Obgleich der Vater einer begüterten Augsburger Familie angehörte und in seiner Kunst durchaus tüchtig war, geriet er in Vermögenszerrüttung, noch ehe seine Söhne Ambrosius und Hans völlig erwachsen waren. So verließen beide schon um 1514 — Hans (geb. 1497) war kaum siebzehn Jahre alt — die Vaterstadt Augsburg, um sich draußen fortzubilden und ihren Verdienst zu suchen. Sie gingen nach Basel, denn in dieser Universitätsstadt blühte damals der deutsche Buchdruck und damit die Kunst des Zeichnens. Hans fand denn auch als Meisterschüler Hans Herbsters aus Straßburg bald gute Verbindungen mit Verlegern und Gelehrten, die ihn mit Holzschnittzeichnungen für ihre Bücher beauftragten, und mit derselben Leichtigkeit und Anmut wie für die Buchkunst arbeitete er für das Kunsthandwerk. Er lieferte bald feierlich ernste, bald launig lustige Vorlagen für Glasmalereien, malte Aushängeschilder, bedeckte einen Tisch oder ganze Häuserfassaden mit bunten Schildereien, zeichnete Damentrachten für Schneider, illustrierte Stücke aus der Bibel und die volkstümliche Schrift „Lob der Narrheit“ des gelehrten Humanisten Erasmus von Rotterdam, den er später oft porträtiert hat, und wagte sich, ein noch nicht zwanzigjähriger „Malergeselle“, an seine ersten Bildnisse. 1519, nachdem er sich in Oberitalien umgesehen hatte, wurde er selbständiger Meister. Eine Menge von künstlerischen Arbeiten erstanden in den nun folgenden Jahren unter seiner fleißigen, immer leichter und flotter werdenden Hand: biblische und moderne Holzschnittfolgen, symbolische Wandmalereien aus der Geschichte, Altargemälde, Passionsbilder, Madonnen — darunter als bedeutendste die „Madonna des Bürgermeisters Meyer“ (Original im Darmstädter Schloß) — und Totentänze, die uns in dramatischer Bewegung und oft von Humor gemildert zeigen, wie sich alle Stände und Lebensalter der Macht des Todes beugen müssen. Allmählich aber versiegten die Aufträge: ein bilderfeindlicher Geist, unter dem, wie Erasmus sagte, „die Künste froren“, griff in der Baseler Bürgerschaft um sich, die ohnedies durch die politischen und religiösen Kämpfe der Reformation von der Kunst abgezogen wurde.
So folgte Holbein 1526 dem Rate seines Gönners Erasmus, der überall Beziehungen und Verbindungen hatte, und floh aus der Enge und Ärmlichkeit der heimischen Verhältnisse in die geistig freie Luft Englands. Dort durfte er sich besonders als Bildnismaler lohnende Arbeit versprechen, denn so viele Kunstfreunde England damals auch schon hatte, einheimische Maler von Bedeutung fehlten dort, und auch unter den Angesiedelten waren wenige, die ein gutes Bildnis malen konnten. Nur zwei Jahre ist Holbein zunächst in England geblieben, aber erstaunlich viel hat er während dieser Zeit geschaffen, und seine Kunst hat ebenso erstaunliche innere Fortschritte gemacht. Hinfort durfte er als der größte Bildnismaler gelten, den das 16. Jahrhundert diesseits der Alpen hervorgebracht hat. Keiner übertraf seinen Pinsel an weltmännischer Eleganz und malerischer Geschmeidigkeit, keiner wußte wie er Natürlichkeit der Auffassung, Kraft und Vollkommenheit der Zeichnung mit lebhaftem Farbensinn und kristallklarer Form zu vereinigen. Als er 1528 nach Basel zurückkehrte und dort ein Haus erwarb, fand er die Heimat verändert. Dem Zuge zum Volkstümlichen, der die humanistische Gelehrsamkeit verdrängte, hätte er sich mit seiner weltmännischen Gewandtheit leicht angepaßt; als er aber den Bildersturm losbrechen sah, fühlte er sich und seine Kunst bedroht und kehrte (1532) nach England zurück. Nun erst entfaltet er, zunächst in enger Verbindung mit den dort ansässigen hanseatischen Kaufleuten, die von alters her im Stahlhof an der Themse ihre Kontore und Wohnungen hatten, dann als Hofmaler König Heinrichs VIII. seine volle Bildniskunst, ebenso groß als getreuer Schilderer der menschlichen Charaktere wie als glänzender Beherrscher der Farbe. Aus dem Maler der deutschen Kaufleute wurde er nun der Porträtist der Gelehrten und der hohen Geistlichkeit, des Adels und der königlichen Familie — ein großer Herr, der „in Seide und Samt gekleidet“ einherging und, wenn er einmal wieder daheim war, die Bewunderung seiner Baseler Landsleute erregte. Mehr als hundert Bildnisse, alle ohne Gehilfen gemalt, haben sich von ihm erhalten. Er ist, überall begehrt und gefeiert, viel gereist, auch in geheimen Staatsaufträgen, hat aber in London seinen dauernden Wohnsitz behalten, bis er, ein Sechsundvierzigjähriger, im Spätherbst 1548 ein Opfer der Pest wurde, die damals in der Stadt wütete. Mit ihm ging der letzte große Meister der altdeutschen Malerei dahin. Eine neue Zeit kam herauf.
