Das Geheimnis, das über den Motiven Giorgiones schwebt, ist auch über sein Leben gebreitet. Es ist seltsam, daß ein Künstler wie er, den schon sein eigenes Zeitalter zu den bedeutendsten Erscheinungen rechnete, der eine ausgeprägte Persönlichkeit war und als solche die größte Wirkung ausstrahlte, so wenig Zeugnisse seines Lebensganges hinterließ. Wie allen Götterlieblingen, wie Raffael, wie Mozart, war auch ihm nur eine kurze Zeitspanne für sein ganzes reiches Wirken vergönnt — Giorgione ist nur 34 Jahre alt geworden. Geboren war er bei Castelfranco in Oberitalien, nahe dem heiteren Treviso, wahrscheinlich im Jahre 1477. Die anmutige, von den fernen Alpen begrenzte Landschaft, in der er aufwuchs, gab dem sinnigen Wesen des jungen Giorgio gewiß die schönste Anregung und legte den Grund für jene bewundernswerte Einfühlung in die Natur, die in seinen Bildern zutage tritt. Seine Phantasie erhielt dann reiche Nahrung durch einen der berühmtesten Alchimisten seiner Zeit, den Grafen Bernhard von der Mark, der die ganze Welt durchstreift hatte, um den „Stein der Weisen“ zu finden (was ihm angeblich als Greis auch gelungen ist), und der damals in Treviso hauste. Der Künstler Giorgione aber erwachte erst, als er nach Venedig kam, der Stadt seiner Träume, die auch die Stadt seiner Erfüllung werden sollte. Venedig als Stadt und Staat stand auf der glänzendsten Höhe seiner Weltmacht; es bot das feinste gesellschaftliche Leben, die unerhörteste Pracht an Festen und Genüssen aller Art; seine farbenbunte Heiterkeit, seine Schönheit und sein Reichtum übersonnten ein Geschlecht von lauter daseinsfrohen Gegenwartsmenschen, und dazu kam noch eine unvergleichliche Natur- und Kunstfülle. Alles war in lebendigster, freudigster Bewegung.

Giovanni Bellini, dessen Ruhm als Madonnenmaler weit und breit erscholl, hatte die neue Technik der Ölmalerei zur glänzendsten Entwicklung gebracht. Seine Schule genoß das reichste Ansehen und gewann immer größeren Einfluß, denn er hatte die venezianische Malkunst aus ihrer früheren Steifheit und Konvention erlöst, sie zur Wahrheit und Freiheit geführt, mit dem Odem des Lebens erfüllt und ihr ein Kolorit geschenkt, das voll Wärme und Leuchtkraft war. Aus seiner Schule sollten denn auch die größten venezianischen Meister hervorgehen — als Giorgione[E] dort eintrat, waren schon Tizian, Palma Vecchio, Sebastiano del Piombo neben vielen anderen in der Werkstatt des berühmten Meisters tätig. Aber der jüngste Schüler erwies sich bald als der stärkste an Persönlichkeit und Eigenart, so daß sich alle ihm beugten. Hatte Bellini Wärme, Anmut, Natürlichkeit gelehrt, so brachte Giorgione das Wesentlichste, das die Mitstrebenden auf seine Bahn zog: die Beseelung. Das persönliche Wesen Giorgiones muß etwas Herzgewinnendes, Bezwingendes gehabt haben; schon früh wurde seine Schönheit und Liebenswürdigkeit, seine feine Bildung, seine große musikalische Begabung und sein Liebesglück gerühmt. Wie der Mensch war, war auch sein Werk — darum setzte sich auch sein Einfluß auf die künstlerisch schaffenden Zeitgenossen — vor allem auf Tizian — und das ganze ihm folgende Jahrhundert so mühelos und selbstverständlich durch. Gab ihm Bellini auch das technische Fundament, so ist Giorgione doch im Gedanklichen, in der Empfindung, im Gefühl der richtunggebende Führer, dessen Schöpfungen eine mächtige, bezaubernde Wirkung innewohnt und die ihn zum eigentlichen Befreier der Kunst machen. „Denn an Stelle der Überlieferung“ — so schreibt Max v. Boehn in seinem vortrefflichen Giorgione-Buch — „setzte er die eigene Persönlichkeit, er sprengte die Fesseln, welche die Kunst so eng an die Kirche banden, er überwand die alten Götzen, und der neuen Form, die er schuf, gab er neuen Inhalt: eine schöne Menschlichkeit. Weit fort von den prunkenden Festen prächtiger Farben, welche die anderen der Natur nachschrieben, weit fort aus der lauten Welt lärmender Genüsse, welche allen gemein ist, führt er die Seele in ein Reich, das er geschaffen, das ihm allein gehört, das Ziel der Sehnsucht, das Wunderland der Harmonie, die Heimat ewiger Schönheit, dauernden Glücks.“

Die weiteren Lebensumstände Giorgiones sind völlig in Dunkel gehüllt. Als er auf der Höhe seines Schaffens angelangt war, mußte er der Welt des Scheines Valet sagen.

