Ich wußte wohl, daß das nur ein Mittel war, Zeit zu gewinnen, um nach Barka nördlich vom Rakastal und nach den nächstgelegenen Lagern um Soldaten zu schicken. Ich äußerte ihm offen meinen Verdacht, fügte aber bei, ich wünschte mit den tibetischen Behörden zunächst auf freundlichem Fuße zu verhandeln, bevor ich zur Gewalt griffe. Ich erinnerte den Magpun wieder daran, daß wir nur friedliche Reisende seien, die nicht gekommen seien, um zu kämpfen; ich würde alles, was ich von ihm oder seinen Leuten kaufen würde, zehnfach bezahlen und würde es gern tun; aber gleichzeitig sollte sich jeder in acht nehmen, der es wagen würde, auch nur einem meiner Leute ein Haar zu krümmen. Der Magpun erklärte, er verstehe alles sehr gut. Er schwor Freundschaft und bat uns, als seine Freunde die Nacht über bei seinem Lager zuzubringen. Bei der Sonne und der Dreieinigkeit schwor er, daß uns in keiner Hinsicht Leid geschehen solle. Er verabschiedete sich dann demütig von uns.

Der Doktor und ich saßen zuvorderst, hinter uns Tschanden Sing, der Brahmine und die zwei Christen. Die Träger waren weiter hinten. Ich schaute mich nach ihnen um. Welcher Anblick! Alle miteinander jammerten sie kläglich, und jeder verhüllte das Gesicht mit den Händen. Katschi liefen die Tränen über die Wangen, Dola seufzte, während der Daku und der andere in meinen Diensten stehende Tibeter, die sich zur Vorsicht verkleidet hatten, sich hinter ihren Lasten versteckt hielten. So ernsthaft die Lage war, mußte ich doch über die entmutigten Leute lachen.

Wir schlugen unsere Zelte auf. Ich hatte schon eine Zeitlang im Zelt gesessen, meine Beobachtungen registriert und mein Tagebuch weiter geschrieben, als Katschi in augenscheinlich großer Angst hereinkroch. Er war so gänzlich außer Fassung, daß er kaum sprechen konnte.

»Herr!« flüsterte er. »Herr! die Tibeter haben einen Mann zu deinen Kulis geschickt, der ihnen befohlen hat, daß sie dich verraten oder sterben müßten. Sie müssen dich während der Nacht verlassen, und wenn du versuchst, sie zurückzuhalten, müssen sie dich töten!«

Zu derselben Zeit, als dieser Spion abgesandt worden war, um sich mit meinen Kulis zu verschwören, hatten andere Boten des Magpun große Massen trockenen Dungs für unser Feuer gebracht und mir neue Versicherungen seiner Freundschaft übermittelt. Trotzdem wurden Soldaten nach jeder Richtung ausgeschickt, um Hilfe herbeizurufen. Ich sah sie fortgehen; einer ging nach Kardam und Taklakot; ein zweiter ging nach Barka, und ein dritter galoppierte nach Westen.

Meine Träger bereiteten augenscheinlich einen Handstreich vor, wie ich durch eine Öffnung im Zelte beobachten konnte. Sie waren emsig beschäftigt, ihre Decken und Kleider von meinen Lasten zu trennen, die Vorräte unter sich zu verteilen und meine eigenen Güter beiseite zu werfen. Ich ging zu ihnen hinaus und ließ sie ruhig die Sachen wieder so verpacken, wie sie gewesen waren; dabei warnte ich sie, daß ich jeden erschießen würde, der versuchen sollte, zu meutern oder zu desertieren.

Während der Doktor und ich uns zu einer ausgiebigen Mahlzeit niedersetzten, zu unserer letzten nach den im Lager umgehenden Gerüchten, wurde Tschanden Sing mit den Vorbereitungen zum Kriege von unserer Seite betraut. Mit großem Behagen reinigte er die Flinten und machte die Munition fertig, denn er sehnte sich danach zu kämpfen.

Der Brahmine, auf dessen Treue wir uns auch verlassen konnten, blieb bei der ganzen Sache kühl und gefaßt. Er war ein Philosoph und zerbrach sich nie den Kopf über irgend etwas. Er beteiligte sich nicht aktiv an der Vorbereitung zu unserer Verteidigung, denn er fürchtete den Tod nicht. Gott allein könne ihn töten, so behauptete er, und alle Luntenflinten im Lande zusammengenommen könnten ihm keine Kugel durch den Leib jagen, wenn nicht Gott es wünsche. Und wenn dies wäre, was würde es nützen, sich gegen den Willen Gottes aufzulehnen? Die beiden Bekehrten waren als gute Christen praktischer und verloren keine Zeit, die gewaltigen Klingen ihrer Kukris zur Schärfe von Rasiermessern zu schleifen.

Unserer sechs waren wir nun bereit, der ganzen tibetischen Armee entgegenzutreten! Als die Dunkelheit kam, wurden in einiger Entfernung rings um unser Lager Wachen aufgestellt. Es war zu vermuten, daß, sobald sich Gelegenheit bieten sollte, auf unser Zelt ein gemeinsamer Überfall mit meinen verräterischen Trägern geplant war. Einer von uns hielt die ganze Nacht hindurch draußen Wache, und wir legten uns drinnen in unsern Kleidern nieder, die geladenen Flinten für den Notfall neben uns. Ich kann nicht sagen, daß Dr. Wilson und ich Furcht empfanden, denn die malerischen tibetischen Soldaten mit ihren plumpen Luntenflinten, ihren langen Speeren und edelsteinbesetzten Schwertern und Dolchen flößten uns mehr Verachtung als Schrecken ein.

Fünfzehntes Kapitel.
Der Tarjum von Barka.