Edgar Byk.

Place du Théâtre Français
Von Camille Pissarro

Geboren 1830 auf der Insel St. Thomas in den Antillen, gestorben 1903 in Paris. — Privatbesitz

[Bild 32]

Dies Bild zeigt euch den Platz des Théâtre Français, auch Comédie Française genannt; das ist das älteste und berühmteste Schauspielhaus von Paris und damit auch von ganz Frankreich. Ihr könnt auf dem Bilde, ganz rechts vorn, noch eine Ecke von dem alten, dunklen Gebäude sehen. Die breite Straße, die ihr mitten in dem Bilde weit nach hinten verlaufen seht, ist die berühmte Avenue de l’Opéra, die geradeaus zur großen Pariser Oper führt. Stellt ihr euch hier auf diese kleine, weiße Rettungsinsel neben die Laterne, die ihr rechts vorn auf dem Bilde bemerkt, dann steht ihr im Mittelpunkt von Paris; denkt euch nun einen riesigen menschlichen Körper, viel, viel größer als etwa die Bavaria in München, ja so groß wie ganz Frankreich, dann wäre dieser Platz hier die Stelle, wo das Herz Frankreichs schlägt. Durch diese Avenue de l’Opéra hasten ständig zahllose fleißige Menschen an ihre Arbeit, Müßiggänger schlendern dahin und betrachten die wundervollen Schaufenster der Kaufläden, die — einer immer herrlicher als der andere — sich zu beiden Seiten der Straße hinziehen; Arme und Reiche eilen aneinander vorbei, Droschken und Equipagen, Automobile und Pferdeomnibusse rollen in endlosen Reihen dahin, und tief unter der Erde rast donnernd die elektrische Stadtbahn, die „Métro“, wie sie der Pariser nennt. Dies aber ist es eben, was diese Stadt so viel schöner erscheinen läßt, als andere große Städte: nur Droschken, Wagen, Automobile, Pferde- und Automobilomnibusse eilen durch die Straßen, flink, beweglich und abwechslungsvoll; nirgends fast sieht man Straßenbahnen mit ihren langweiligen, steif auf Schienen dahinrollenden unförmlichen Wagen. Dazu kommt noch, daß der Pariser nicht so bequem wie die Leute in anderen Großstädten ist. Er geht viel mehr. Ein halbe Stunde Wegs zu Fuß macht ihm nichts aus. Und so kommt es, daß dort die Straßen immer von eilenden Menschen belebt sind. Abends erglänzen Millionen Lichter, die Stadt ist hell wie beim hellsten Sonnenschein und die Straßen voll Menschen wie am Tage. Die Leute sind heiter, liebenswürdig, und so du selbst freundlich dreinblickst, lächeln sie dir zu. Bittest du sie aber um eine Gefälligkeit, so zeigen sie sich nett und hilfsbereit. Du möchtest zum Beispiel gerne in diese oder jene Straße kommen, weißt aber nicht den Weg. Da sitzt so ein Schuster vor seinem kleinen Laden — denn die Luft ist warm und mild — und hämmert einen Fleck auf eine zerrissene Sohle, die von den vielen langen Pariser Straßen schon ganz dünn und abgewetzt ist. Du trittst an ihn heran und fragst ihn nach dem Weg, natürlich hübsch bescheiden: denn nichts ist dem Pariser in der Seele mehr zuwider, als wenn man hochmütig ist. Und siehe da: er wirft den Hammer hin, springt auf, ruft seiner Frau zu, daß sie ein wachsames Auge auf sein Handwerkszeug habe, und führt dich dorthin, wohin du gehen wolltest. Und obwohl du dich wehrst und ihm sagst, es sei ja gar nicht nötig, er möge dir nur den Weg beschreiben, den du einzuschlagen hättest, du würdest dich schon zurechtfinden: er läßt sich nicht abweisen, sondern läuft ein ganzes Stück Weges mit dir, bis er sicher ist, daß du nicht mehr fehlgehen könnest. Denn die Stadt ist groß, der Straßen sind unzählige, und verwirrend ist die Menge der Menschen und Gefährte, die durch sie nach allen Richtungen flutet.

