Fühlt ihr den Zauber des Bildes? Was ist nun das Schöne an ihm, das, was uns erfreut, ergreift und rührt und zugleich mit tiefem Frieden erfüllt? Ist es die klare, rein leuchtende Farbe? ist es die schlichte, liebevoll geführte Linie, mit der jedes Antlitz, jede Hand, jede Gewandfalte gestaltet ist, ist es der fromme Vorgang des Bildes oder die Anordnung der ziehenden Gruppe vor der in Sonnenglast und Ferne verdämmernden Landschaft, die einen so süßen deutschen Klang hat —? Ach, ihr fühlt es schon, es ist der Geist, es ist die Seele und Liebe des Meisters, aus der das alles geflossen ist, Farbe und Linie, und was sonst noch auf dem Bilde zu uns spricht, die alles zur Einheit verschmilzt, durchleuchtet und verklärt. Aus ihr heraus mußte alles schlicht und innig, rein und klar, friedlich und inneren Lebens voll, lieblich und köstlich auf der Leinwand entstehen und mußte auch so in unsre Augen und Herzen scheinen. Meister Thoma hat niemals bloß etwas mit der Hand oder mit den Augen gemalt und gezeichnet; er hat immer und vor allem mit dem Herzen geschaffen und für die Herzen der andern. Das Herz aber kennt keinen Prunk und aufregenden Lärm und keine kalte oder erregende Schönheit der Farben und der Linien und andern gefälligen Zauber. Der Meister schrieb einmal über seine biblischen Bilder: „Diese Bilder sind wie die andern auch emporgewachsen aus einer Summe von Empfindungen, aus denen die Phantasie sie zur künstlerischen Form gestaltet. Es sind Empfindungen, wie sie im Volksgemüte leben, uraltes Erbgut; ich möchte fast sagen, ich male solche Sachen so, als ob ich sie für die einfach gläubige Frömmigkeit meiner Mutter malte — ohne Geistreichheit — die Stoffe, wie sie sich geben, nur mit dem Schmucke versehen, den ich ihnen nach Kraft und Recht meines künstlerischen Vermögens geben kann —“ und man darf hinzusetzen: seines männlich-schlichten, innig deutschen Herzens, seines gott- und menschennahen Gemüts, das er aus der reinen und erhabenen Stille seiner Bergesheimat ins Leben mitgenommen hat.

Hans Thoma hat viel, unendlich viel geschaffen. Sein Leben, das jetzt in den Achtzigen steht, war reich und gesegnet und ist es geblieben bis diesen Tag. Ach, es ist vor diesem Reichtum und dieser Fülle schwer und unmöglich zu sagen: das ist das Schönste, das Beste, das Eigentliche! In allen Blättern und Bildern leuchtet ja die Thoma-Seele, lebt das Thoma-Herz.

Ebenso tief ihm eingesenkt, wie die Liebe zum altehrwürdigen religiösen Erbgut, ist ihm die Liebe zur Heimat. Ein Mensch wie Thoma mußte mit Liebe und Lust an Gottes schöner Natur hängen, und die Natur ist für einen solchen Herzmenschen immer und vor allem die Heimat. So hat Thoma von Anfang an und immer wieder seine Heimatlandschaft gemalt und gezeichnet und ist ihr als Schaffender durch alle Jahrzehnte seines langen Lebens treu geblieben. Nach großen, lärmenden, „gigantischen Motiven“ hat unser Meister auch hierbei niemals ausgeschaut, die welligen Gelände seines geliebten Schwarzwaldes oder des ihm formverwandten Taunus, der Mainlauf mit seinen heitern Ufern waren für ihn immer wieder voll stiller, feiner, lieblicher Bildergedanken.

Wie wundervoll vertraut leuchten die Bilder und Bildchen uns mit ihren klaren ruhigen Farben an — die Wärme, die von ihnen weht, der Thoma-Zauber machen sie uns im Beschauen zu beglückenden Sinnbildern deutscher Heimat; wir atmen den Duft des Korns, das auf sonnenheißen Feldern schauert, hören den Bach plaudern, der sich hell schimmernd aus blumigem Dickicht seinen Weg über feuchtes Geröll sucht, wir riechen den starken Erdodem der Schalle, die der warme Frühling gelockert hat, hören das Flüstern und Schwirren der Blätter auf einsamer Berghalde oder das geheimnisreiche Raunen der Nacht, wenn sie mit weichem, blauem Dunkel die Hütten im Tale umfängt; wir lagern mit dem wegmüden Wanderer am Waldrand und träumen hinab in den kühlen Grund und hinaus in die besonnte Ferne, in der lichte Bergkuppen, heitre Wiesen und Felder und ein heimelig verstecktes Städtchen schimmern, und über uns am blauen Himmel ziehen die großen, weißen Sommerwolken — ach, so könnte man noch von hundert Bildern erzählen, aus denen die Wärme und der Frieden der Heimatliebe und die stille, leise Trauer der Erdensehnsucht ihren Zauber spinnen! Und in dieser von ihm geliebten Landschaft malt er auch die Menschen seiner Heimat; seine heitern oder versonnenen Fabelwesen, Nymphen, Faune, Waldschrate und die holden sinnbildlichen Gestalten des Traums und des Frühlings; ja, selbst die Bildnisse von Freunden und Verwandten, die er mit behutsamer Hand und bis ins Innerste spähenden Augen geschaffen hat, sind fast immer vor so einen landschaftlichen Hintergrund gestellt, der wie eine leise, kennzeichnende Melodie das Bildwesen des Dargestellten umklingt. Meister Thoma hat gemalt, gezeichnet, lithographiert, radiert — da gibt es kein Ende, nicht für ihn und nicht für uns! Ihr kennt sicherlich manche seiner hundertfach vervielfältigten Federspiele und Zeichnungen, zum mindesten die lustig-putzigen, auf Wolken jubilierenden und segelnden, auf Vögeln reitenden Engelein — er hat mit zahllosen dieser Blätter und mit seinen schönen Steindrucken die Wärme seiner Kunst bis in die fernsten und einfachsten Hütten getragen und Augen und Herzen Tag um Tag erfreut.

Ach, lieber Meister Hans Thoma, wieviel ließe sich noch über dein reiches, köstliches Lebenswerk sagen. Aber ich hoffe, etwas von deiner guten Menschlichkeit, von deiner dankbaren und sehnsüchtigen Frommheit, von deinem Frohsinn und deiner heißen, zarten Liebe zur Heimat, ein Hauch deiner innigen, schlichtgroßen Kunst, der jeden erfüllt, der dein Werk betrachtet und liebt, ist vielleicht auch in diese bescheidenen Zeilen eingegangen und hat dich den jungen Lesern lieb gemacht, so daß sie gern mehr von dir sehen wollen, um dich ganz kennenzulernen und zu besitzen. Und so nehmen wir Abschied von dir und grüßen dich dankbar und ehrfurchtsvoll mit dem schönen Dichterwort, das so gut auf dich paßt:

Der ist in tiefster Seele treu,

Der die Heimat liebt wie du.

Gertrud Triepel.

Das Tischgebet
Von Fritz von Uhde