So unvergleichlich vielfältig Michelangelos künstlerisches Schaffen ist, so außerordentlich bewegt zeigt sich sein äußerer Lebensgang. Als Sprößling einer armen Florentiner Familie wurde er am 6. März 1475 zu Caprese geboren; schon in seinem dreizehnten Jahre kam er in die Malschule des damals berühmtesten Meisters von Florenz, Ghirlandajo; gleichzeitig studierte er aber auch die antiken Skulpturen in den Gärten der Medici. Lorenzo der Prächtige, der größte Fürst seiner Zeit, der das bildhauerische Talent des Jünglings erkannte, zog ihn in sein Haus und ließ ihn weiter ausbilden. Seine Jugendarbeiten in Marmor, besonders ein Kentaurenkampf, verraten schon ein bedeutendes Werden. In dieser Zeit traf ihn ein körperliches Mißgeschick, das sein Gesicht für immer verunstaltete: ein Mitschüler zerschlug ihm im Streit das Nasenbein. Ein anderer Vorfall, der nie aufgeklärt wurde, zwang ihn als Freund des Mediceischen Hauses (mit dem er zeitlebens in Verbindung blieb) zu einer Flucht nach Bologna, wo er einige neue Marmorwerke schuf. Im Jahre 1496 ist der Einundzwanzigjährige in Rom, dort weilt er vier Jahre und vollendet hier das Hauptwerk seiner ersten Periode, die wundersame Pietà in der Peterskirche, mit der er ein schwieriges Problem: die Madonna mit dem Leichnam Christi auf dem Schoße, in ergreifender Weise löst. Nach Florenz zurückgekehrt, schafft er im Auftrag der Stadt aus einem verhauenen Marmorblock ein zweites Meisterwerk, die gigantische Figur des David; der verhaltene Groll des zum Kampfe bereiten Helden ist zu großartigem Ausdruck gelangt. Der David bildet die Grundlage seines Bildhauerruhmes — nun sollten aber auch bedeutende malerische Aufgaben an ihn herantreten. Im Wettstreit mit Leonardo ging er, von der florentinischen Regierung beauftragt, an den Entwurf eines großen Wandgemäldes für den Rathaussaal, das die früheren Kriege gegen Pisa darstellen sollte; das Werk gedieh aber nicht über die Kartonzeichnung hinaus, denn wiederum trieb Michelangelos Stern ihn nach Rom. Papst Julius II., der mächtigste Förderer der Künste, ein Mann, dessen rastloser Geist dem Michelangelos verwandt war, der sich und anderen niemals genug tun konnte, rief ihn herbei, damit er schon bei Lebzeiten ein in den gewaltigsten Maßen geplantes Grabdenkmal für ihn, den Papst, in der Peterskirche in Angriff nähme. Nicht weniger als vierzig Statuen sollten dabei Aufstellung finden. Das Riesenmonument wurde aber auf des Papstes eigene Veranlassung (denn es drängten ihn immer neue Projekte) bald wieder unterbrochen; Julius II. ließ den Künstler zunächst eine Bronzestatue für Bologna ausführen — dann aber übertrug er ihm eine Aufgabe, an die Michelangelo zunächst mit innerem Widerstreben heranging, die ihn aber zu einem herrlichen Gipfelpunkt seines Ruhmes emporführen sollte. Das war die Ausschmückung der Decke der Sixtinischen Kapelle im Vatikan.
Mit diesem Werk gelang dem dreiunddreißigjährigen, zur vollen Reife entwickelten Künstler in vierjähriger, äußerst mühevoller Arbeit (1508 bis 1512) eine beispiellose, in der Kunst aller Zeiten einzig dastehende Leistung, die ohne Vorbild war und bis heute keine gleichwertige Nachfolge gefunden hat. Die Wände der Kapelle waren schon ein Vierteljahrhundert früher durch Künstler der umbrisch-toskanischen Schule: Botticelli, Ghirlandajo, Perugino, Pinturicchio mit Fresken, das Leben Mosis und Christi darstellend, geschmückt worden — nun sollte an der Decke die alttestamentarische Vorgeschichte zu ihnen malerisch dargestellt werden. Michelangelos Geist entwarf unter Nichtachtung der großen technischen Schwierigkeiten eine großartige architektonisch-malerische Idee, die beide Künste in eine verschmolz. Er ersann für die völlig ungegliederte Decke ein mächtiges bauliches Scheingerüst aus Rahmen, Pilastern, Gesimsen, das von den Wänden emporsteigt und in der Mitte der Decke neun ungleiche Felder umschließt. In diesem Scheinbau, dessen Stützen nackte Männergestalten, in Marmor- und Bronzeton gemalt, bilden, schuf er nun jene zunächst verwirrende Fülle von Figuren und Legenden, „welche zwischen dem Anfang aller Dinge und der Erfüllung des Heils die Vermittlung bilden“.
Um sich von der ungeheuren Mühe, welche die Lösung dieser Aufgabe kostete, einen Begriff zu machen, muß man sich vorstellen, daß der Meister vier lange Jahre hindurch hier in einem Gewirr von Leitern, Treppen, Gerüsten, Balken, Kalk und Farben einsam und allein arbeitete — ohne einen Genossen, denn die Gesellen hatten ihn gleich am Anfang im Stich gelassen —, immer auf dem Rücken oder auf der Seite liegend und den Pinsel führend, während ihm die Farbe auf Brust und Antlitz tropfte... Welche Schwierigkeit, in dieser Lage das richtige Verhältnis zu seinen Gestalten zu finden, die sich in den verschiedenartigsten Dimensionen zu bewegen hatten!
