Ich hatte, wie gewöhnlich, am Morgen gebadet, und mein türkisches Handtuch war vor dem Zelte zum Trocknen ausgebreitet. Der Tarjum, der großes Interesse für alle unsere Sachen zeigte, fand ein besonderes Wohlgefallen an dem knotigen Gewebe. Er ließ sein Kind holen, damit es diesen wundervollen Stoff sähe, und als es kam, wurde das Handtuch auf des Knaben Rücken gelegt, als ob es ein Schal wäre. Sogleich bot ich es ihm zum Geschenk an, wenn er es annehmen wollte. Sein Entzücken kannte keine Grenzen, und unsere vor wenig Minuten noch etwas gespannten Beziehungen trugen nun den freundlichsten Charakter. Wir luden die Gesellschaft in unser Zelt ein, und sie untersuchten alles mit Verwunderung und taten die verschiedenartigsten Fragen. Jetzt waren sie ganz lustig und vergnügt und gelegentlich sogar witzig.

Die Tibeter haben eine große Begierde nach Alkohol; sie fragten mich daher bald, ob ich ihnen welchen geben könnte, es gäbe nichts, was sie lieber hätten. Da ich nie welchen bei mir habe, konnte ich ihnen keinen anbieten; ich wollte sie aber nicht enttäuschen und brachte eine Flasche mit Methyläther (den ich für mein Hypsometer brauchte) zum Vorschein. Diesen tranken sie mit Vergnügen, da sie seine halsverbrennenden Eigenschaften augenscheinlich schätzten, und verlangten noch mehr. Der Tarjum klagte über eine Unpäßlichkeit, an der er seit einiger Zeit gelitten habe, und der Doktor war imstande, ihm ein passendes Mittel zu geben. Auch die andern Offiziere erhielten alle, ehe sie fortgingen, kleine Geschenke.

Nachmittags kam ein Bote von dem Tarjum von Barka. Er hatte gute Nachrichten für uns. Der Tarjum wünschte uns begreiflich zu machen, daß er uns als seine persönlichen Freunde betrachte, da wir so freundlich mit ihm und seinen Begleitern gewesen seien, und daß, da wir so eifrig begehrten, den großen Mansarowarsee und den Kelasberg zu besuchen, und schon viele Schwierigkeiten und große Kosten gehabt hätten, um so weit zu kommen, er damit einverstanden sei, daß acht von meiner Gesellschaft nach den heiligen Stätten weitergingen. Es wäre ihm unmöglich, uns eine offizielle Einwilligung zu geben, aber er wiederholte nochmals, daß wir gehen könnten, wenn wir wollten.

Natürlich entzückte mich diese Nachricht. Ich war sicher, daß ich, einmal am Kelas, leicht irgendwelche Mittel finden würde, weiterzukommen.

An demselben Abend stahl sich ein Verräter in unserm Lager aus dem Zelte fort, in dem meine Leute schliefen, und stattete dem Tarjum einen Besuch ab. Ohne Zweifel teilte er ihm mit, daß ich weder des Doktors Bruder noch ein Hindupilger sei. Er entdeckte ihm, daß ich ein Sahib und auf dem Wege nach Lhasa sei. Nach dem, was ich später hörte, schien es, daß der Tarjum dem Angeber nicht ganz geglaubt habe, aber da neue Zweifel in seiner Seele aufstiegen, schickte er in der Nacht zu mir und ließ uns bitten, auf dem Wege, den wir gekommen, wieder zurückzukehren.

»Wenn in eurer Gesellschaft wirklich ein Sahib ist, den ihr vor mir verborgen habt, und ich lasse euch weitergehen, so würden die Priester von Lhasa mir den Kopf abschneiden. Ihr seid jetzt meine Freunde und könnt das nicht wollen.«

»Sage dem Tarjum,« erwiderte ich dem Boten, »daß er mein Freund ist und daß ich ihn wie einen Freund behandeln will.«

Am Morgen fanden wir dreißig vollbewaffnete Reiter einige hundert Meter von unserm Zelte aufgestellt. Mit der demoralisierten Schar unter meinem Befehl und von dieser Gesellschaft gefolgt vorwärts gehen zu wollen, würde für meine Pläne sicher verhängnisvoll geworden sein. Ich fühlte, daß wieder eine List notwendig war.

Zum großen Erstaunen der bewaffneten Macht und ihrer Anführer gingen der Doktor, Tschanden Sing und ich festen Schrittes, die Gewehre in der Hand, auf die Abteilung zu. Hinter uns kamen die zitternden Kulis. Der Magpun und die andern Offiziere des Tarjum wollten ihren Augen kaum trauen. Die Soldaten saßen schnell ab und legten ihre Waffen nieder, um zu zeigen, daß sie nicht die Absicht hätten zu kämpfen. Ohne sie zu beachten, gingen wir an ihnen vorüber. Der Magpun rannte mir nach. Er bat mich, einen Augenblick zu halten. Dola wurde herbeigerufen, um seine kunstvolle Rede zu verdolmetschen. Ein Paar hübsch gestickte tibetische Tuchstiefel wurden aus den weiten Falten des Rockes des Beamten hervorgeholt, die er mir mit folgenden Worten anbot:

»Obgleich dein Gesicht von der Sonne verbrannt und schwarz ist und deine Augen wund sind (in Wirklichkeit waren sie es nicht, aber ich trug eine Schneebrille), sagen mir deine Züge, daß du aus einer guten Familie bist; darum mußt du in deinem Lande ein hoher Beamter sein. Deine edeln Gefühle zeigen auch, daß du nicht wünschen kannst, daß wir um deinetwillen gestraft werden, und nun sind unsere Herzen froh, zu sehen, wie du deine Schritte wieder zurücklenkst. Laß mich dir diese Schuhe darbieten, damit deine Füße nicht wund werden auf der langen und beschwerlichen Rückreise nach deinem Heimatlande.«