Nun aber denkt euch, ihr blicktet vom obersten Stockwerk eines dieser großen Häuser, wie ihr sie da auf dem Bilde seht, aus einem Fenster auf die Straße herab: — da wird euch all dies Gewimmel von Menschen, Wagen und Pferden wie das aufgeregte Durcheinanderkribbeln eines ungeheuren Ameisenhaufens anmuten, in dem ihr mit einem Stock herumgestochert habt. Hinter solch einem Fenster aber saß, vor noch gar nicht vielen Jahren, ein alter, schöner, gütiger Mann mit einem schneeweißen Bart und malte solche Bilder wie dieses, das da vor euch liegt. Er hieß Camille Pissarro, war in den Antillen als Franzose geboren und in seiner Jugend mit den größten französischen Malern seiner Zeit befreundet. Von ihnen allen hatte er ein wenig gelernt, von Manet, Cézanne, Renoir; aber auch von Signac, Seurat und Monet, die damals in Paris eine ganz neue Art des Malens erfunden hatten. Ihr wißt vielleicht aus der Physikstunde, daß die meisten Farben, die wir sehen, erst durch Mischung der reinen Regenbogenfarben entstehen; so erhält man Grün, wenn man Blau und Gelb mischt, und die weiße Farbe ist eine Mischung aller Farben zusammen. Diese Lehre nun machten sich einige Maler jener Zeit teilweise zunutze, die auf das Auge des Betrachters mit ihren Bildern denselben Eindruck wie die Natur erzielen wollten. Sie mischten also die Farben nicht, bevor sie zu malen begannen, auf der Palette, sondern wenn sie z. B. etwas Grünes malen wollten, dann setzten sie viele kleine blaue und gelbe Tupfen nebeneinander auf die Leinwand; und so machten sie es mit allen gemischten Farben. Und besah man sich ein solches Bild, wenn es fertig war, aus einiger Entfernung, dann bedünkten einen alle Dinge so natürlich, wie sie draußen im Freien in strahlendstem Sonnenlicht erscheinen. Diese Art zu malen war besonders bei Landschaftsbildern, die recht hell und sonnig sein sollten, sehr schön. Die Künstler, die auf diese Weise beim Malen verfuhren, nannten sich Neo-Impressionisten (was so viel wie Neu-Impressionisten heißt), zum Unterschied von jenen Impressionisten, von denen ich sprach, als ich euch von Edouard Manet erzählte. Pissarro nun, der sein ganzes Leben lang nur Landschaften, Felder, Wiesen, Wald, Meer und Häuser malte, gefiel diese neue Art des Malens sehr gut, denn er dachte, auf diese Weise würden seine Bilder noch viel schöner werden. Und obwohl er schon 56 Jahre alt war, begann er die neue Malweise mit Eifer zu studieren und auszuüben, trotzdem die Leute über diese Bilder lachten und schimpften. Denn er war wie jeder echte Künstler fleißig und arbeitsam, und Schwierigkeiten oder Mißgeschick vermochten ihn nicht von seinem Wege abzuschrecken. So waren ihm z. B. bei der Belagerung von Paris im Jahre 1870 an die 300 Bilder verbrannt. Aber er klagte darüber nicht, obwohl es für ihn, wie ihr euch wohl denken könnt, ein schwerer Verlust war, sondern begann — er war damals schon 40 Jahre alt — tapfer und fröhlich aufs neue. Zuletzt, in hohem Alter, mit 70 Jahren, erkrankte er an einem unheilbaren Augenübel, so daß er das Sonnenlicht nicht mehr vertragen und nicht mehr in der Art der Neo-Impressionisten malen konnte. Aber auch diesmal verlor er den Mut nicht, sondern zog in die hohen Häuser von Paris. Und dort, hinter den Fenstern der obersten Stockwerke, von wo aus Paris zwischen seinen vielen wundervollen Gärten nur wie eine große einzige Masse erscheint und die Menschen und Wagen nur wie Punkte aussehen, saß Pissarro und malte in diesen letzten drei Jahren die schönsten Bilder seines Lebens. Was er früher bei all den andern Malern seiner Zeit gelernt hatte, das vergaß er nun aber nicht. Denkt euch vielmehr, einer lernt in seiner Jugend allerlei schwere Turnübungen; als Erwachsener braucht er euch dann keine Turnübungen mehr vorzumachen, aber an seinem elastischen Gang, an seinen beherrschten Bewegungen werdet ihr den früheren Turner erkennen. So war es auch mit Pissarro: er malte freilich nicht mehr nach den verschiedenen Malweisen seiner mannigfachen Freunde, sondern jetzt, im hohen Alter, kehrte er wieder zu seiner eigenen duftigen Malart seiner Jugendzeit zurück. Aber an dem zarten Hauch, an dem hellen Licht und an der strahlenden Lebendigkeit, die seine Bilder jetzt zeigten, sah man, wieviel er inzwischen gelernt hatte. Und steht ihr vor solch einer Straßenansicht des alten Pissarro, dann fühlt ihr die Größe und Fülle der Stadt und das Gewimmel in den Straßen. Aber nicht kalt und böse sieht es aus; sondern wenn ihr diese Bilder betrachtet, dann glaubt ihr, Blumen aus dem Straßenpflaster sprießen zu sehen, die Häuser sehen heiter und festlich aus, als wären sie mit Girlanden geschmückt, und ewiger Sonnenschein flimmert über Paris. 73 Jahre alt, mitten in friedlicher Arbeit, starb Pissarro, 11 Jahre bevor der grauenvolle Weltkrieg begann.

Edgar Byk.

Das letzte Aufgebot
Von Franz Defregger