Und keiner kann sagen,

Wie es geschah!

Er ist leise kommen

Wohl über Nacht,

Und plötzlich entglommen

In alter Pracht!

Diese Pracht und Herrlichkeit, die uns einmal alljährlich beglückt, hat auch den Meister Sandro (Alexander) Botticelli, der während der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts (1446 bis 1510) in der italienischen Stadt Florenz lebte, zu so hoher Begeisterung hingerissen, daß er uns diesen herrlichen Farbenhymnus an den Frühling dichtete. In dem zauberreichen Gemälde zeigt er uns das ewige Wunder der Schöpfung, wie es sich in seiner Phantasie malte. In uns, den Beschauern, will er die gleichen Gefühle der Erhebung und Erneuerung wecken, die mit des Frühlings Einzug seine Seele beglückten. In jedem Lande der Erde hat der Frühling ein eigenes Gesicht; in allen Zonen aber ist er von märchenhafter Prachtenfaltung in der Natur begleitet. Botticelli nun schildert uns den Frühling, wie ihn sein Künstlerauge in seiner toskanischen Heimat sah. Er folgte der Stimme des Herzens und malte, was seine Phantasie bewegte:

Im Mittelgrunde des Bildes erblicken wir eine feengleiche Frauengestalt, Venus, die Göttin der Liebe. Wie eine Königin schreitet sie daher, voll Hoheit und Würde. Der purpurne, golddurchwirkte Mantel ist herabgesunken, er wird von der linken Hand leicht gerafft, während er lässig über den rechten Arm hinabgleitet, der wie in segnender Gebärde erhoben ist. Das Antlitz der Liebeskönigin ist von holdseligem Lächeln verklärt; um das leicht geneigte Haupt fließt in sanften Linien ein goldgewebter Schleier, die edle Stirn verrät hoher Gedanken Flug.

Ganz vorn im Bilde, zur Linken der Liebesgöttin, schreitet Flora, die Priesterin des Frühlings, eine schlanke, liebliche Frauengestalt. Ihr wehendes Gewand ist mit Blüten geschmückt, ihre Lenden umschmiegt ein köstlicher Gürtel rankender Wildrosen. Wie eine Juwelenkette trägt sie als Halsschmuck einen Kranz frischer, üppig blühender Wiesenblumen. Auf der linken Seite bewegen sich in rhythmischem Tanz drei Grazien, die vor der Frühlingsgöttin einen Reigen aufführen. Ihnen voran schreitet als Herold Merkur, den holden Frauen den Weg zu bereiten. Er ist der Bote der Götter. An den Füßen trägt er beflügelte Schuhe, in der erhobenen Rechten schwingt er den Caduceus, den Zauberstab, der vorn zwei verschlungene, mit den Köpfen einander zugekehrte Schlangen zeigt. Merkur ist mit der Chlamys, einem leichten Übergewand, bekleidet und mit dem Krummschwert bewehrt. Als Abschluß nach rechts sehen wir Zephyr, den Gott der säuselnden Winde; mit flatterndem Haar und Mantel, aufgeblasenen Wangen und zusammengezogenen Augenbrauen hascht er nach einer vor ihm herfliehenden Mädchengestalt, die er in neckischem Spiel zu fangen sucht. Sie wendet sich, den Kopf leicht seitwärts gebeugt, in abwehrender Bewegung nach ihrem Verfolger zurück. Auch mit ihrem Gewand und Haar treibt der Wind sein Spiel. Aus ihrem Munde sprießen, wie aus einem Füllhorn, Blütenzweige von Kornblumen und Rosen; denn der Sage nach wurde alles in Blumen verwandelt, was mit Flora oder ihren Gespielinnen in Berührung kam, nachdem sie von Zephyr besiegt waren. Amor, zu Häupten der Liebesgöttin, spannt den Bogen und sendet zündende Pfeile nach der Gruppe der tanzenden, holden Mädchen hin, deren Glieder von leichten Schleiern verhüllt sind. Wie von einer prächtigen Kulisse ist die Wiese rückwärts von blühendem Lorbeer, von Myrten- und Orangebäumen umsäumt, deren dunkle Stämme sich gegen die Lichtgestalten wirkungsvoll abheben.

Die Hauptfigur des Gemäldes ist die Frühlingsgöttin, die alle Blicke fesselt und leichtfüßig über den blumigen Wiesenboden dahinschreitet. Ihr Blondhaar ist mit Primeln und Zyanen durchflochten, aus ihrem Schoß streut sie leuchtende Blüten über die erwachende Erde hin.