Der Maler-Jäger Christian Kröner vereinigte den scharfen Blick des Malers mit dem des Jägers. Er schenkte uns herrliche Kunstwerke, er lehrte uns aber auch eindringlich, wie wir mit offenem Auge und Herzen vertieft sehen sollen, um die Schönheit der Dinge in unserem deutschen Walde reicher zu genießen.
Felix Freiherr v. Stenglin.
Die Flucht nach Ägypten
Von Hans Thoma
Geboren 2. Oktober 1839 in Bernau (Baden). — Städelsches Kunstinstitut in Frankfurt am Main
Unter den deutschen Malern der Gegenwart der innigste und deshalb deutscheste — das ist Hans Thoma! Alles, was Gutes in der deutschen Volksseele lebt: Schlichtheit und tiefe Herzlichkeit, frohe und fromme Liebe zur Natur, aber auch zum Menschen, der in ihr lebt und schafft, schalkhafter Humor und träumerisches Sinnen, fröhliche Lebensbejahung und doch ein Zug der Sehnsucht über Leben und Alltag hinaus — das sucht in Hans Thomas Werken seinen Ausdruck und spricht erquickend zu uns aus seinen Bildern.
Gewiß habt ihr schon das eine oder andere davon gesehen und liebgewonnen; wenigstens wohl einen der farbenschönen Steindrucke, die von des Meisters Hand in die Welt hinausgegangen sind. Vielleicht den „Geiger“, den verträumten Schwarzwaldjungen, der in blauer Nacht, von den silbernen Strahlen des langsam heraufsteigenden runden Mondes umspielt, im kleinen Bauerngarten sitzt und seine junge Sehnsucht, sein Hoffen und Wünschen in leisen, schwebenden Melodien in das traumstille Dunkel hinausklingen läßt, oder den „Säemann“, der hoch aufgerichtet, ernst und feierlich über die feuchtbraune Erde schreitet und in breitem Wurf den Samen in die Scholle streut, daß er keime und Frucht bringe, oder das „Schwarzwaldhaus“, das uns der Maler im ersten Frühlingsscheine zeigt, wenn die Bäume noch kahl sind und die Luft durchsichtig klar ist; hell läßt er die Sonne auf dem braunen Gebälk spielen, fleißige Frauen arbeiten im Gärtchen hinter dem Lattenzaun, und lenzselig kräht der bunte Haushahn in den Morgenglanz hinein.
In diesem Häuschen, hoch oben in den Schwarzwaldbergen, im Dorfe Bernau, ist Hans Thoma am 2. Oktober 1839 geboren worden. Hier hat er die ersten zwanzig Jahre seines Lebens verbracht und alle Süße und alle Stille seiner geliebten Heimat in sich eingesogen. Wie oft mag er, an die Hauswand gelehnt, hier auf dem hölzernen Balkon gestanden und in das wellige Tal mit seinen tief niederhängenden grauen Schindeldächern, den bunt geblümten Wiesen und glitzernden Bächen hinausgeträumt haben und dann weiter über die fernen Wälder und Berge in die unbekannte Welt, die dahinter lag, oder nächtens in die hehre und geheimnisvolle Sternenwelt hinauf. Denn ein Träumer und „Sinnierer“ war der Thoma Hans von klein auf, das lag ihm schon im Geblüt; den größten Einfluß aber auf das Gemüt des Knaben hatte die Mutter, die mit ungewöhnlicher Erzählergabe tausend bunte Bilder aus ihrem eigenen wunderlichen Traumleben, aus der Märchenwelt und aus der Heiligen Geschichte in die Seele ihres Buben senkte und seinen Sinn für das geheimnisvolle Leben in und um uns empfänglich machte; sie war eine fromme Frau, die des Abends gern aus der Bibel vorlas oder vorlesen hörte; dann lauschten alle mit stillen Augen, unter ihnen der kleine Hans, und sahen die Gestalten des heiligen Buches leben und sich regen, und dann sprachen die Großen über das Gelesene. Diese Eindrücke senkten sich unverwischbar in das weiche, phantasiebegabte Kindergemüt, in dem das Gelesene vielleicht am klarsten und reinsten zum Bilde sich formte. Und so griff er auch später als Mann und Greis immer wieder zur Bibel, um mit gereiftem Sinn und tieferer Demut dem göttlichen Geheimnis nachzugehen. Aus dieser religiösen Erinnerungs- und Erlebnisfülle mußten auch dem Künstler und Meister Hans Thoma mancherlei Gesichte zuströmen, denn alles, was sein Herz bewegte, wurde ihm zum Bilde, und Mensch und Künstler waren eins in ihm.
Seht euch die „Flucht nach Ägypten“ an. Es ist eines seiner schönsten und innigsten Bilder. Ihr kennt die Stelle der Heiligen Geschichte? „Da die Weisen aus dem Morgenlande aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Joseph im Traum und sprach: Stehe auf und nimm das Kindlein und seine Mutter zu dir und fliehe in Ägyptenland und bleibe allda, bis ich dir sage; denn es ist vorhanden, daß Herodes das Kindlein suche, dasselbe umzubringen. Und er stand auf und nahm das Kindlein und seine Mutter zu sich bei der Nacht und entwich in Ägyptenland...“ Ernst und behutsam führt Joseph das brave Eselein durch das blühende, grüne Land. Er sieht nicht vor, nicht hinter sich. Sorge beugt seinen Nacken und macht seinen Schritt schwer. Aber Maria, die mütterliche Frau, die still und gefaßt auf dem geduldigen Grautier sitzt, hat den Blick hoffnungsvoll erhoben. Ihr Auge hängt gläubig an der lichten Engelsgestalt, die in holdernster Kindlichkeit neben ihr schwebt und mit tröstender Gebärde in die Ferne, in eine glücklichere Zukunft der Geborgenheit deutet; strömendes Sonnenlicht verklärt ringsum das Land wie eine göttliche Verheißung, als sollten alle Not und Trübsal der geängstigten Kreatur sich über ein Weilchen in Frieden und Seligkeit wandeln. Im Schoße der Mutter aber schlummert tief und glücklich das Jesuskind dem Ziele entgegen. Und noch ein andrer kleiner Himmelsgesandter gibt Eltern und Kind das Geleit, er trägt Blumen im Arm und hat Blüten auf den Leidensweg der heiligen Familie gestreut und auch das getreulich schreitende Tierlein mit den bunten lebendigen Sternen geschmückt...