Deutsche waren es, in deren Dienste Holbein drüben in England zuerst seine Kunst stellte. Aus ihrem Kreise stammt auch das Bildnis des Georg Gisze (1497 bis 1562), eines aus Danzig herübergekommenen Kaufmanns, wohl das erste Werk, das Holbein während seines zweiten Londoner Aufenthalts malte, jedenfalls das schönste und vollendetste seiner Stahlhofbildnisse.
Mitten in seiner Schreibstube zeigt uns der Künstler diesen ihm gleichaltrigen blonden Kaufmann. Außerordentlich reich ist das Beiwerk, mit dem der Dargestellte umgeben. Auf dem mit einem kostbaren persischen Teppich bedeckten Tisch liegen oder stehen außer allerlei Schreibgeräten eine Schere, ein Ring, ein Petschaft, ein Falzbein, eine Gelddose und an die Wand gelehnt eine geschlossene Mappe mit Papieren. Über all diesen krausen Kleinkram steigen schlank und stolz aus zierlichem venezianischem Glase die drei rötlichen Nelken empor. Die Nelke war die Lieblingsblume der Porträtisten, weil sie als Zeichen glücklicher Liebe galt. Sie soll tragen, heißt es in einem alten Liede, „wer sich ein Lieb auserwählt, das ihm lustlich und herziglich ist, und wann sie beide ein Gemüte haben“.
Doch damit nicht genug der Ausstattung. Auch der Hintergrund des Bildes ist reich bedacht. Um die Wände laufen zwei Reihen Leisten, hinter die feingeschriebene Adressen, Verschlußstreifen mit Siegeln und aufbewahrte Briefe geklemmt sind; an den Borten rechts und links hangen eine Goldwage, eine Uhr mit Petschaft, eine reichziselierte Metallkapsel mit Bindfaden, Siegelringe und andre Kontorgerätschaften; oben auf den Brettern liegen Bücher, eine Schachtel, eine Kassette und sonst noch dies und das. Alle diese reichen und behaglichen Dinge — mit Ausnahme des dem Auge zu nahe gerückten weißen Blattes an der Hinterwand, das man sich aber als eine Art Katalogzettel vorstellen muß[F] — sind wahr und echt bis ins kleinste, aber doch so unaufdringlich gemacht, daß sie den Blick nicht unnütz ablenken von dem Manne, der diesen Raum mit seiner Arbeit erfüllt. Seine Erscheinung für das Auge zu betonen, bietet der Maler die kostbarsten und erlesensten Farben auf. Über den lachsfarbenen Seidenrock ist eine dunkle Schaube (ein weites, faltiges, mantelartiges Gewand, das erst im 15. Jahrhundert aufkam) gelegt, vorne auf der Brust läßt ein Ausschnitt das feingefältelte Hemd sehen, das mit einem schmalen Streifen auch die Ärmel säumt und leise anklingt mit dem gerade nur angedeuteten weißen Rand des „Fazenetleins“, des Taschentuches, von dem ein Zipfel auf der linken Brust zwischen schwarzer Schaube und rotem Rock hervorlugt.
