Von solchen Gesichtspunkten aus sind, wie die Volkstheater und Lesehallen, wie die populären Konzerte und der Kampf gegen Kino und Schund, auch die neueren Bestrebungen der Wander- und Schulkunstausstellungen zu bewerten; so will auch unser Buch beurteilt werden.
Es wendet sich zunächst an das empfängliche Gemüt der Jugend; ihr vor allem will es ein Wegweiser sein zu dem Schönen und Erhabenen. Es will den Kindern Ehrfurcht beibringen vor dem Genius, vor der gewaltigen, rätselhaften Kraft der Persönlichkeit, die aus dem tiefsten Drang des Unbewußten schafft, und vor dem Werk, in dem der große Künstler lebt mit seinem Hoffen und Streben, mit seinem Wollen und Können, mit der Tiefe seines Gefühls in Leid und Lust, in Ernst und Laune, mit seiner Sehnsucht und dem Frieden, den er erringt oder nicht erringen kann. Die Stimmungs- und Aufnahmefähigkeit zu erwecken mit all den seelischen Folgen, die sich daran knüpfen, nicht fertige Urteile „in den Busen zu stoßen“, war die Aufgabe. Zum Sehen müssen die Kinder angeleitet und zur unmittelbaren Einfühlung erzogen werden. Sie sollen selbsttätig bleiben und das Erlebnis des Künstlers nachempfinden; sie sollen das im Bilde Gegebene innerlich nachschaffen und sich so zum unverlierbaren Eigentum machen; sie sollen es durch Gefühl und Phantasie zu neuem Leben erwecken und im innersten Herzen sprechen: Wie ist das schön! Dann ist der Boden bereitet, und ein Samenkorn echter Kultur in ihn gebettet.
Unsere Erläuterungen gehen demnach davon aus, was wirklich auf dem Bilde zu sehen ist. Die Kinder interessiert ja auch zunächst das rein Stoffliche; erst, wenn der Gegenstand ganz verstanden und mit Freude aufgenommen ist, kann man auf seine Gestaltung, auf Form, Komposition, Linienfluß, Farbe, Licht und Schatten eingehen, d. h. auf die Bewältigung des Stoffes, das eigentlich Künstlerische. Beim Gegenständlichen muß aber langweilige Beschreibung vor allem vermieden werden. Darum sind die Bilder meistens dramatisch behandelt, d. h. in Vorgang und Handlung umgesetzt worden. Dabei ergab sich von selbst die Charakterisierung der Personen und die Einfühlung in die Natur- oder Milieustimmung. Alles sollte lebendig werden. Auch der Meister selbst und die Idee und Seelenlage, aus der heraus er schuf. Das Kunstwerk soll begriffen werden als ein Stück Natur, gesehen und geadelt durch eine starke Persönlichkeit. So ist denn der psychischen Einstellung des Künstlers, seinem Wesen und seiner Eigenart und dem, was er zum Ausdruck bringen, gerade hier erreichen wollte, mehr Raum gegönnt, als dem äußeren Lebens- und Bildungsgang oder gar künstlerischen Abhängigkeiten und Entwicklungslinien, obwohl gelegentlich auch hier das Nötige zur Erklärung nicht fehlt. Das Kind soll den Maler liebgewinnen, und wenn es zunächst auch nur ein Bild von ihm sieht, doch einen klaren Begriff von dem Mann und seinem Wollen bekommen, von den Idealen, denen er nachstrebte und der Art, wie er seinem Innenleben Form zu geben verstand. Und dabei hat nicht der sezierende Verstand des grübelnden Denkers und nicht die Gelehrsamkeit des wissensreichen Kunstforschers den Griffel geführt, sondern das liebevolle Verständnis des erfahrenen Pädagogen oder des begeisterten Kunst- und Jugendfreundes, der sich in die Kindesseele zu versetzen und die jugendliche Auffassungskraft und Interessensphäre richtig einzuschätzen weiß.
