Geboren 30. April 1835 in Ederhof in Tirol, gestorben 1921. — Kunsthistorische Sammlungen in Wien
Tirol 1809! Der Übermut des korsischen Abenteurers, der fremde Länder vergab und weite Gebiete von ihren Mutterlanden losriß, ohne Erbarmen, ohne Rücksicht auf menschliche Rechte, er hatte Tirol von Österreich getrennt und den Bayern zugesprochen. Die Tiroler, die ihr schönes, wenn auch armes Vaterland aus tiefster Seele liebten, erhoben sich in todesmutigem Aufstande, geführt von Andreas Hofer, dem Sandwirt von Passeyer, und ihr Kampf gegen die aufgezwungene Fremdherrschaft gehört zu den glorreichsten Episoden in der ganzen Geschichte der Kriege. Es war ein furchtbarer, ungleicher und blutiger Kampf. Nicht die männliche Jugend allein bis zum Knabenalter herab, auch die Frauen taten mit, und als die schlechtbewaffneten Scharen immer mehr zusammenschmolzen, da griffen die Greise zur Wehr, als „Letztes Aufgebot“. Flinten gab’s kaum mehr — aus Sensen und anderem Gerät schmiedeten sie sich ihre Waffen und zogen hinaus gegen den grausamen, das Recht verhöhnenden Feind, bereit, das letzte für das Vaterland zu tun, was sich tun ließ — dafür zu sterben!
Den Auszug eines solchen „Letzten Aufgebotes“ hat 1874 Franz Defregger gemalt. — Das zweite Bild nach dem „Speckbacher“, das er der Tiroler Geschichte entnahm, und das, in Berlin ausgestellt, so recht eigentlich seinen Ruhm begründete. Wir sehen durch die Gasse eines typischen Südtiroler Dorfes einen Trupp solcher kümmerlich bewehrten alten Männer hinausziehen, bitter ernst, aber aufrecht und entschlossen. Sie wissen, sie kehren nicht wieder. Und die andern wissen es auch, die Frauen ringsumher. Aber keine sentimentale Gebärde, keine Tränen. Ein einziges altes Paar sieht man einander abschiednehmend die Hand drücken. Die andern Frauen sehen stumm dem ergreifenden Zuge nach. Ein gleich erschütternder Moment kann im Bilde nicht mit weniger Theatralik gegeben, das Geschichtliche nicht mit größerer Innerlichkeit geschildert werden. Jede Gestalt, jedes Gesicht auf dem Bilde „erzählt“ — aber nichts Anekdotisches: durch das ganze Werk weht der Atem einer großen Zeit. Zu den markigsten Gestalten der ganzen Defreggerschen Kunst gehört die des voranschreitenden Führers, der auf seine Leute einspricht. Der alte Hüne ist der einzige, der einen Stutzen trägt — ganz unsoldatisch, verkehrt, mit dem Kolben nach hinten. Weit greifen die Schritte der greisen Helden aus — sie haben Eile, zu kämpfen und zu sterben. Defregger hat ein paar Jahre später (1876) noch ein Gegenstück zu dieser Szene voll düstern Ernstes gemalt — die von jauchzendem Übermute belebte „Heimkehr der Sieger“. Auch eine Tiroler Dorfgasse im Jahre 1809, auch einen Trupp Freiheitskämpfer, aber solcher, die irgendwo die Franzosen geschlagen haben, wie das ja in jener Zeit oft genug geschah, ohne daß es das traurige, ungerechte Schicksal von dem tapferen, heimattreuen Volke abwenden konnte. Die packende Eindringlichkeit des „Letzten Aufgebots“ wurde aber durch die buntere und figurenreichere Siegerheimkehr trotz ihrer prächtigen Typen nicht mehr erreicht. Durch das erste Bild klang eben ein tiefstes Empfinden, das heiße Weh um ein Schicksal, wie es ein menschlich gleich wertvolles Volk vorher nur selten erlebt hatte — und erst 1920 wieder erleben sollte!
Franz v. Defregger hat am 30. April 1835 in Tirol als der Sohn eines wohlhabenden Bauern das Licht der Welt erblickt. Des Vaters Hof stand im stillen Pustertale und gehörte zur Gemeinde Dölsach, für deren Pfarrkirche der inzwischen längst berühmt gewordene Künstler später ein prächtiges Altarbild gemalt hat.
Der junge Bauernsohn, dessen Begabung sich früh auf die vielseitigste und merkwürdigste Weise offenbarte, mußte bis in sein fünfzehntes Jahr hinein das Vieh des Vaters hüten und wußte wenig von Kunst, insbesondere vom Malen. Er machte Figuren aus Teig, schnitzelte sie aus Rüben und Kartoffeln, bemalte mit seinen Stiften, als er endlich solche bekam, die Wände, ja er zeichnete einmal einen Fünfzigguldenschein, wohl die einzige Vorlage, die er hatte, so genau nach — in aller Unschuld! —, daß jener für echt gehalten wurde. Später mußte er als Knecht arbeiten in des Vaters Hof, und als er zweiundzwanzig Jahre alt war, starb plötzlich der Vater, und dem Jüngling fiel der Hof zu. Nicht zu seiner Freude. Er wollte erst den Hof verkaufen und nach Amerika auswandern. Das letztere zerschlug sich, der Hof aber wurde verkauft, und der Defregger-Franzl ging, bereits vierundzwanzigjährig, mit einer Empfehlung des Dorfpfarrers nach Innsbruck zu einem Bildhauer in die Lehre. Nach einigen Monaten empfahl ihm dieser, obwohl mit seinen Leistungen zufrieden, doch lieber Maler zu werden. Noch in seiner Tiroler Landestracht stellte er sich in München Meister Karl v. Piloty vor, und nach einem Jahre bereits war er Schüler einer Malklasse. Im Zeichnen war er durch eisernen Fleiß bereits selbst vorangekommen. Freilich muten uns heute seine ersten Bildversuche seltsam an: die Figuren sind silhouettenhaft, noch stark biedermeierisch angehaucht, aber vorzüglich gekennzeichnet und echt.
