Das Wachthaus selbst war aus rohen Steinen jämmerlich aufgebaut und würde in jedem andern Lande als Tibet nicht einmal für Schweine als passende Unterkunft angesehen worden sein.
Noch waren wir unbelästigt. Als wir ein paar Kilometer weitergegangen waren und die Sonne schon dem Untergehen nahe war, suchten wir nach einem passenden Platze für unsere Zelte. Es war keine Spur von Wasser vorhanden, nur das steinige Bett eines ausgetrockneten kleinen Baches. Wir besprachen eben unsere Lage, als ein schwacher Ton wie von rauschendem Wasser unser Ohr traf. Er wurde lauter und lauter, und wir sahen klares Schneewasser auf uns zuströmen und allmählich über das Steinbett sich ergießen. Offenbar hatte der Schnee der Berge zum Schmelzen den ganzen Tag gebraucht, und das Schmelzwasser kam jetzt gerade herab. Mein Daku war in großer Aufregung.
»Wasser fließt dir zu, Sahib!« rief er, indem er die Arme ausstreckte. »Du wirst großes Glück haben! Sieh! Sieh! Du brauchst Wasser für dein Lager, und ein Strom fließt dir zu! Der Himmel segnet dich. Du mußt deine Finger in das Wasser tauchen, sobald es an dich herankommt, und einige Tropfen über deine Schultern werfen, dann wird das Glück dich auf deiner Reise begleiten.«
Bereitwillig machte ich diesen tibetischen Glauben mit, und wir tauchten alle unsere Finger ein und sprengten das Wasser über unsern Rücken. Wilson indessen, der die Sache ernsthaft nahm, sagte, das sei alles Unsinn, und wollte bei einer solchen Kinderei nicht mittun.
Die Zukunft war in der Tat unbekannt, und Glück würde mir wertvoll gewesen sein. Aber wie wenig wurde diese einfache Beschwörung in den kommenden Tagen erhört!
Vor unserm Lager war eine lange Strecke angeschwemmten Landes, das allem Anschein nach in einer entlegenen Zeit das Bett eines großen, ungefähr 18 Kilometer langen und 25 Kilometer breiten Sees gewesen ist. Mit meinem Fernrohr konnte ich im Nordosten am Fuße eines kleinen Hügels deutlich den Lagerplatz von Karko sehen. Es waren viele Zelte dort, und meine Leute schienen sehr beruhigt, als wir nach Form und Farbe derselben herausfanden, daß es die der Joharis von Milam waren, die nach diesem Platze kommen, um mit den Hunyas Handel zu treiben. Hinter Karko nach Norden zu zeigte sich eine glänzende Wasserfläche, der See von Gyanema, und hinter ihm einige verhältnismäßig niedrige Hügelzüge. In der Ferne waren wieder sehr hohe schneebedeckte Berge sichtbar.
Während unsers Weitermarsches sahen wir viele große Herden von Kiang oder wilden Eseln. Die Tiere kamen ganz dicht an uns heran. Sie sind an Gestalt und Bewegung des Körpers den Zebras sehr ähnlich; ihre Farbe war meist hellbraun. Die Eingeborenen betrachten ihre Nachbarschaft als außerordentlich gefährlich. Denn ihre scheinbare Zahmheit ist häufig trügerisch, da sie oft ganz nahe an den arglosen Reisenden herankommen, ihn dann mit einer plötzlichen Wendung am Leibe packen und ihm mit ihren gewaltigen Kiefern zuweilen furchtbare Wunden beibringen. Ihr anmutiges, kokettes Wesen ist äußerst anziehend; wir warfen gelegentlich mit Steinen nach ihnen, um sie in sicherer Entfernung zu halten, aber wenn sie zierlich davongaloppiert waren, folgten sie uns immer wieder und kamen bis auf wenige Meter heran. Es gelang mir, einige sehr gute Negative von ihnen zu bekommen, die später leider von den tibetischen Behörden vernichtet wurden.
Wir erstiegen wieder eine Hügelkette und kamen auf der andern Seite zu einer grasbedeckten Strecke ebenen Landes hinab, in deren nördlichem Teil eine Wasserfläche lag. Auf einem Hügel südlich vom See stand das Gyanema Char oder Fort, ein primitives, turmartiges Bauwerk aus Steinen mit einem darüber ausgespannten Zelte, das als Dach diente; es trug eine Flaggenstange, an der zwei schmutzige weiße Lumpen flatterten. Es waren nicht die Fahnen der Tibeter, sondern nur fliegende Gebete.
Tiefer unten am Fuße des Hügels waren zwei oder drei große schwarze Zelte und eine kleine Steinhütte. Hunderte von schwarzen, weißen und braunen Jaken weideten auf der grünen Fläche.
Das Erscheinen unserer Gesellschaft erregte augenscheinlich Aufsehen, denn wir hatten uns kaum auf der Höhe des Passes gezeigt, als eine Trommel aus dem Fort zu tönen begann, die die Luft mit ihren unmelodischen, metallischen Klängen erfüllte. Ein Schuß wurde abgefeuert. Wir sahen Soldaten mit ihren Luntenflinten hin und her laufen. Sie rissen eins der schwarzen Zelte nieder und schafften es eilig in das Fort hinein, während der größte Teil der Garnison mit einer Eile, die lebhaft an wilde Flucht erinnerte, innerhalb der Mauern Schutz suchte.