Die neun Mittelfelder stellen die Geschichten der Genesis dar: die Schöpfungswelt und die ersten Menschen erscheinen in grandiosen Kompositionen. Die drei ersten Bilder: Die Trennung des Lichts von der Finsternis, die Erschaffung des Lichts und Gottvater über den Wassern, offenbaren gleich die höchste künstlerische Vollkommenheit; mit Recht ist gesagt worden, daß Michelangelo hier die Gestalt Gottvaters für alle Zeiten festgelegt und in der Versinnlichung der schöpferischen Allmacht durch eine scheinbar unbegrenzte, unendlich stürmische Bewegung das Muster gegeben hat, an das sich fortan alle Künstler halten mußten. Das zweite Bild von den dreien: Die Erschaffung des Lichts, das hier wiedergegeben ist, darf als das vollendetste gelten: in gewaltiger Majestät braust der Schöpfer aus der ewigen Unendlichkeit hervor, mit einer bezwingenden Gebärde und den mächtig ausgestreckten Armen Sonne und Mond dem Nichts entreißend. Auf demselben Freskogemälde erscheint Gottvater noch einmal, in einer technisch meisterlich bezwungenen Verkürzung von rückwärts gesehen, wie er der Erde den Segen des neugeschaffenen Lichtes spendet.
Die drei mittleren Bilder: die Erschaffung Adams, die Erschaffung Evas, der Sündenfall, stehen hinter den ersten kaum zurück; besonders die Gestalt des erwachenden Adam, auf den Gott durch die Berührung des Fingers den Lebensodem überspringen läßt, löst in ihrer rührenden Einfalt und menschlichen Schöne einen ergreifenden Eindruck aus. Die drei letzten Bilder erzählen die Geschichte Noahs und der Sintflut.
Den unteren Teil des Deckengewölbes füllen die scharf charakterisierten Gestalten der Propheten und Sibyllen aus, zwischen den Pfeilern sitzend. Das sind Gestalten, wie sie nur Michelangelo schaffen konnte, erschütternde Offenbarungen der höchsten geistigen Leidenschaft, vor allem der gramvoll in sich gekehrte Jeremias und die über ihre eigene Weissagung entsetzte Delphische Sibylle. — Zahlreiche Nebenfiguren schmücken noch die Lünetten und Ecken des erhabenen Meisterwerkes, das Michelangelo unter so viel Qualen und nur von der rücksichtslosen Energie des Papstes getrieben vollendete. Julius II. hatte die Genugtuung, noch kurz vor seinem Tode am 31. Oktober 1512 die Enthüllung der Decke zu sehen. Noch heute, nach vierhundert Jahren, strahlt sie in demselben unvergleichlichen Glanze, in dem sie die Mitwelt sah.
Im Jahre 1515 begab sich Michelangelo wieder nach Florenz. Der neue Papst, Leo X., ein Mediceer, der die Kunst als einen äußeren Luxus pflegte, hatte ihn mit einem Grab- und Ehrendenkmal der Medici im größten Stile beauftragt. Der Entwurf kam nur unvollständig zur Ausführung, da Florenz, das die Medici vertrieben hatte, von den kaiserlichen und päpstlichen Heeren angegriffen wurde. In diesem Krieg leitete Michelangelo die Befestigungs- und Verteidigungsarbeiten. Ein paar Jahre später, 1534, als wieder ein neuer Papst, Clemens VII., die Tiara aufsetzte, ließ er das Mediceergrabmal so wie es war und wie es sich heute in San Lorenzo zu Florenz den Blicken darbietet. Die sitzenden Figuren der beiden Herzöge sind Werke erster Qualität, während die berühmten Symbolisierungen von Tag und Nacht, Abend und Morgen, auf den Sarkophagdeckeln gelagert, im rein Dekorativen steckenbleiben.
Fortan schuf der Meister in Rom. Seit Raffaels Tode galt er unumstritten als der erste Künstler Italiens; alle Kreise des Volkes brachten ihm unbegrenzte Verehrung dar. In Rom widmete er sich zunächst ganz der Architektur: die Umgestaltung des Kapitols, die Verwandlung eines Teils der Diokletiansthermen in die mächtige Kirche S. Maria degli Angeli erfolgte nach seinem Entwurf. Endlich konnte er auch wieder an sein Schmerzenskind denken, das Grabdenkmal für Julius II.; es kam vierzig Jahre nach seinem Beginn, stark verkleinert, zum Abschlusse und wurde in S. Pietro in vincoli aufgestellt. Seinen Mittelpunkt bildet das großartigste Bildhauerwerk der ganzen nachantiken Plastik: der zornentflammte Moses. Eine Arbeit von sieben Jahren widmete Michelangelo noch einem seiner letzten malerischen Hauptwerke, dem „Jüngsten Gericht“, in dem der Tag des Zorns mit furchtbarer Eindringlichkeit heraufbeschworen wird.
Die letzten Jahrzehnte seines Lebens gehörten der Sorge für den Neubau des Domes von St. Peter; seine ganze Alterskraft widmete er dieser kolossalen Aufgabe, die er mit seiner höchsten architektonischen Leistung krönte: dem Entwurf der Riesenkuppel, die heute in majestätischer Herrlichkeit über der Ewigen Stadt schwebt, Michelangelos, des Großen, erhabenstes Denkmal.
In Einsamkeit, doch von der Liebe des Volkes getragen und der Freundschaft einer edlen Frau behütet, starb der unvergeßliche Meister am 18. Februar 1564 in der sicheren Gewißheit, daß sein Geist unsterblich sei. Sein irdisches Teil wurde in der ruhmreichen Kirche Santa Croce in Florenz beigesetzt, wo die erlauchtesten Männer Italiens ruhen. An demselben Tage, da er starb, wurde der Verkünder einer neuen Weltanschauung geboren: Galilei. Auch er schläft heute an der Seite Michelangelos. Zwei Sternenmenschen.