Der Frühling
Von Ferdinand Hodler
Geboren 14. März 1853 in Bern, gestorben 19. Mai 1918 in Genf. — Folkwang-Museum in Hagen (Westfalen)
Da schaut nur die zwei seligen jungen Menschen! Trunkenheit, süße Lenztrunkenheit durchrieselt ihre Glieder, und vom Wunder des Neuerwachens, in ihnen selbst und in der Natur, sind sie wie in Seligkeit entrückt. Sie wissen nicht, wie ihnen geschieht; sie fühlen nur den geheimnisvollen Rausch, der wie eine lohende Flamme jählings sie durchbraust...
Stolz und tatbegierig, aus dumpfem Faulenzen, richtet der Knabe zu halb hockender Stellung sich empor. Wie Schlummerhauch ist etwas von ihm niedergeglitten, ein Strom junger, neuer Kraft perlt durch seine Adern. Halb bewußtlos träumt er hinaus ins Weite, der Umgebung nicht achtend. Er sieht auch nicht — in diesem Augenblick nicht! — das ganz verzückte junge Mädel, das gleich ihm plötzlich, wie aufgeschreckt, vom Boden emporfährt; dann tiefbetroffen innehält, wie durchbohrt vom Anblicke der männlichen jungen Schönheit, die im Knaben sich darbeut. Sie hat vielleicht eben noch ahnungslos neben ihm gelagert und harmlos mit ihm geplaudert, „halb Kinderspiele, halb Gott im Herz“. Da traf sie beide der erste heiße Strahl der erwachenden Frühlingssonne — und damit war es um sie geschehen!
Ist es Liebe, was sie so mit Riesen- und Rätselmacht durchweht und durchsickert? Ach, beide haben bis dahin von Liebe noch nichts gewußt und geahnt! Unschuldige Spielkameraden, haben sie miteinander verkehrt, bekleidet oder unbekleidet — was kam darauf an?
Er, der Bub, weiß auch jetzt noch nichts anderes. Was kümmert ihn Liebe? was kümmert ihn das Mädel? Aber das Leben spürt er plötzlich, das große, unermeßliche, das wie eine lockende Rennbahn vor ihm liegt, mit fernher blitzender Zielsäule. In dieses Leben will er sich stürzen, abenteuergierig, erobererfreudig! Kraftgeschwellt sind seine Glieder und stählern und sturmpochend ist sein Herz. O Leben, o Wonne! O Kampf, o Sieg! Schier zerspringen wollen ihm Herz und Adern, doch dumpf und wie verfangen bannt ihn noch träumerischer Sinn.
Aber in dem Mädel quirlt und fiebert alles empor. Der Pfeil sitzt in ihrem Blute, der Pfeil des tückischen Liebesgottes. Sie fragt nicht nach dem Leben, das draußen liegen mag in weiter Ferne. Sie fühlt nur die Nähe des Einzigen, des Geliebten — o des Angebeteten, der neben ihr sich emporrichtet wie ein junger Gott! Und all ihr Sein, das fühlt sie in schmerzlich-süßer Erleuchtung, gehört von dieser Sekunde ab nur ihm — zu dem es sie hindrängt in heißer Wonne, und von dem es sie fernhält, wie in fassungsloser Andacht! Beten möchte sie, weinen, jubeln, hinausschreien — und gleichzeitig ganz stille sein oder nur leise-bebend und dumpf vor sich hin stammeln! Liebe, Liebe, einzige Himmelsmacht! Und Frühling, Frühling, der sie in uns weckt und entzündet!
— — Doch können arme Worte, niedergeschrieben auf Papier, wiedergeben, was an mächtigem und zartgestuftem Gefühlsinhalt die Kunst des Malers in Formen und Farben so viel bezwingender ausgedrückt hat? Nur leise, bescheiden hindeuten können sie auf das, was stumm und gewaltig das Bild in sich birgt, das ein großer neurer Meister aus der Tiefe seiner Schöpferkraft als ein innerstes Erlebnis herausgeholt hat. Wie muß er die Macht und Wunderkraft des Frühlings in und um sich gespürt haben, um sie in solch herrlich erfaßtem und ausgebautem Sinnbild uns zu künden! Seht nur, wie er das getan hat! Die beiden Figuren des Knaben und des Mädchens, nehmen fast das ganze Bild ein. Getrennt voneinander, ohne sich zu berühren, sind sie nebeneinander hingesetzt, jedes ganz erfüllt von seiner gärenden und treibenden Gefühlswelt. So tritt jede Einzelgestalt voll und plastisch heraus und beide sind widereinander aufs abgewogenste abgesetzt. Das in sich gekrümmte Mädchen, im Profil gesehen und hitzig bewegt, nimmt auf der linken Hälfte des Bildes für sich einen kleineren Raum ein als der Knabe auf der rechten, der, in gerader Haltung, mit seinem steil aufgerichteten Kopfe schier den oberen Bildrand zu durchstoßen droht und hierdurch das Jähe, Impulsive, das ihn bewegt, auch formal vortrefflich zum Ausdruck bringt. Nackt ist dieser Knabe, während das Mädchen um den Leib ein lichtblaues Hemdkleid trägt. Und die rosig-braune Hautfarbe des Knaben, die am Hals und Oberarm grünliche Schatten wirft, kontrastiert sehr wirksam mit dem Gewande des Mädchens und dessen heller getönter Hautfärbung. Rings um sie her aber ist der Frühling erblüht in einer wogenden Fülle gelber Primeln, die brünstig und üppig aus spärlicher grüner Grasnarbe hervorquellen. Nach oben zu gewahrt man ein Stückchen graugelber Sandfläche, darüber einen ganz schmalen Streifen dumpfblauen Himmels; die schließen das Bild über den beiden Figuren kurz ab. Es ist kein sehr großes Bild; aber es birgt in sich eine wahre Pracht an malerischer Eingebung und poetischer Durchgeistigung.