»Geben Sie ihnen nichts, Herr!« sagten Katschi und der Doktor. »Diese Kerle sind dicke Freunde mit den Dakoitbanden, und diese werden es bald erfahren, daß wir Geld bei uns haben, und dann werden wir Gefahr laufen, heute nacht angegriffen zu werden.«
Ich bestand darauf, ihnen etwas zu schenken.
Im Schreckenslager.
»Nein, Herr,« rief Katschi außer sich, »tue es nicht, oder es wird uns unendliche Not und Unglück bringen. Wenn du ihnen vier Annas gibst, wird das reichlich genug sein.«
So wurde denn dem befehlshabenden Offizier diese große Summe in die Fläche seiner ausgestreckten Hand gelegt. Um seine Befriedigung zu zeigen, streckte er die Zunge in ihrer ganzen Länge heraus, schwenkte einige Minuten lang beide Hände gegen mich, während er sich schwerfällig verbeugte. Seine Pelzkappe hatte er schon vorher abgenommen und auf den Boden geworfen. Dies war in der Tat ein großartiger Salaam und Dank für eine Summe, die keine 40 Pfennig betrug.
Während der Doktor im Gespräch mit ihm blieb, ging ich abseits, um eine seltsame Szene zu betrachten. Die Wolken hatten sich im Norden zerstreut, und majestätisch stand der schneegekrönte heilige Berg Kelas vor uns. Einen so bezaubernden Anblick habe ich selten genossen. Dem anmutigen Dach eines Tempels nicht unähnlich, ragt der Kelas über den langen schneegekrönten Gebirgszug empor und kontrastiert in der schönen Verschmelzung der Töne mit der warmen Ockerfarbe der geringern Erhebungen der Kette. Der Kelas ist ungefähr 600 Meter höher als die andern Berge der Gangrikette und hat scharf abgegrenzte Kanten und Terrassen, die seine Gesteinsschichten bezeichnen und auf denen horizontale Schneebänder sich glänzend von den vom Eis erodierten dunkeln Felsen abheben. Die Tibeter, die Nepalesen, die Jumlis und die Hindus verehren diesen Berg, der, wie sie glauben, der Aufenthalt aller guten Götter, besonders des Gottes Siwa, ist. Der Rand um den Fuß des Kelas wird von den Hindus für den Abdruck der Stricke gehalten, die der Rakas oder Teufel benutzte, um den Thron des Gottes Siwa herunterzureißen.
Mit unbedeckten Köpfen, die Gesichter nach dem heiligen Gipfel gerichtet, murmelten meine Leute Gebete. Mit gefalteten Händen, die sie langsam zur Höhe der Stirn erhoben, beteten sie inbrünstig und knieten dann nieder, die Köpfe tief zur Erde geneigt. Mein Begleiter, der Brigant, der dicht neben mir stand, flüsterte mir eilig zu, daß ich mich diesem Gebetsakt anschließen sollte.
»Du mußt Freundschaft mit den Göttern halten«, sagte der Bandit. »Das Unglück wird dich begleiten, wenn du dem Kelas keinen Salaam gibst; das ist die Wohnung eines guten Gottes.« Dabei wies er mit der frömmsten Miene nach dem Berge.
Um ihm gefällig zu sein, grüßte ich den Berg verehrungsvollst und legte, es den andern nachmachend, einen weißen Stein auf einen der Hunderte von Tschokden oder Obo, die von Frommen an dieser Stelle errichtet worden sind. Diese Obo, rohe Steinpyramiden, findet man auf allen Wegen, die über die hohen Pässe führen, neben Seen, ja in der Tat überall, aber selten in solchen Mengen wie bei Lama Tschokden. Der Hügel vor und hinter dem Wachthause war mit diesen Haufen buchstäblich bedeckt. Jeder Vorübergehende legt einen Stein, wenn möglich einen weißen, auf einen Obo, was ihm Glück bringt oder was, wenn er einen Wunsch hat, die Chancen der Erfüllung vermehrt.