VERLAG VON RICH. BONG IN BERLIN

Alle Rechte, auch das der Übersetzung in andere Sprachen, vorbehalten.

Copyright 1921 by Verlag von Rich. Bong in Berlin.

Druck von Julius Brandstätter, Leipzig C 1


Geleitwort

Nicht mit Unrecht klagt man über eine Entseelung unseres Volkskörpers und sieht in der Mechanisierung des Lebens, in der ideenlosen Jagd nach materiellen Gütern und äußerem Erfolg, in dem Mangel an wahrer innerer Kultur und Persönlichkeitspflege zwar vielleicht natürliche, aber sehr verderbliche Folgen einer überhasteten industriellen und volkswirtschaftlichen Entwicklung und zugleich auch mitwirkende Ursachen unseres Zusammenbruches. Wir haben in der Tat alle Veranlassung, die Grundlagen unserer Kultur auf das ernsteste zu prüfen und in gewissenhafter Selbstbesinnung nach Vertiefung unseres Daseins, nach neuem seelischem Gehalt, nach Ideen und Stimmungen zu suchen, die das Leben wieder lebenswert machen.

So sinken denn die Naturwissenschaften mit ihren Aufklärungstendenzen in der Schätzung der Einsichtigen, es beginnt in der Philosophie die Metaphysik, in der Religion die gottsuchende Mystik sich zu regen, die Geschichte strebt von der Spezialisierung fort zu denkender Gesamtbetrachtung, eine Erneuerung des politischen Gewissens hebt an, und auch die Kunst besinnt sich allmählich auf ihre eigentliche Aufgabe: seelisches Bedürfnisse zu befriedigen, sich dem Schönen, Erhabenen und Großen zuzuwenden und über die Niederungen des Alltäglichen und Gemeinen zu den Höhen der Empfindung zu führen; zugleich möchte sie wieder das innerste Sehnen und Schauen des Genius offenbaren und das tiefste Lebensgefühl der Nation zum unmittelbaren und selbstverständlichen Ausdruck bringen. Sie will an dem seelischen Gesundungsprozeß teilnehmen, eine Quelle werden innerer Erneuerung und wahrer Kultur; sie will ein Erlebnis sein und die edelsten Kräfte entbinden, sie will den Menschen zum wahren Menschen bilden und über alle wirtschaftlichen und sozialen Unterschiede hinaus der Emporentwicklung der Volksgemeinschaft dienen. Und wenn auch einige der neueren Richtungen in der Kunst — und nicht nur der bildenden Kunst — der Zerrissenheit unseres Inneren gar zu hohen Tribut zollen und noch nicht Führer zu einer harmonischen Weltanschauung sein können, sondern das Grelle, Sensationelle, Stürmische, Revolutionäre in Formen darbieten, die auf ein gesundes Gefühl abstoßend wirken, so interpretieren sie nur — soweit sie überhaupt echt sind — den Lebensinhalt unserer Zeit nach vorübergehenden Stimmungen, und halten für ewig, was der tieferen Beobachtung und dem sicheren Gefühl nur als Schaum einer flutenden Welle erscheint. Darin aber sind sie mit denen einig, die mit voller Hingebung das Schöne suchen, das sie zur reinen Anschauung führen wollen; d. h. sie streben wie alle großen alten Meister in jeder Kunst danach, einen psychischen Vorgang auszulösen, der für den modernen Menschen in der Musik und im Schauspiel leichter, in der Architektur, Plastik und Malerei aber schwer zu erreichen ist: daß nämlich Stoff, Inhalt und Form, Idee und Darstellung, Ton und Sinn, Farbe, Kontur und künstlerische Absicht zu voller, unbewußter Harmonie sich verschmelzen, also daß der Verstand sich gefangen gibt, die Seele aber ergriffen, ja erschüttert wird, daß das Kunstwerk lebt und zu einem Erlebnis wird. Und auch darin stimmen heute alle Künstler überein, daß unsere Gesamtkultur sich mit künstlerischem Geiste durchdringen müsse, daß Kunst Volkseigentum sei und nicht mehr ein Vorrecht der gebildeten und besitzenden Stände bleiben dürfe. In der Tat, sie muß in allen Formen und Erscheinungen des Lebens zum Vorschein kommen, das ganze Dasein durchdringen, vom Wollen und Fühlen des gesamten Volkes getragen werden; in seinem Kreise, in seinem Berufe muß ein jeder zum künstlerisch schaffenden, d. h. von Ideen durchleuchteten, nach Harmonie strebenden, die Form beherrschenden Menschen werden; dann erst werden wir wieder Kultur haben. Und mag dieses Ideal, wie jedes, auch unerreichbar sein, mögen auch die großen Künstler stets einsam, stets Geistesaristokraten bleiben, so muß doch mindestens die Fähigkeit, Kunst zu verstehen und zu genießen, Gutes vom Schlechten, Wahres vom Unechten zu unterscheiden, Feierstunden der Seele zu haben, die das Leben veredeln und über die Nöte des Alltags erheben, unserem Volke wieder anerzogen und zu einem Allgemeingute werden.