Darum hoffen wir auch, daß unsere Gabe gewiß manchem Lehrer willkommen sein wird, der mit seiner Klasse ein Museum besuchen will oder bei Gelegenheit Unterricht dieses oder jenes Bild zu erläutern, auf die Bedeutung des einen oder andern großen Malers einzugehen sich berufen fühlt. Zwar sind Kunsterziehungstage nicht mehr Mode, und andere Schlagworte sind an die Stelle des Rufs nach ästhetischer Erziehung getreten, aber jenseits aller wechselnden Strömungen des Tages bleibt die Wirkung auf das Gemüt der Jugend, die Weckung und Stärkung der Seelenkräfte, die Pflege des Verständnisses für das Große und Ehrfurchtgebietende in aller Geschichte und nicht zuletzt auch für Wesens und Art der Heimat eine der Hauptaufgaben des Erziehers. Und dazu möchte auch dieses Buch an seinem bescheidenen Teile helfen. Und so werden auch Väter und Mütter, die im Hasten des Tages die frühere Fühlung mit der Kunst verloren haben, zu dem Buche greifen, um ihren Kindern Rede und Antwort stehen und ihnen rechte Berater zum Schönen und Edlen werden zu können.
Aber noch mehr: Wenn die Erneuerung des inneren Lebens, von der wir im Eingang gesprochen haben, wirklich so nötig ist, wie wir glauben, wenn die Kunst in der Tat ein Gebiet ist, auf dem man sich rein als Mensch fühlen darf und allen Klassenkampf, alle Erdenschwere und Lebensnot vergißt, wenn sie der Religion so nahesteht, daß auch sie Seelenruhe und Geistesfrieden zu geben imstande ist, dann möchten wir wünschen, daß dieses Buch in die breiten Schichten des Volkes komme. Es gibt so viele, die der Kunst ferner stehen, aber eine Ahnung von ihrer Bedeutung haben, die sich nach „des Lebens Bächen, ach nach des Lebens Quellen“ sehnen; ihnen möchten wir Wegweiser zu einem Jungbrunnen werden, der Frische und Erquickung bringt, von innerer Not erlöst und zu allem Guten fähig macht. Um diesen Weg in die Massen frei zu machen und so der großen Kulturaufgabe zu dienen, ist der Preis des Buches so billig wie möglich gestellt, trotz würdiger Ausstattung.
Verstehen kann das Buch jeder. Wir glauben, die richtigen Bearbeiter gefunden zu haben und sind ihnen dankbar für die Lösung der Aufgabe; es sind Namen von hohem Klang in ihrer Reihe. Fern von aller Plattheit ist der Ton auf wahre Popularität gestellt: wirkliche Kenner äußern sich in formvollendeter und allgemeinverständlicher Art. Auch die Auswahl der Bilder wird auf Beifall rechnen dürfen. Es sind die größten Meister seit dem Ausgang des Mittelalters in typischen Beispielen vertreten. Wir haben uns nicht auf die Deutschen beschränkt; die Kunst ist international, und die Großen haben stets voneinander gelernt; bei allen westeuropäischen Kulturvölkern findet sich zarte Innigkeit und dämonische Kraft, immer wieder hervorbrechende Hingabe an die Natur und eine gleiche Wucht der Charakteristik, ähnliche Strömungen in der Bewertung des antiken Vorbilds, im Sinn für Farbe und Form. Hier sind nun die Größten der letzten Jahrhunderte von Giotto bis zu Thoma, Uhde, Liebermann, Hodler und Segantini zu einem gewaltigen Konzert vereinigt, aus dessen Harmonien die hehre Melodie von den ewigen Werten wahrer Kunst immer wieder herausklingt. Und wenn dabei die deutsche Kunst im Vordergrunde steht, so entspricht das nicht nur unserem natürlichen Empfinden, sondern wir dürfen mit Stolz bekennen: wir haben zwar selten den Ton angegeben, aber doch zu allen Zeiten Meister hervorgebracht von solcher Tiefe und so herrlicher Größe, daß wir hinter keiner anderen Nation zurückstehen.
So möge denn dieses Buch auch die Freude am Vaterlande und den Glauben an eine glücklichere, an eine gute Zukunft stärken!
Dr. Arnold Reimann.