Felix Lorenz.

Das Konzert
Von Giorgione

Geboren um 1477, wahrscheinlich zu Vedelago bei Castelfranco, gestorben 1511 in Venedig. — Pitti-Galerie in Florenz

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Die Wiedergeburt alles Schönen und Großen der alten Griechen- und Römerwelt — das ist es, was wir heute unter dem Begriff „Renaissance“ (italienisch „Rinascimento“) verstehen, mit dem die höchste Blütezeit der italienischen Kunst, im 15. und 16. Jahrhundert, bezeichnet wird. Die hohe kulturelle Bedeutung dieser Epoche für ganz Europa liegt darin, daß mit ihr nach der antiken und mittelalterlichen Welt die eigentliche Neuzeit beginnt, die Zeit einer neuen freien Bildung und Denkweise (Humanismus), einer Dichtung größten Stils, deren Herolde in Dante und Petrarca schon ein Jahrhundert früher erschienen waren, und einer nach vollkommener Harmonie strebenden neuen Kunst. Dieses Kunstideal war durch die Wiederentdeckung unzähliger altrömischer Meisterwerke der Architektur und Plastik zu herrlichem Leben erweckt worden; die lebendige Kraft und Schönheit, die Vollendung der Verhältnisse, die über das Alltägliche weit hinaustragende Idealisierung des Ausdrucks bei Göttern und Menschen — wie sie die antiken Ausgrabungen zeigten — wies den italienischen Künstlern der Vor- und Frührenaissance die Richtung. Aber dies war nur der Antrieb, nicht etwa das dauernde Vorbild zur Nachahmung. Das Wesentlichste und Wirkungsreichste der italienischen Renaissance prägte sich vielmehr länger als zwei Jahrhunderte lang in einer völligen Selbständigkeit, einem mächtigen Streben nach unmittelbarer, individueller Auffassung des Geschauten, im Erfassen der reinsten Naturwahrheit aus. Ein begeisterter Vorläufer Leonardos, Alberti, stellte den Künstlern die Natur als die große Lehrmeisterin hin. In ihr allein liegen Wahrheit und Schönheit und damit jene vollkommene Harmonie beschlossen, welche der Künstler in sich selbst ausbilden und in seinem Werke ausdrücken soll.

So erweiterte die Renaissance das antike Kunstideal in einem völlig modernen Sinne; sie stellte sich auf den wirklichen Boden der Gegenwart und wußte diese Wirklichkeit doch — in Farbe, Form und Ideengehalt — aufs wunderbarste zu harmonisieren. „Alles verjüngt sich. Eine majestätische Ordnung tritt ins Leben.“ Eine Schöpferkraft ohnegleichen offenbart sich nun, immer weiter vorwärtsschreitend, aufbauend, vollendend, in einer fast unübersehbaren Reihe gewaltiger Persönlichkeiten, die Schönheit und Größe, Anmut und Kraft, Würde und Harmonie in unzähligen Meisterwerken über die staunende Erde verbreiten.

Neben Florenz und Rom war es Venedig, wo die Malerei von der Wende des 16. Jahrhunderts bis zu dessen Ausgang eine Hochblüte einziger Art erreichte. Die zauberische Stadt im Meere, mit ihrem dem Orient zugewandten, farbenrauschenden Leben, ihren prächtigen Palästen und Kirchen, ihren wundersamen Wolken-, Wasser- und Luftstimmungen mußte ja jeden malerischen Sinn erwecken und anziehen. Alles schwimmt und leuchtet hier in Farben — und deshalb ist es gerade die venezianische Malerei, welche den Triumph der Farbe bis zum Höchsten gesteigert hat. Statt der mattdumpfen Freskomalereien brachten die Künstler hier, schon mit Rücksicht auf das feuchte Seeklima, zuerst die Ölfarbe (welche die Brüder van Eyck in Flandern erfunden hatten) zur Anwendung und Geltung, und bald sollte la bella Venezia im herrlichsten Glanz erstrahlen — wie keine Stadt Italiens. Die Bildersäle Venedigs, die Akademie, die Kirchen füllten sich mit einem Farbenreichtum ohnegleichen. Die Stadt der Lagunen „wurde der letzte große Schauplatz der Renaissancekunst“. Die Meister aber, welche hier ihre Kostbarkeiten verstreuten, waren: Giovanni Bellini, Giorgione, Palma Vecchio und Tizian.

Giorgione[D], mit seinem vollen Namen Giorgio Barbarelli, war es, von dem die venezianische Malerei ihre eigentliche geistig-künstlerische Eigenart empfangen hat. Er ist derjenige Künstler, der ihr zuerst die herrliche Form, den unübertrefflichen Schmelz der Farbe, vor allem aber die Seele gegeben, und darum wird die bezaubernde Erscheinung dieses tief poetischen Künstlers immer von höchster Bedeutung bleiben. Die Würdigung, die ihm schon die Zeitgenossen neidlos und in reichem Maße zuteil werden ließen, kann niemals geringer werden.

Man hat ihn mit Recht den Dichter unter den Malern genannt. Seine Kunst verrät eine Persönlichkeit, in deren Grundwesen sich eine von wundersamen Bildern und Gesichten erfüllte Phantasie mit einem lyrisch-träumerischen Hingegebensein an Natur und Menschensein verbindet. Denn beides hat er als erster unter seinen Zeitgenossen in eines verschmolzen. Der Mensch geht in der ihn umgebenden Landschaft völlig auf; die Stimmung beider fließt ineinander, so daß der tiefste Gemütseindruck erzeugt wird. Eine eigene Welt tut sich in dieses Dichter-Malers Bildern auf, die von leiser, melancholischer Musik durchklungen scheint. Die meisten seiner Gemälde sind von einem mystischen Hauch umweht, von einer tiefen Nachdenklichkeit erfüllt, und es ist, als schwebe überall das Menschenrätsel, das ewige, heran... Schon Vasari, der Maler-Biograph, kennzeichnet Giorgiones künstlerische Natur als geheimnisvoll und schwer verständlich. Doch gilt dies, wie neuere Kritiker mit Recht betonen, nur von den Gegenständen seiner Schilderung. Die Stimmung und die Empfindungsweise, aus welcher seine in tiefe Farbenglut getauchten Gemälde hervorgehen, liegen offen zutage.