diesem Glase hatten. Offenbar glaubten sie nach Art der Kinder, daß ich mit ihm durch die Berge hindurchsehen könne. Mit der beruhigenden Nachricht, daß ein weiterer Tagemarsch uns zu einer Menge Feuerungsmaterial bringen würde, kam ich herab.
Nun beeilten sie sich vergnügt, die Lasten zu packen, und gingen mit ungewöhnlicher Energie in der von mir angegebenen Richtung vorwärts. Sechs Stunden flotten Marsches brachten uns an eine geschützte Stelle, wo ein paar Flechten und Strauchwerk wuchsen. Wären wir plötzlich in den Schwarzwald oder in das Yosemitetal mit ihren Jahrhunderte alten Riesenbäumen hinabgestiegen, unser Entzücken hätte nicht größer sein können. Diese Sträucher ragten nicht höher als 15 bis 20 Zentimeter vom Boden auf, während der Durchmesser des stärksten Stückes, das wir sammelten, kleiner war als der eines gewöhnlichen Bleistifts. Mit Fieberhast waren alle Hände beschäftigt, diese Pflanzen zur Verwendung als Brennholz herauszureißen.
Als der Abend kam, war dieselbe Anzahl von Händen mit Kochen beschäftigt und zugleich damit, soviel dampfende Speise als möglich mit beängstigender Schnelligkeit in die Mäuler der verhungerten Kulis überzuführen. Glückseligkeit herrschte im Lager, und das eben erduldete Ungemach war vergessen.