Als sie sich nach einer kleinen Weile überzeugt hatten, daß wir keine bösen Absichten hatten, kamen einige der tibetischen Offiziere, von ihren Mannschaften gefolgt, uns ängstlich entgegen. Der Doktor ging unbewaffnet voraus, um mit ihnen zu sprechen, wogegen ich und mein Träger bei den Kulis blieben, zu dem doppelten Zweck, unser Gepäck im Falle eines verräterischen Angriffs zu schützen und unsere von panischem Schrecken ergriffenen Träger zu verhindern, ihre Lasten zu verlassen und auszureißen. Aber die Sache ließ sich ganz friedlich an.

Decken wurden auf das Gras gebreitet, und schließlich setzten wir uns alle nieder. Eine Stunde ermüdender Unterhandlungen mit den tibetischen Offizieren, während deren dieselben Dinge immer und immer wieder zur Sprache kamen, führte zu nichts. Sie sagten, daß sie unter keiner Bedingung irgend jemand, der aus Indien käme, gleichviel ob Eingeborener oder Sahib, erlauben könnten, weiterzugehen, und daß wir zurück müßten. Wir unsererseits gaben an, daß wir keine schlimmen Absichten hätten. Wir wären Pilger nach dem heiligen See von Mansarowar, der keine 60 Kilometer von hier lag. Wir hätten uns große Kosten und Beschwerden auferlegt. Wie könnten wir jetzt, so nahe an unserm Ziel, umkehren? Wir wollten nicht zurückgehen und hofften, daß sie uns erlauben würden, unsern Weg fortzusetzen.

Wir behandelten sie höflich und freundlich, und da sie dies wahrscheinlich fälschlich für Furcht hielten, zogen sie schnell Vorteil daraus, besonders der Magpun oder erste Offizier und Befehlshaber des Forts von Gyanema. Die ausgesprochene Unterwürfigkeit, die er zuerst zur Schau getragen hatte, schlug plötzlich in Anmaßung um.

»Ihr werdet mir den Kopf abschneiden müssen,« sagte er mit bösartiger Miene, »oder vielmehr, ich werde euern abschneiden, ehe ich euch einen Schritt weitergehen lasse.«

»Mir den Kopf abschneiden, du Schurke!« rief ich, indem ich aufsprang und eine Patrone in mein Gewehr schob.

»Mir den Kopf abschneiden!« wiederholte mein Träger und richtete sein Gewehr auf den Offizier.

»Uns die Köpfe abschneiden«, schrien der Brahmine und die beiden christlichen Diener Dr. Wilsons zornig, indem sie ein Winchestergewehr und ein Paar Gurkha-Kukris (große Messer) erfaßten.

»Nein, nein, nein! Salaam, Salaam, Salaam!« stieß der Magpun mit einer Zungenfertigkeit heraus, die nur ein von panischem Schrecken ergriffener Mensch besitzt. »Salaam, Salaam«, wiederholte er und verneigte sich bis zur Erde, mit herausgestreckter Zunge, indem er in ekelhaft kriechender Weise seinen Hut zu unsern Füßen legte. »Laßt uns wie Freunde sprechen!«

Die Leute des Magpun, die nicht tapferer waren als ihr Herr, veränderten mit reizender Unverfrorenheit ihre Stellung, um im Falle unsers Schießens durch ihre Vorgesetzten gedeckt zu sein. Als sie bei näherer Überlegung fanden, daß sogar eine solche Vorsicht ihnen nur geringe Sicherheit gewährte, standen sie einer nach dem andern auf, gingen erst standhaft ein halbes Dutzend Schritte fort, um zu zeigen, daß es nicht Furcht sei, die sie zum Abgehen veranlaßte, und – rissen dann aus.

Der Magpun und die andern Offiziere, die dablieben, wurden immer demütiger. Wir sprachen und verhandelten in freundlicher Weise noch weitere zwei Stunden, aber nicht mit merklichem Erfolg. Der Magpun konnte nicht nach seinem eigenen Willen handeln. Er wolle mit seinen Offizieren Rat halten und könne uns nicht eher Bescheid geben als am nächsten Morgen. Inzwischen würde er für unsere Verpflegung sorgen und sich für unsere Sicherheit verbürgen, wenn wir neben seinem Zelte lagern wollten.