Ein tragisches Geschick hat es gefügt, daß von den Werken Giorgiones nur wenige erhalten sind. Eine Reihe von Fresken, mit denen er das „Kaufhaus der Deutschen“ in Venedig geschmückt hatte, ist schon früh zerstört worden; um die Echtheit mancher seiner Staffeleibilder wird noch heute viel gestritten, andere wieder werden Zeitgenossen oder Nachfolgern zugeschrieben, die im „Giorgione-Stil“ gemalt haben (und derer waren nicht wenige!). Aber an der geringen Zahl verbürgt echter Schöpfungen Giorgiones, die auf uns gekommen sind, können wir mit Bewunderung die hohe Kunst des Meisters erkennen und studieren. Es sind im ganzen fünf Gemälde, die den seelischen Reichtum, die herrliche Schöpferkraft Giorgiones offenbaren. Allen voran muß sein tief ergreifendes Halbfigurenbild „Das Konzert“ gestellt werden (im Palazzo Pitti zu Florenz). Es zeigt drei musizierende Männer, zwei Mönche und einen ritterlichen Jüngling von fast mädchenhafter Zartheit. Dieses Werk charakterisiert den Künstler in seinem reinsten Wesen: es ist selbst ein Stück innere Musik, voll verhaltener Wehmut, wie ein leises Adagio verschwebend. Aus den fragenden Augen der beiden Mönche spricht ein unnennbares Geheimnis, das man nur zu ahnen vermag; es ist, als wäre mit den Tönen der Musik eine andere Welt zu ihnen herabgestiegen, in deren Zauber sie gebannt sind, während draußen das laute Leben verrinnt, vor dem sie sich in die Stille gerettet haben. Das durchgeistigte Gesicht der mittleren Gestalt scheint ein schweres inneres Erleben widerzuspiegeln, das nun überwunden ist... Die Versonnenheit des Jünglings, die in einem tiefen Gegensatz zu den beiden gereiften Männern steht, deutet auf ein träumerisches Ahnen, daß dieses Leben zu kurz für die Pläne der Jugend ist, daß alles in Vergessen endet. Und da steigt unsichtbar die Erscheinung des Künstlers selbst mit empor: es ist, als habe er in diesem Bilde die Ahnung seines eigenen frühen Todes ausgesprochen. Das Werk wurde lange Zeit Tizian zugeschrieben.

Wie Giorgione die Landschaft in den unmittelbarsten Zusammenhang mit seinen Menschen bringt, das zeigen seine anderen erhaltenen Gemälde, besonders ein Bild, das einen Ritter und eine Mutter mit ihrem säugenden Kinde in einer heroischen Gewitterszenerie dargestellt, gewöhnlich „Die Familie des Giorgione“ genannt (Venedig, Galerie Giovanelli). Ferner eins seiner schönsten Werke, eine thronende Madonna mit Heiligen (ein Altarbild in Giorgiones Heimatsstadt), mit einer herrlichen, weitgestreckten Landschaft im Hintergrunde. Alle Großartigkeit der Auffassung, alle Pracht des Kolorits, die Giorgione eigen war, leuchtet auch aus den „Drei Philosophen“ (in der Wiener Galerie), die in eine glänzende Abendlandschaft gestellt sind, und den schönsten Frauenkörper, den die Renaissancemalerei geschaffen, bewundern wir in der „Schlummernden Venus“ (Dresdner Galerie). Auch hier die reichste Naturumrahmung, bei der man an die Worte Hofmannsthals denkt, die er über Tizian sagt: „Er hat den regungslosen Wald belebt.“ —

Giorgiones Lebenswerk, von einem göttlichen Glanze erfüllt, trägt das Zeichen der Unsterblichkeit an sich. Er hat ein Zeitalter der höchsten Schönheit heraufgerufen, und wie seine strahlende Kunst auf seine Zeitgenossen, auf seine Freunde und Schüler, ja selbst auf seinen Lehrer Bellini eine so mächtige Wirkung übte, daß sie nur „giorgionesk“ malten; daß ihn die Besten neben Raffael stellten — so wird die hinreißende Kraft seiner Kunst und seiner Persönlichkeit auch noch viele Menschenalter überdauern.

Felix Lorenz.

[D] Sprich: dschordschóne.

[E] Vasari berichtet, daß er „Giorgio“ getauft, aber wegen seiner Schönheit und Größe „Giorgione“ (der große Georg) genannt worden sei.