Nicht lange nachdem Feuerbach dies Werk geschaffen, schien sein Leben eine glückliche Wendung zu nehmen. Im Jahre 1873 wurde er nach Wien berufen, um dort zu wirken. Endlich glaubte er Anerkennung und Verständnis gefunden zu haben. Aber was ihn erwartete, war nur noch grimmigere Enttäuschung. In der fröhlichen österreichischen Stadt, die damals den farbentrunkenen Bildern von Hans Makart zujubelte, konnte die schlichte Vornehmheit der Feuerbachschen Kunst sich nicht durchsetzen. In nervöser Überreizung verließ er Wien nach wenigen Jahren wieder und flüchtete nach Venedig. Die Verzweiflung darüber, daß sein heißer Wunsch, den Deutschen eine monumentale Malerei großen Stiles zu schenken, ohne Echo blieb, trieb ihn, wenig über fünfzig Jahre alt, 1880 in den Tod. Seine Selbstbiographie, die unter dem Titel „Ein Vermächtnis“ nach seinem Hingang erschien, zeigt ergreifend das schmerzvolle Ringen, in dem er sich zerquält hat, und bleibt für alle Zeiten eine Mahnung für unser Volk, das einen seiner größten Künstler verkannte und mißachtete.
Max Osborn.
Wie die Alten sungen
Von Ludwig Knaus
Geboren 5. Oktober 1829 in Wiesbaden, gestorben 7. Dezember 1910. — Nationalgalerie in Berlin
Als Ludwig Knaus im Oktober 1899 auf der Höhe seines Ruhms seinen siebzigsten Geburtstag feierte, hatte die Berliner Akademie der Künste ihm zu Ehren in einer großen Ausstellung alle Gemälde und Zeichnungen vereinigt, die aus seinen fleißigen Händen hervorgegangen und nur irgendwie erreichbar gewesen waren. Zufolge einer Zufälligkeit entsinne ich mich dieser Ausstellung noch ganz genau. Ich hatte einen reichen Amerikaner kennengelernt, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, seinen hübschen fünfjährigen Buben von Knaus malen zu lassen. Nun war Knaus, obwohl er auch einige ausgezeichnete Bildnisse nach dem Leben geschaffen hat, nicht so recht eigentlich das, was man einen Porträtmaler zu nennen pflegt. Aber da er einen großen Teil seiner Berühmtheit insonderheit seiner lebensfrischen Auffassung des Kindlichen verdankte, so versteifte der amerikanische Herr sich auf seinen Wunsch. Er war bereits dreimal bei Knaus gewesen und nie empfangen worden und wollte es nun mit einer Art Überfall versuchen. Da ich wußte, daß Knaus zu einer bestimmten Stunde von dem Vorstande der Akademie in seiner Ausstellung empfangen werden sollte und ich ihn persönlich kannte, so hatte ich meinen leidenschaftlichen Amerikaner mitgenommen, und es glückte mir auch, ihn bei einer günstigen Gelegenheit dem Jubilar vorzustellen. Da kam es nun zu einer drolligen kleinen Szene. Der Amerikaner pflanzte sich breitspurig vor Knaus auf und radebrechte in seinem schlechten Deutsch: „Sie sein das weltberühmte Knaus. Ich uollen malen lassen mein Boy von Ihnen. Ich zahle die höchste Preis. Uas soll dies koste...?“ Knaus war anfänglich etwas verblüfft, lächelte dann (die Umstehenden kicherten bereits) und erwiderte: „Sehr freundlich von Ihnen, aber ich nehme in meinen hohen Jahren keine Aufträge mehr an...“ Doch mein Amerikaner ließ sich nicht aus der Fassung bringen. „Ich uill zahlen 20000 Dollars vor die Bildnuß“, schoß er von neuem los. Knaus strich sich über den grauen Kinnbart. „Kann ich Ihren Jungen einmal sehen?“ fragte er. Der Amerikaner nickte. „Well,“ sagte er, „ich haben ein Photograf von ihn —“ und er zog seine Brieftasche, holte eine Photographie hervor und zeigte sie Knaus. „Ein hübscher Junge,“ meinte der Maler, „aber ich muß ihn schon lebendig vor mir haben...“ „Er sein in Milwaukee in Amerrrika,“ antwortete der andere, „kommen Sie mit, Mister Knaus, wir fahre morgen ab, ich zahle Reise hin und her und Aufenthalt und alles, Sie sollen auch meine liebe Frau malen, und in Chikago habe ich Freunde zu malen, und in Washington und in New York, es kann sein ein splendid Geschäft vor Sie. Uollen Sie fahre morgen mit mir ab?“ Nun lachte der alte Knaus herzlich, und der Kreis um ihn stimmte fröhlich in das Lachen ein. „Ich danke Ihnen sehr für Ihr gütiges Anerbieten,“ antwortete der Maler, „aber ich bin siebzig Jahre alt und auf längere Reisen nicht mehr eingerichtet...“ Die Freunde des Jubilars hielten es jetzt für zweckmäßig, der Szene ein Ende zu bereiten, zumal ein paar königliche Prinzen in der Eingangstür sichtbar wurden — sie faßten Knaus unter den Arm und zogen ihn mit sich. Der Amerikaner wollte nach, aber nun hielt ich ihn fest und versuchte, ihm klar zu machen, daß er nach Lage der Sache schon notgedrungen auf seinen Wunsch verzichten müsse. Er hörte mich kopfschüttelnd an und meinte schließlich: „Der alte Herr sein kein smarter Geschäftsmann...“
