Die wunderbare sinnbildliche Darstellung auf den Frühling hängt in der Accademia, der Gemäldegalerie zu Florenz. Sie ist eine der Schöpfungen, die den Ruhm Botticellis in der ganzen Welt verbreitet hat. Die geistige Vertiefung, der wir auf fast allen Bildern des Meisters begegnen, die Zartheit und Grazie seiner überschlanken Gestalten verrät den Maler, der schon frühzeitig eigene Wege suchte und sich von dem überkommenen Kunstideal seiner Zeitgenossen abwandte. Überall in seinen Werken läßt sich die Eigenart der Auffassung erkennen. Sie sind fast ausnahmslos mit erstaunlicher Beherrschung der technischen Mittel und großer Fertigkeit gemalt.
Der märchenhafte holde Hymnus auf den Frühling wird stets dieselbe Begeisterung hervorrufen, wie die mythologischen Phantasien und die Madonnenbilder Botticellis. Mit heiligem Eifer hat er sich dem Studium des klassischen Altertums und hier wieder ganz besonders der Mythologie gewidmet. Die mythologisch-allegorischen Stoffe, die er zum Vorwurf künstlerischer Darstellung wählte, hat er aufs glücklichste mit dem Zauber der Poesie umwoben. Durch seine Werke weht etwas vom Hauch des lyrischen Dichters, der uns in das Reich der Romantik entführt. Diesen Geist atmen auch fast alle seine Madonnenbilder, die er mit eigenem Reiz und zarter Grazie schmückt. Ich erinnere hier nur an eines der schönsten, die ideale Darstellung der heiligen Jungfrau mit dem Kinde, das berühmte „Magnificat“ in den Uffizien zu Florenz.
Botticelli suchte, auch wenn er Maria mit dem Kinde malte, mit einfachen Mitteln zu dem Beschauer zu sprechen. Niemals wollte er, trotz des feierlichen Ernstes in jedem Antlitz, die Madonna als die unerreichbar ferne, unendlich erhöhte Gottesmutter darstellen, sondern wie eine wirkliche Mutter, die für alle Schmerzen ihrer Kinder ein allzeit verstehendes, gütiges Herz hat.
Besonders seine Frauengestalten tragen einen ganz eigenen, schwermütigen Charakter. Um ihre Gesichter in ihrem herben, sinnigen Ernst schwebt etwas so Eindrucksvolles und Typisches, was sich in ähnlicher Eigentümlichkeit bei keinem anderen Künstler wiederfindet. Der seelische Glanz seiner Figuren prägt sich so unvergeßlich ein, daß man oft vergleichsweise von „botticellesken Gestalten“ spricht. Sie haben etwas von dem Symbol der Keuschheit, obgleich ein zarter Reiz reiner Sinnlichkeit zu dem Beschauer hinweht; das Haupt ist von wallenden Locken umrahmt, die Züge sind edel und durchgeistigt, der schwellende Mund und die fragenden Augen verraten etwas von ungestillter Sehnsucht und leisem Schmerz, der sich in jener verklärten Güte löst, die ihren Blicken entstrahlt.
Vasari, der uns das Leben der berühmten italienischen Meister des 15. und 16. Jahrhunderts geschildert hat, erzählt uns auch einiges aus Botticellis Werdegang. Alessandro, mit dem Kosenamen Sandro genannt, war der Sohn des Mariano Filipepi, eines Florentiner Bürgers. Der Vater ließ dem Knaben nach den Begriffen der damaligen Zeit eine sorgfältige Erziehung angedeihen, aber unser Sandro war, wie uns berichtet wird, kein Musterschüler und fand wenig Freude am Lernen. Weder im Schreiben und Lesen, noch im Rechnen brachte er es vorwärts. Da kam der Vater, der um Sandros Zukunft besorgt war, auf den Gedanken, den Jungen zu Botticello, einem Meister der Goldschmiedekunst, der in hohem Ansehen stand, in die Lehre zu schicken. Hier zeigte Sandro wider Erwarten viel Geschick und Eifer, Fleiß und Fertigkeit im Zeichnen und bat den Vater, der die Neigung des Sohnes inzwischen erkannt hatte, ihn Maler werden zu lassen. Nach seinem Lehrmeister Botticello hat er sich später Botticelli genannt. Er wurde von einem Karmelitermönch, dem berühmten Meister Fra Filippo del Carmine in die Geheimnisse der Malkunst eingeführt, und bald sollte es sich herausstellen, daß Sandro auf dem rechten Wege war. Rasch entfaltete sich sein Talent und brachte ihn rüstig vorwärts. Sein langes Leben war reich an künstlerischem Schaffen und zeitweilig auch an äußeren Erfolgen, wenngleich Botticelli nie eigentlich auf der Menschheit Höhen wandelte. In seinen letzten Lebensjahren war er ganz einsam geworden und widmete sich fast ausschließlich der Vollendung der Zeichnungen zu Dantes erhabener Dichtung „Divina Commedia“ (Göttliche Komödie). Von Botticellis Hand stammen 96 Blätter; davon sind allein 88 im Besitz des Kupferstichkabinetts zu Berlin. Er hat den gewaltigen Stoff mit den reichen Mitteln seiner Kunst und ganzer Seele zu erfassen und zu durchdringen gesucht. Nur ein eingehendes Studium, das höchste innere Sammlung voraussetzte, konnte die Phantasie des alternden Künstlers zu dieser hervorragenden Leistung beflügeln.
Botticelli starb am 17. Mai 1510 im Alter von 64 Jahren, hilflos und fast verarmt, von seinen Zeitgenossen bei Lebzeiten beinahe völlig vergessen. Seine irdische Hülle ruht in der Kirche Ognissanti zu Florenz. Erst dem 19. Jahrhundert war es vorbehalten, Botticellis Schaffen in ein helles Licht zu stellen und seine künstlerische Bedeutung richtig zu erkennen und zu würdigen.
Paul Gerhard Zeidler.
Das heilige Abendmahl
Von Leonardo da Vinci
Geboren 1452 in Vinci bei Florenz, gestorben 2. Mai 1519 auf Château Cloux bei Amboise. — Refektorium des Klosters Sa. Maria delle Grazie in Mailand