Der bedachtsame Doktor hatte ein paar Flechten von unserm letzten Lager mitgebracht, mit denen er versuchte, ein Feuer anzumachen, um vor der Abreise ein paar Tschapatis für mich zu bereiten. Ach, vier Stunden angestrengter Arbeit und die gleiche Anzahl von Schachteln mit Streichhölzern waren nicht imstande, auch nur den Schein einer Flamme zu erzeugen.
Um Mitternacht sandte ich Tschanden Sing und Katschi fort, um die Leute zu sammeln. Zwei kamen zitternd ins Zelt; die andern waren nicht aufzuwecken. Ich ging selbst und führte sie, einen nach dem andern, zu ihren Lasten. Sie weinten alle wie Kinder; da erst entdeckte ich, daß ich in der Eile und Verwirrung eine Last zuviel zurechtgemacht hatte. Das war ein Dilemma. Alles war bereit und günstig für unsere Flucht, und eine Verzögerung in diesem kritischen Augenblicke war verhängnisvoll. Ich mußte um jeden Preis noch einen Mann haben.
Als ich, um noch einen zu holen, in das Zelt der Kulis ging, war das Klagen und Stöhnen jämmerlich. Man hätte denken können, daß sie alle in ein paar Minuten sterben müßten und jetzt in den letzten Zügen lägen; alles aus Schreck und Furcht davor, daß sie ausgewählt werden könnten, mir zu folgen. Schließlich wurde nach endlosen Mühen, Drohungen und Versprechungen Bijesing, der Johari, überredet, mitzukommen. Aber die Last war zu schwer für ihn; er wollte nur die Hälfte tragen. Um weitern Verdruß zu ersparen, kam ich mit ihm überein, daß ich die andere Hälfte noch neben meiner eigenen Last tragen wollte.
Wir löschten unsere Sturmlaternen aus, und um 2 Uhr morgens, als der Sturm am heftigsten tobte und uns Kies und Schnee wie Nadelspitzen ins Gesicht trieb, als Wind und Kälte uns mit schneidender Gewalt bis ins Mark zu dringen schienen, als alle Götter ihrem Zorne Luft machten, indem sie mir jedes Hindernis in den Weg legten, um ein weiteres Vordringen in dieses hohe Land der Öde abzuschneiden, verließ eine Handvoll schweigender Männer, halb erfroren und taumelnd, das Lager, um dem eisigen Schneesturm zu trotzen. Ich befahl meinen Leuten, sich dicht beisammenzuhalten. Wir schlugen sofort den Weg nach dem Bergabhange ein, wobei wir Sorge trugen, die Stellen zu vermeiden, wo, wie wir vermuteten, die tibetischen Spione postiert waren.
Wir hätten keine passendere Nacht für unsere Flucht wählen können. Es war so dunkel, daß wir kaum über unsere Nasen hinaussehen konnten. Der Doktor begleitete mich schweigend und mit schwerem Herzen ein paar hundert Meter weit. Ich drang in ihn, nach dem Zelte zurückzukehren. Er stand still, um meine Hand zu ergreifen. Dann sagte mir der gute Mann mit gebrochener Stimme »Lebewohl« und »Gott behüte Sie«.
»Die Gefahren Ihrer Reise«, flüsterte Wilson, »sind so groß und so zahlreich, daß Gott allein Sie hindurchführen kann. Wenn ich an die Kälte, den Hunger und das Ungemach denke, die Sie zu ertragen haben werden, muß ich in Sorge sein für Sie.«
»Leben Sie wohl, Doktor«, sagte ich tiefbewegt.
»Leben Sie wohl«, wiederholte er. »Leben …«, die Stimme versagte ihm.
Zwei oder drei Schritte, und die Dunkelheit trennte uns. Aber seine rührenden Abschiedsworte klangen in meinen Ohren wider, während ich mit Trauer der Treue und fröhlichen Güte dieses guten Freundes gedachte.
Die Reise nach Lhasa war nun im vollen, grimmigen Ernst wieder begonnen.