Auf dieser Ausstellung befanden sich auch zwei Gemälde und einige dazu gehörige Skizzen, die uns hier besonders interessieren. Das eine Bild hieß ursprünglich „Der Katzentisch“ und zeigt fast genau dieselbe Darstellung wie auf dem unter dem Titel „Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen“ bekannten, in der Berliner Nationalgalerie hängenden und hier wiedergegebenen Gemälde. Nur ein Unterschied waltet ob: auf der ersten Bearbeitung, dem sogenannten „Katzentisch“, tragen die Figuren die halb kleinstädtische, halb ländliche Tracht unserer Tage, während das zweite Bild sie in Rokokokostüm zeigt. Knaus selbst erklärte mir einmal, warum er die Umarbeitung vorgenommen hat. Ihn reizte das farbige Kostüm aus dem dritten Viertel des 18. Jahrhunderts in diesem Falle um so mehr, als dadurch die Gegensatzwirkung zwischen dem altväterischen Gehaben am Tische der Erwachsenen und der naiven Kindlichkeit an den Katzentischen viel stärker zum Ausdruck gebracht werden konnte. In der Tat ist dies Bild von den „zwitschernden Jungen“ eins der reizendsten und liebenswürdigsten Kunstwerke, die aus dem Knausschen Atelier hervorgegangen sind, und ist auch zu einem Lieblingsbilde unsrer kinderreichen Nation geworden.
Auf dem freien Platz außerhalb der Stadt unter den Linden vor dem alten Wirtshause tafelt die Gesellschaft, vielleicht aus Anlaß eines Geburtstags- oder eines sonstigen Familienfestes. Wie die Kleidung zeigt, ist es eine gutbürgerliche Gesellschaft, die eines Beamten oder eines vermögenden Handwerksmeisters, und zwar sitzen die Erwachsenen im Hintergrunde an einem langen Tische auf schlichten Holzbänken, denn gerade ausgangs des vergnügungssüchtigen 18. Jahrhunderts liebte man es, im Gegensatz zu der recht üppigen Lebensführung in den Städten, bei ländlichen Ausflügen die Einfachheit aufzusuchen und „zur Natur zurückzukehren“. Ganz vorn steht das eigentliche Katzentischchen, an dem unter der Obhut eines hübschen Kindermädchens die Allerkleinsten ihren Platz gefunden haben. An diesem Tischchen merkt man noch nicht viel von der angeborenen Nachahmungssucht der Kinder, die zu dem Sprichwort geführt hat, das dem Bilde seinen Titel gab. Höchstens versucht das niedliche Dirnchen an der linken Tischecke durch sein ehrpusseliges Getue, die steife Haltung und die Sicherheit in der Handhabung von Messer und Gabel, sich als wohlerzogenes junges Dämchen zu erweisen, das schon den Vergleich mit den Erwachsenen aufnehmen kann. Um so wilder benehmen sich die beiden Buben, von denen der eine dem andern den Teller mit Naschwerk fortreißen möchte, was ihm, nach der drohenden Bewegung seines Tischnachbarn zu urteilen, vermutlich schlecht bekommen wird. Artiger ist der kleine Krauskopf neben dem sittigen Dämchen, der sogar von seinem Imbiß das schwarze Katzerl etwas abbekommen läßt. Gegenüber sitzt das Kindermädchen (es kann auch eine ältere Schwester sein) und füttert das jüngste Baby, was die große Ulmer Dogge, die zutraulich den dicken Kopf auf die Schulter des Mädchens legt, mit Neugier und — Freßlust beobachtet, indes ein zweites Baby im festgesicherten Kinderstuhl am Däumchen lutscht.
Anders geht es schon an dem größeren Tische dahinter zu. Da „zwitschern“ wahrhaftig die Jungen, „was die Alten sungen!“ Seh’ einer den frechen Bengel links unten an der Tafel an, der dem sich lachend sträubenden Mädelchen sogar einen Kuß rauben will! Da benimmt sich das Pärchen, das dem Beschauer den Rücken wendet, immerhin vornehmer, wenn seine Haltung auch zeigt, daß es gerne die Verlobten und Verliebten spielen möchte, vielleicht so wie der ältere Bruder und die künftige Schwägerin. Da ist aber auch einer, der stehende Junge rechts, der nach Vatersart zu einer Strafpredigt ausholt und den sich Schnäbelnden unten die Wahrheit sagt, während die neben ihm sitzenden Kleinen lachende Zuschauer sind und zwei andere Bübchen in ihrem Essenseifer gar keine Zeit haben, sich um das Zuständliche ringsum zu kümmern.