Defregger arbeitete unermüdlich und voll Freudigkeit. In der Malklasse bei Anschütz gefiel es ihm allerdings wenig. Er ging nach Paris, wo er als sprachunkundiger Ausländer freilich in keine Schule aufgenommen wurde. Trotzdem blieb er fünf Vierteljahr, sah wenigstens sehr viel gute Kunst und malte für sich. Zurückgekommen, blieb er einen Sommer lang in seiner Tiroler Heimat und begann dort — es war im Jahre 1864 — sein erstes gutes Bild „Der verwundete Wilderer“. Im Herbst des Jahres nahm ihn Piloty in seine Schule auf. Nun ging es rapid aufwärts, nachdem einmal das Handwerkliche von dem spät und mit etwas schweren Händen in die Schule Gekommenen überwunden war. 1868 wurde das vaterländische Bild „Speckbacher und sein Sohn Anderl“ fertig, das einen Riesenerfolg brachte. Und nun folgte Jahr um Jahr ein Schlager, und immer nahm der Maler den Stoff aus dem heimatlichen Leben oder der Tiroler Geschichte, die Figuren aus dem eigenen geliebten Volke. In Zeiten des „Naturalismus“ hat man ihm vorgeworfen, daß er seine Gestalten zu sehr verschönere — in Wahrheit wählte er sich nur aus dem prächtigen Menschenschlage seiner Tiroler Heimat die für seine Art passendsten Erscheinungen aus oder suchte sich unter den Münchener Modellen solche, die mit jenen eine gewisse Rassenähnlichkeit hatten. In der langen Reihe seiner Bilder finden wir übrigens genug Erscheinungen, die zwar im höchsten Grade charakteristisch sind, auf die aber das Wort „schön“ im alltäglichen Sinne durchaus nicht paßt. Man denke nur an seine ungezählten knorrig-schnittigen Köpfe alter Männer, an denen oft nur eins schön ist, die stark ausgeprägte Rasseneigenart. Als Defregger noch jung war, hat ihn freilich Jugendschönheit und Kraft als Künstler mehr gereizt, als vielleicht später. Seinem Volkstum ist er aber auch damals immer treu gewesen, und gerade die Typen auf seinem „Letzten Aufgebot“ konnten auf keinem andern Boden gewachsen sein, als auf dem Tirols. Als er später für den bayrischen Staat den „Schmied von Kochel“ schuf, gelang ihm das Typische der Erscheinungen weit weniger, trotz der nahen Stammverwandtschaft zwischen Tirolern und Bayern.
Er hat noch eine ganze Reihe von Szenen aus dem Befreiungskampfe von 1809 gemalt — die großen Bilder: „Andreas Hofers letzter Gang“ und „Andreas Hofer im Innsbrucker Schloß“ gehören zu den besten. Voll frischen, blühenden Lebens und sehr volkstümlich geworden sind aber zahlreiche Schilderungen aus dem friedlichen Volksleben: „Der Ringkampf“ (1870), „Der Ball auf der Alm“ (1872), „Das Preispferd“ und „Die Bettelmusikanten“ (1873), „Das Tischgebet“ (1875), „Der Zitherspieler“ (1876), „Brautwerbung“, „Abschied der Jäger von der Alm“ (1877); dann „Sepps erster Brief“, vielbewundert wegen der bildhübschen beiden Frauentypen (1880), „Der Salontiroler“ (1882), „Ankunft auf dem Tanzboden“ (im gleichen Jahr) usw. Die Zahl kleinerer Tiroler Genrebilder und gar die Reihe der beliebten Studienköpfe, die von Defreggers Staffelei kam, ist Legion. Er war ein Liebling des Kunsthandels und der Sammler, und lange Jahre hindurch war auch jede seiner Arbeiten, kaum begonnen, auch schon in festen Händen. Im Jahre 1878 wurde er Professor an der Münchener Akademie, und seine Schule zog natürlich vor allem seine Landsleute an. Freilich gingen aus diesen mehr Nachahmer, als selbständige Künstler hervor. In München besaß er ein schönes Wohnhaus und Ateliergebäude, ein prächtiges Besitztum in Bozen. Im hohen Alter büßte er sein Augenlicht fast ganz ein, blieb aber immer noch der gleiche gütige und lebensfrohe Mensch. Er starb, fast sechsundachtzigjährig, im Winter 1921.
Die heutige Kunst hat vielleicht in manchem andere Ziele, als sie einem Franz v. Defregger naturgemäß waren, sie erzählt heute weniger, verschmäht die „Historie“, will weniger ergötzen durch Lieblichkeit der Szenen oder dramatische Wucht der Begebenheiten — aber sympathischere Persönlichkeiten, als den schlichten, starken Tiroler Maler Defregger wird sie so bald nicht aufzuweisen haben. Und heller als je wird gerade jetzt in den Herzen nicht nur seiner engeren Landsleute, sondern wohl aller echt deutsch Empfindenden das hohe Lied widerhallen, das den Tiroler Freiheitskämpfern 1809 seine Kunst gesungen hat! Zumal im „Letzten Aufgebot“.
Fritz v. Ostini.