Vorlesung
Von Lourens Alma-Tadêma
Geboren 8. Januar 1836 in Dronryp in Friesland, gestorben 25. Juni 1912 in Wiesbaden. — Sammlung Balcer in Baltimore
Das Bild Alma-Tadêmas zeigt uns, wie man im Altertum aus den Werken der Dichter vorzulesen pflegte. Der Platz, auf den uns der Künstler führt, ist eine Exedra, die man bei den Alten in jedem vornehmen Hause und in den öffentlichen Bädern (Thermen) fand. Durch die Ausgrabungen der Städte Herkulaneum und Pompeji ist viel von dem Leben der Völker des Altertums bekannt und verständlich geworden. Ein Landsmann Alma-Tadêmas, Edward Bulwer, hat in seinem Roman „Die letzten Tage von Pompeji“ ein lebendiges Bild von dem Treiben dieser Stadt gegeben.
Wahrscheinlich befindet sich die Exedra, die uns der Künstler auf dem Bilde zeigt, in den neuen Bädern von Pompeji. Die Pompejaner kamen hier nicht nur zusammen, um zu baden, es wurde hier vorgelesen, rezitiert und musiziert; einer der Plätze war besonders für Ringkämpfe eingerichtet. Das war die Palästra.
Die Hauptperson unseres Bildes ist der Vorleser. Er liest aus einem Papyrus vor, den wir unseren heutigen Büchern etwa vergleichen können. Diese Papyrus bestanden aus langen, aus der Papyrusstaude geschnittenen Streifen, die auf ein Stäbchen gerollt wurden. Am Ende des Streifens war ein zweites Stäbchen angebracht, worauf das Gelesene gewickelt wurde. Die einzelnen Absätze des Textes entsprechen den Seiten unserer Bücher. War der Vorleser mit Lesen fertig, so mußte der Papyrus vom Anfang dem Ende zu aufgerollt werden; denn sonst bekam der nächste Leser das Ende des Buches zuerst zu lesen. Auf unserem Bilde sehen wir, daß der Vorleser in große Begeisterung geraten ist. Er scheint ganz vergessen zu haben, seine Rolle an dem abgelaufenen Ende wieder aufzuwickeln, oder sie gleiten zu lassen, wie es bei dem Papyrus üblich war. Auch die Körperhaltung des Vortragenden verrät seine große innere Teilnahme an der Lektüre. Er hat das Haupt nach vorn geneigt, sein Blick geht in die Ferne.
Die Augen der Zuhörer sind mit Spannung auf den Vortragenden gerichtet. Sie lesen ihm die Worte vom Munde ab. Unter den auf der Marmorbank sitzenden lauscht eine schöne Tänzerin mit besonderer Aufmerksamkeit. Das Instrument, ein Tamburin, mit dem sie beim Tanzen den Takt schlägt, hat sie in der Linken. Ihre Rechte hält die Hand eines der Musikanten, der ihr zur Seite auf dem Fußboden Platz genommen hat. Neben ihm steht seine Kithara. Mit diesem Instrument begleiteten Sänger und Dichter die Vorträge ihrer Werke. Es wurde aber auch als Solo-Instrument gespielt. Häufig war eine solche Kithara reich verziert. Auch die auf unserem Bilde gezeigte ist durch Ornamente vielfältig geschmückt. Die Gestalt eines vornehmen Pompejaners schließt das Bild nach links hin ab. Sein Obergewand, die Toga, zeigt reichen Faltenwurf, darunter sehen wir die Tunika oder das Untergewand. An dem Faltenwurf der Kleider erkennen wir, daß der Vornehme in kostbare Stoffe gehüllt ist. Im Vordergrunde, dem Vortragenden gegenüber, liegt eine andere Gestalt, die zum Unterschiede der übrigen dargestellten Personen ganz schmucklos nur mit einem Felle um Brust und Lenden bekleidet ist. Offenbar ein Barbar, der vielleicht zum ersten Male den Werken des Dichters Homer lauscht. Alma-Tadêma hat diesen Barbaren möglicherweise deshalb in den Vordergrund gelegt, um dadurch anzudeuten, daß die Macht, die von dem Geiste der Kunst ausstrahlt, viel stärker ist als alle anderen Kräfte, und daß keiner ihr widerstehen kann.
Das Bild gibt einen Ausschnitt aus dem Leben der Völker des Altertums, es soll eine zufällige Begebenheit wirklichkeitsgetreu darstellen. Diese Wirkung will der Künstler dadurch erreichen, daß er nur einen Abschnitt des ganzen Raumes zeigt.
Alma-Tadêma hat eine große Anzahl solcher Bilder gemalt, die uns das tägliche Leben der Völker des Altertums veranschaulichen sollen. Da sehen wir, wie ein Kaiser der Römer zu einem Töpfer geht, oder wir wohnen dem Feste der Weinlese im alten Rom bei, oder betrachten die Arbeit eines Künstlers an den Tempeln der Griechen, eine Unterhaltung der Ägypter vor dreitausend Jahren, eine Audienz bei einem römischen Kaiser und anderes mehr. Es kam dem Künstler bei seinem Schaffen offenbar darauf an, die Gegenstände und Personen möglichst so darzustellen, daß sie lebendig wirkten. Wenn er z. B. Marmor malte, sollte das Auge wirklich Marmor empfinden, ebenso Stoffe und Bronzen. Durch diese Farbengebung erreichte er am ehesten, daß seine Bilder lebensvoll die Begebenheiten aus dem Alltagsleben der Völker des Altertums veranschaulichen. Es war Alma-Tadêma möglich, die Bilder so zu malen, denn er war in den Ländern des Altertums viel gereist und hatte mit größtem Eifer die Reste der antiken Kunst studiert. In London ließ er sich dann ein Haus bauen, das einem altrömischen Hause getreu nachgebildet war. In dem Hause des Künstlers befanden sich alle Einrichtungen der alten Pompejaner. Und nun malte der Künstler sein eigenes Haus in London, hüllte die Gestalten, die er darstellen wollte, in antike Gewänder und konnte dem Beschauer auf diese Weise ein Bild vom Leben und Treiben der klassischen Völker schaffen.