Lourens Tadêma — so heißt der Künstler eigentlich nur — ist im Jahre 1836 in Dronryp geboren. Er ist demnach Holländer. Schon auf dem Gymnasium studierte er die alten Klassiker mit besonderem Eifer. Mit sechzehn Jahren bezog er die Akademie in Antwerpen und lernte von seinem Lehrer Leys vieles, was ihm später bei seiner Beschäftigung mit der Antike nützlich wurde. Lourens Tadêma war, wie uns erzählt wird, ein sehr ehrgeiziger, fast eitler Mann; er setzte deshalb seinem Namen noch „Alma“ vor, um in den Katalogen als Erster genannt zu werden. Schon sein erstes Bild „Die Erziehung der Söhne Chlothildens, der Gemahlin Chlodwigs“, erregte viel Aufsehen. Im Jahre 1899 wurde Alma-Tadêma baronisiert. Damit war auch sein Ehrgeiz äußerlich befriedigt. Leider ist sein Haus mit dem Atelier und einem großen Teil seiner Werke durch eine Feuersbrunst zerstört worden.
Die Begeisterung der Maler für die Kunst des Altertums war zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts so groß, daß eine Zeitlang nur noch Werke Beachtung fanden, die dem Geiste des Altertums ganz entsprachen. Man nannte diese Künstler Klassizisten. Spuren dieser klassizistischen Richtung finden wir auch in Berlin in der Nähe des Schlosses, im Lustgarten oder Unter den Linden. Da sehen wir Bauwerke, die an griechische Vorbilder erinnern, z. B. das Alte Museum, das Opernhaus, die Schloßwache oder das Brandenburger Tor. Die ganze Bewegung, die den Geist des Altertums neu aufleben ließ, war gleichzeitig in Deutschland, Frankreich und England zu finden. Zeitgenossen von Alma-Tadêma sind die englischen Maler Leighton und Pointer. So stellt Pointers bestes Bild beispielsweise einen Besuch bei einem griechischen Arzte dar. Tadêmas Gemälde unterscheiden sich von den Werken dieser Künstler dadurch, daß sie in ihrem Aufbau nicht so geschlossen sind und mehr den Charakter zufälliger Szenen, also wirklicher Augenblicksbilder aus dem Leben der Alten tragen. Alma-Tadêma malte klassische Stoffe mit der Absicht, sie möglichst wirklichkeitsgetreu darzustellen. Das unterscheidet ihn von den Klassizisten, denen es in erster Linie auf eine geschlossene harmonische Bildwirkung ankam. Doch kann man Tadêma wegen der Auswahl seiner Stoffe nicht zu den Realisten rechnen, die nur die Wirklichkeit darstellen wollen. Er ist ein Nachklassizist, ein Künstler, in dem sich zwei Strömungen kreuzen.
Willy Manig.
Im Herbst
Von Johann Christian Kröner
Geboren 3. Februar 1838 in Rinteln, gestorben 16. Oktober 1911 in Düsseldorf. — Gemäldegalerie in Dresden
An einem wunderschönen Herbstmorgen war es, der Nebel hatte sich verzogen, die Sonne glitzerte im feuchten Grase, da wanderte ein junger Mann frohgemut durchs Waldgebirge. Er war groß und schlank, trug einen grau-grünen Joppenanzug, den derben Wanderstock in der Hand, und aus seiner Rocktasche lugte etwas von der grauen Leinwand eines Skizzenbuches hervor. Langsam stieg er aufwärts und hielt Umschau, manchmal blieb er stehen, um tief aufzuatmen. Der Zauber des deutschen Waldes hatte ihn ergriffen. Feierlich ernst standen die alten Tannen da, die schon soviel Leben gesehen hatten, Menschen und Getier, Blumen und Gräser — das alles war gekommen und gegangen, die Bäume hatten es überdauert. Sie mochten nun bald ihre hundert Jahre auf derselben Stelle stehen. Freilich, auch ihre Zeit war binnen kurzem vorüber, die Axt hieb sie nieder, sie gingen hinaus, um menschlichen Zwecken dienstbar gemacht zu werden, und neues Leben siedelte sich dann dort an, wo jetzt noch die tiefen Schauer des Hochwaldes den Wanderer umfingen. Ein geheimnisvolles Dunkel lag zwischen den Stämmen. Dort rauschte das Wasser hernieder zwischen Gestein und allerlei Kräutern. Hie und da flog ein Vöglein vom Bache auf, eine Meise oder eine Bachstelze. Ein Raubvogel strich langsam von einer Tanne ab und verschwand im Dickicht. — Der junge Mann kam auf die Höhe des Gebirgskammes, stand auf einer Halde und blickte tief hinein auf waldige Hänge, die in blaugrauem Dunste dalagen, und sah weit hinüber auf immer neue Gebirgsbildungen und grüne Täler.
Da — was war das? Ein Schrei, laut und fast schrecklich, ein tiefes Orgeln, drang ihm ins Ohr. War es ein Mensch, der dort in tiefer Angst um Hilfe rief? Oder war es der Schrei eines Tieres? Es wiederholte sich mehrmals. Der junge Mann blieb stehen und lauschte. Er wußte: es war der brünstige Schrei des Edelhirsches, des Königs dieser Wälder.
So wie an diesem Tage ist der Wanderer gar manches Mal in seiner Jugend und in seinem Mannesalter durch den Wald gegangen. Er ist Maler geworden, einer der bedeutendsten und bekanntesten, sein Name: Christian Kröner. Immer wieder hat er Wald und Wild zum Gegenstande seines Schaffens gemacht. Früh schon hat er gezeichnet und gemalt und auch in jungen Jahren schon die Freuden der Jagd kennengelernt, in seiner hessischen Heimat, wo er in Rinteln am 3. Februar 1838 geboren wurde. Im dortigen Revier des Herrn von Münchhausen hat er sich zuerst als Jäger betätigt.