Friedrich Düsel.

[A] Eine alte Legende erzählt von der Jagd des Engels Gabriel auf ein Einhorn und wie dieses Schutz gefunden habe im Schoße der heiligen Jungfrau.

Der Frühling
Von Sandro Botticelli

Geboren um 1446 in Florenz, gestorben 17. Mai 1510 ebendort. — Accademia in Florenz

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Frühling! Wer würde nicht zu lichten Höhen reiner Freude emporgetragen bei dem Gedanken an den Lenz, den Bringer der Hoffnung, den Spender der Lust! Kein Fühlender kann sich dem holden Zauber des Auferstehungsfestes in der Natur entziehen. Mit leuchtenden Augen schauen wir die tiefen Geheimnisse im Walten und Werden, und unsres Staunens ist kein Ende.

Wenn der Föhn — ein warmer trockner Südwind in den Schweizer Alpen — mit tosendem Brausen die Bergketten durchtobt und des Winters starre Herrschaft mit wilder Gewalt zerbricht, dann ist der Frühling nicht mehr fern. Vom Süden her streicht ein warmer Odem über die Erde dahin, und der Menschen Herzen sind von wonnigen Ahnungen erfüllt. Langsam steigt der glühende Himmelsball höher und höher. Überall, in Bergen und Tälern, in Wald und Feld, in Hecken und Gärten erwacht tausendfältiges Leben, heimliches Werden. Zahllose Quellen und Bächlein bahnen sich ihren Weg durch Wiesen und Fluren; silberhell sprudeln die Wasser, und das erste schüchterne Grün leuchtet im Glanze junger Sonne. Mit schmetterndem Sange schwingt sich die Lerche zu den Wolken empor, den Lenz, den mächtigsten Zauberer, mit jauchzendem Jubel zu grüßen. Ein Wunder gebiert das andere! Unter dem winterlichen Laub stecken die frühen Blumen zag und sachte die Köpfchen hervor. Da, über Nacht, sind die Fluren plötzlich mit strahlenden Frühlingsboten übersät; die gestern noch schlummernde Erde ist in einen prangenden Blütenteppich verwandelt. Zuerst, gleichsam als Herolde, kommen die Schneeglöckchen. Sie läuten den Frühling ein. Bald folgen Anemonen und Himmelsschlüssel, Zyanen und Gänseblümchen, Windröschen und Tausendschönchen; dazwischen verborgen duftende Veilchen. Sie alle wollen mit ihrer Farben Glanz und ihres Duftes Süße das erwachende Leben bekränzen. Heller leuchtet die Sonne an solchem Frühlingstag, würziger weht die Luft und höher schlägt das Herz; überall, allüberall vernehmen wir den Pulsschlag der rastlos schaffenden Erde, die sich als Priesterin der Schönheit am Auferstehungsfeste mit den reichsten und köstlichsten Gewändern schmückt. In seinem sinnigen Gedichte „Lenz“ singt Felix Dahn von des Frühlings schöpferischer Macht und Zauberkraft:

Die Finken schlagen,

Der Lenz ist da,