Geboren 22. Mai 1848 in Wolkenburg in Sachsen, gestorben 25. Februar 1911 in München. — Musée de Luxembourg in Paris
Wer Palästina bereist und seine heiligen Stätten, wird immer eine Kette von Gedanken mit sich tragen, die zurückführen auf die Geschichten des Neuen Testaments, und fast unbewußt wird ihn über die Berge und Täler bis zu der Lehmflut der Jordanfurt und dem stillen Wasserspiegel des Toten Meeres eine Gestalt begleiten, der unsre religiöse Phantasie Leben geschaffen hat: ein Mann mit hehrem, durchgeistigtem Gesicht, lockigem Haupthaar, gekleidet in eine schlichte, lang herabwallende Tunika, mit Sandalen an den Füßen — die Gestalt Jesu Christi.
Mir wenigstens ist es so ergangen. Ich hatte mich freilich vorher in die Evangelien vertieft und folgte ihrem Erzählungsstoff als ich oben am Saume des Plateaus über Tiberias stand, unter mir den schweigenden See von Genezareth mit den ihn umgebenden, schroff abfallenden, zerklüfteten Bergen. Auch auf Jerusalems hochehrwürdigem Tempelplatz und am Quellstrom des Jordan, im Garten Gethsemane, wo Judas den Herrn verriet, und auf der Höhe des Ölbergs, am Jakobsbrunnen, am Grabe Josephs und vor allem in jener grünen Talmulde, in die sich die weißen Häuser von Nazareth schmiegen, der Jugendheimat Jesu.
Kein Ort in Palästina ist durch die Überlieferung so zu Ansehn gekommen wie gerade Nazareth. Das Alte Testament erwähnt seiner nicht, und da es bei Johannes an einer Stelle heißt: „Was kann von Nazareth Gutes kommen?“ — so läßt sich vielleicht annehmen, daß es dermaleinst die kleinste und unbedeutendste Stadt Galiläas war. Aber sie wurde zu weltgeschichtlicher Bedeutung durch den Aufenthalt des Heilands. Wie lange lebte er in der Stille und Einsamkeit dieses abgeschiedenen Fleckens? Wir wissen es nicht. Im Lukas-Evangelium wird von dreißig Jahren gesprochen, ehe der Ruf des Täufers Johannes durch das Galiläische Land drang; aber sei es eine kürzere oder längere Zeit gewesen, eins steht fest: es war die Zeit der Vorbereitung für Jesus und sicher gefüllt mit einem überreichen und wunderbaren Inhalt.
Der Vater Jesu war ein Zimmermann, ein Wanderhandwerker, und seine Werkstatt zu Nazareth zeigt man noch heute — oder wenigstens den Ort, wo sie gestanden haben kann, und einen Pfeiler aus porösem Gestein als letztes Überbleibsel der Wohnung von Joseph und Maria. Ich malte mir in der Phantasie die Wohnung aus, wie sie zu Zeiten Jesu gewesen sein könne: ein winziges Häuschen aus Holz und Lehm mit runden Dachbalken und dem üblichen Söller, auf den eine Holztreppe führte. Im Hause wenig mehr als zwei Räume, einfach ausgestattet mit groben Decken und Teppichen, den nötigen Geräten und dem Handwerkszeug. Jesus half dem Vater bei der Arbeit, auch er war ein Zimmermann. Er lebte in dieser verlorenen Kleinstadt, ging am Sabbat in die Synagoge, ließ sich am Wochenende seinen Lohn auszahlen. Er lebte wie ein Mensch unter Menschen, aber von einem anderen Geiste erfüllt als diese, das zeigt uns jener Besuch mit den Eltern zum Osterfeste in Jerusalem, da die angsterfüllte Mutter nach langem Suchen den Sohn im Tempel mitten unter den Lehrern fand.
Neben der kleinen maronitischen Kirche in Nazareth liegt die sogenannte Mensa Christi in einem neueren Gebäude mit einem großen runden Steinblock. Fromme Legende erzählt, das sei der Tisch gewesen, an dem Jesus vor und nach seiner Auferstehung mit den Jüngern gespeist habe. Und an diesem Tische sah ich ihn im Dämmer einer Nachmittagsstunde scheinbar leibhaftig sitzen: als einen Mann mit hehrem, durchgeistigtem Gesicht, lockigem Haupthaar, gekleidet in eine schlichte, lang herabwallende Tunika mit Sandalen an den Füßen.
So lebt er in der nachschaffenden Erinnerung des Christentums — und so sehen wir ihn auf dem berühmten Bilde Fritz von Uhdes, das hier in seiner farbigen Wirkung wiedergegeben ist. Das Zuständliche ist eine Bauernstube, dem Eindruck nach eine holländische oder eine aus dem deutsch-belgischen Grenzgebiet, die Wände kahl, der Boden mit Ziegelfliesen belegt. Durch das gardinenlose Fenster fällt der Blick auf flaches Land und das rote Dach eines Fabrikgebäudes, über dem noch der Himmel blaut, sich aber schon in zartes Dämmerlicht einwebt. Die Armut wohnt in diesem kärglichen Heim. Doch alles ist blitzsauber, auch der zur Abendmahlzeit hergerichtete Tisch mit dem großen Kartoffelnapf in der Mitte. Mann und Frau stehen sich gegenüber, er noch in seiner Arbeitsbluse, hinter der Frau wird das Elternpaar sichtbar, am Ende des Tisches warten die Kinder.
Ehe sich die Familie zum Essen setzt, wird das Tischgebet gesprochen. Es ist das uralte: „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast. Amen.“ Woher dies Gebet stammt, läßt sich nicht nachweisen. Der Volksmund hat es geformt, vielleicht schon vor Jahrhunderten, in dem innigen Glauben, daß auch des Leibes Nahrung von Gott kommt und des Segens des Himmels bedarf. Und während dies Gebet gesprochen wird, erscheint der Herr Jesus Christus selbst, wie eine Lichtgestalt, und erhebt segnend seine Hand.
Er ist nicht etwa eine geisterhafte Erscheinung, das Ganze soll keineswegs wie eine Vision wirken. Hätte das der Maler so gewollt, so würde der Ausdruck in den Gesichtern der Bäuerin und der Kinder ein anderer geworden sein, ein erstaunter ob des Wunders, ein ekstatischer, ein verzückter. Aber während der junge Mann nur andächtig vor sich niederschaut und das eine der Kinder, wohl der Kleine, der das Gebet gesprochen, noch die Hände auf dem Tisch gefaltet hält, lebt im Gesicht der Bäuerin ein unendlich dankbarer, fromm einfältiger Ausdruck. Der Maler hat geflissentlich seine Szene aus dem Bereich des übersinnlichen und des Unwirklichen in das der Natürlichkeit gerückt. Da steht der freie Stuhl und der Teller für den Herrn Jesus, die symbolische Einladung des Tischgebets ist zur Wirklichkeit geworden, der Herr ist eingetreten in die niedrige Stube des armen Mannes und will mit der Familie speisen.