Eine neue Überraschung erwartete uns, als wir aufstanden. Zwei als Bettler verkleidete Tibeter waren nach unserm Lager gekommen. Sie gaben vor, von Kälte und Hunger zu leiden. Ich befahl, sie ordentlich zu speisen und freundlich zu behandeln. Als ein Kreuzverhör mit ihnen angestellt wurde, gestanden sie, Spione zu sein, die von den Offizieren in Gyanema ausgesandt waren, um zu erforschen, ob ein Sahib die Grenze überschritten habe und ob wir etwas von ihm gesehen hätten.

Am Morgen hatten wir uns immer um so vieles zu bekümmern, und es war so kalt, daß das Waschen geradezu eine Plage geworden war; ich hatte es daher einstweilen aufgegeben. Wir waren von der Sonne verbrannt und trugen Turbane und Schneebrillen, so daß die Tibeter uns unter dem Eindruck verließen, daß unsere Gesellschaft aus einem Hindu-Doktor, seinem Bruder und einer Karawane von Dienern bestand, von denen keiner einen Sahib gesehen hatte, und daß wir jetzt auf einer Pilgerfahrt nach dem heiligen Mansarowarsee und dem Berge Kelas wären.

Wir machten uns darüber lustig, aber nichtsdestoweniger beratschlagten Wilson und ich sorgenvoll über unsere nächsten Pläne. Sollten wir während der Nacht einen eiligen Marsch über die Bergkette zu unserer Rechten machen und ostwärts durch die Wildnis gehen oder sollten wir uns dem Anführer von Gyanema und seinen Soldaten gegenüberstellen?

»Wenn wir ihnen ausweichen und durch die Wildnis gehen,« sagte Wilson, »werden sie denken, wir laufen fort. Wir haben nichts Böses getan.«

»Ja, ich ziehe vor, ihnen entgegenzutreten«, sagte ich. »Gehen wir!« und ich gab Befehl, das Lager augenblicklich abzubrechen.

Vierzehntes Kapitel.
Die Grenzwachen.

Wir nahmen unsern Kurs nach Nordosten und ließen das hohe Tafelland im Westen liegen. So kamen wir bei Lama Tschokden oder Tschorden an, einem von einer tibetischen Wache besetzten Passe. Als wir uns näherten, kamen die Tibeter schnell heraus, Luntenflinten in der Hand. Sie schienen eine elende Bande zu sein und leisteten nicht nur keinen Widerstand, sondern kamen sogar, um Geld und Essen zu betteln. Sie klagten über schlechte Behandlung von seiten ihrer Vorgesetzten und gaben an, daß sie keine Bezahlung erhielten und daß ihnen selbst Nahrungsmittel nur gelegentlich nach diesem Außenposten gesandt würden. Ihre Röcke waren zerlumpt; jeder Mann trug ein Schwert im Gürtel. Auch hier hatten wir wieder Fragen nach dem jungen Sahib zu beantworten, da reitende Boten in größter Eile von Taklakot ausgeschickt worden seien, um den Offizier in Gyanema zu warnen, den Sahib nicht über den Lumpiyapaß in Hundes eindringen zu lassen, wenn er es versuchen sollte.

Ihre Beschreibung meiner Persönlichkeit, wie man sie sich dort vorstellte, war sehr ergötzlich, und als sie sagten, daß sie dem Sahib, wenn er käme, den Kopf abschneiden würden, fühlte ich mich von ihrer Güte so gerührt, daß ich einige Rupien als Backschisch unter sie verteilen wollte.

Verhandlung mit dem Tarjum von Barka.