In kurzer Zeit waren unsere Ohren, Finger und Zehen fast erfroren, und der schnelltreibende Schnee, der heftig gegen unsere Gesichter schlug, tat uns in den Augen weh. Wie die Blinden gingen wir vorwärts, sprachlos und erschöpft, langsam aufsteigend und unsern Weg mit den Füßen tastend. Als wir höher hinaufgekommen waren, wurde es kälter und der Wind schneidender. Alle paar Minuten waren wir gezwungen, anzuhalten und uns dicht aneinanderzusetzen, um warm zu bleiben und Atem zu schöpfen, da die Luft so dünn war, daß wir unter unsern schweren Lasten schrecklich keuchten.
Wir hörten ein Pfeifen und Töne von entfernten Stimmen. Meine Leute drängten sich um mich, flüsterten: »Räuber, Räuber!« und warfen sich dann platt auf den Schnee. Ich lud meine Büchse und ging voraus, aber meine Hoffnung, die Finsternis durchdringen zu können, war vergebens. Ich horchte. Wieder schrille Pfiffe!
Meine Schokas waren erschrocken. Der Ton schien gerade aus der Richtung vor uns zu kommen. Wir änderten unsern Kurs ein wenig und setzten unsern Weg langsam und stetig fort, bis wir bei Sonnenaufgang fanden, daß wir nahe dem Gipfel des Berges waren. Es schneite noch heftig. Eine letzte Anstrengung brachte uns auf das Plateau des Gipfels.
Hier fühlten wir uns verhältnismäßig sicher. Gänzlich erschöpft legten wir unsere Lasten auf den Schnee und lagerten uns in einer Reihe dicht aneinander, um uns warm zu halten, dann häuften wir noch alle verfügbaren Decken über uns auf.
Um 1 Uhr nachmittags erwachten wir, bis auf die Haut durchnäßt, da die Sonne die dicke Schneedecke über uns geschmolzen hatte. Das Lager war in 5480 Meter Höhe. Der Wind aus Südost war schneidend wie ein Messer. Wir hatten nicht nur bei dieser Gelegenheit, sondern beinahe an jedem Tage unsers Aufenthalts in Tibet von ihm zu leiden. Er fängt um 1 Uhr nachmittags mit großer Heftigkeit und Regelmäßigkeit an zu wehen und erst gegen 8 Uhr abends läßt er etwas nach und hört allmählich auf.
Als wir uns fertig machten, um mit krampfigen, steifen Gliedern den Weg zu noch größern Höhen wieder anzutreten, bedeckte sich der Himmel plötzlich mit schweren, grauen Wolken, und es fiel von neuem Schnee. Es war keine Möglichkeit, ein Feuer zu machen. So brachen wir hungrig und halb erfroren auf.
Bis an die Hüften im Wasser wateten wir durch einen eisig kalten Strom, dann stiegen wir auf einer Strecke von 11 Kilometer stetig höher und höher empor, und erreichten endlich ein zweites Plateau. Die Höhe betrug 5780 Meter. Wir waren überrascht, auf diesem hohen Tafellande vier dicht nebeneinanderliegende Seen von beträchtlicher Größe zu finden. Die Sonne, die für einen Augenblick die Wolken durchbrach, schien auf die schneebedeckten Gipfel der umliegenden Berge, versilberte das Wasser der Seen und schuf ein schönes, großartiges Bild von wildem, bezauberndem Effekt.
Hunger und Erschöpfung verhinderten uns an der vollen Würdigung der Landschaft; nichts konnte uns aufhalten, schnell einen passenden Platz im Schutze der hohen Hügel rings um das Plateau oder in irgendeiner Bodensenkung zu suchen, wo wir unsere schwachen, entkräfteten Körper ausruhen könnten. Ich sehnte mich, über das Plateau vorzudringen und auf der Nordostseite zu irgendeiner niedrigern Höhe abzusteigen, wo wir wahrscheinlich Feuerungsmaterial finden würden, aber meine halbverhungerten, übermüdeten Leute konnten nicht mehr weiter. Ihre nassen Lasten waren beträchtlich schwerer als gewöhnlich; infolge der großen Höhe keuchten sie schrecklich, und kaum waren wir an eine teilweise geschützte Stelle zwischen dem größern See und der östlich anstoßenden Wasserfläche gekommen, als sie alle zusammenbrachen und unfähig waren, weiterzugeben.
Ich war in großer Sorge um sie, da sie sich weigerten, kalte Nahrung zu sich zu nehmen, die, wie sie sagten, ihren Tod herbeiführen würde. Ich wußte wirklich nicht, wie sie für den Marsch des nächsten Tages hinreichende Kraft sammeln könnten. Schließlich verbürgte ich mich persönlich dafür, daß sie nicht sterben würden, und überredete sie, ein bißchen Satu und Ghur zu genießen. Kaum hatten sie etwas davon, mit kaltem Wasser gemischt, gegessen, als sie unglücklicherweise fast alle von heftigen Magenschmerzen ergriffen wurden, an denen sie die ganze Nacht hindurch zu leiden hatten.
Ohne Zweifel hat die Erfahrung sie gelehrt, daß der Genuß kalter Nahrung in beträchtlichen Höhen gefährlicher ist als gar nichts zu essen, und ich bedauerte meinen unzeitigen, wenn auch gut gemeinten Rat. Man ist geneigt, andere Leute nach sich selbst zu beurteilen; ich persönlich habe nie einen Unterschied in der Wirkung wahrgenommen, ob meine Nahrung kalt oder warm war.