Das Bild ist auf dem Titel farbig wiedergegeben. So vermag das Auge die malerische Schönheit des Originals nachzuempfinden, das im Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin aufbewahrt wird und (auf kernigem Eichenholz gemalt) unter der Zeit kaum gelitten hat. Wie zart da der rote Rock zu der gelbgrünen Wandtäfelung steht, und wiederum, wie das leicht rosa angehauchte Hellbraun des Gesichts lebhaft absticht gegen das leise ins Violette hinüberspielende Schwarz der Schaube und der Mütze, die auf dem modisch gestutzten kastanienbraunen Haar liegt!
Der Weltmann Holbein wußte, welche Bedeutung die Dinge der Umgebung für einen lebensfrohen Menschen haben, und sein reger Farbensinn und seine leichte Hand erlaubten ihm, sie aufs liebevollste durchzuarbeiten. Aber mit sicherem Geschmack und feinem Takt verstand er sie so abzustimmen, daß sie helfen, den Menschen zu charakterisieren, ihn, der ihm die Hauptsache blieb. Zwar ist nichts von dem seelischen Ringen und der Schicksalsfülle in diesem Gesicht, wie sie Dürer seinen Menschen mitgibt, darum aber spricht das äußere und innere Leben des vierunddreißigjährigen Mannes aus diesem Bilde nicht minder beredt. Es ist eben ein Kaufmann, ein Mann des werktätigen Lebens, den wir vor uns haben. Eine kühle Ruhe, eine vornehme Zurückhaltung, eine selbstbewußte Unabhängigkeit lesen wir aus der Haltung und den Zügen. Das Auge scheint zu sagen: „Erst wägen, dann wagen“; um Mund und Kinn prägt sich ein fester Wille aus, der den Wert des Schweigens entdeckt hat; um die weichgezeichneten Augenbrauen schwebt eine leise Schwermut, der Enttäuschung und Schmerz nicht mehr unbekannt sind. Und nun versteht man, daß dieser Mann sich den Wahlspruch erkoren hat, der hinter der Goldwage an der Wand geschrieben steht: Nulla sine merore voluptas (Keine Lust ohne Leid). Nein, es ist kein oberflächlicher, kleinlicher Krämergeist, erfüllt von niederer Habsucht und Besitzgier, der uns hier begegnet, sondern ein redlicher, kluger, zielbewußter Sinn, der die Mittel und Zwecke wohl abzuschätzen weiß, der keine Luftschlösser baut, aber auch die steilen Wege zum Erfolge nicht scheut. Mit einem Wort: der Inbegriff des aufgeweckten, regsamen, tüchtigen und weltkundigen hanseatischen Kaufmanns, der über die Meere fuhr und, wohin er kam, nicht bloß seine Waren, sondern auch Geist und Gesittung verbreitete.
In dem Augenblick freilich, da der Künstler ihn erfaßt hat, sind seine Gedanken wohl mehr bei seinen Privatangelegenheiten. Jedenfalls kommt der Brief, den er im Begriff ist zu öffnen, aus der Heimat, ist doch die Aufschrift deutlich zu lesen: „Dem ersamen Jergen Gisze to lunden (London) in engelant Mynem broder to handen.“ Gilt der sinnend verweilende Seitenblick der dunklen Augen der Erinnerung an diesen Bruder in der deutschen Heimat? Oder wird Georg Gisze in dem Augenblick, da er sich von seinen Geschäften persönlichen Dingen zuwenden will, durch einen Besuch gestört, der eine Frage an ihn richtet? In seinem Blick liegt halbe Aufmerksamkeit und halbe Abwehr, als wolle er sagen: „Warum gerade jetzt?“ Doch sind Erziehung und Selbstbeherrschung zu stark in diesem Manne, als daß er unhöflich werden könnte, selbst in dieser Minute, die seinem Herzen und Gemüte gehören sollte.
Das Bild, so deutsch es uns mit seiner schlichten Vornehmheit, seiner kühlen Sachlichkeit und seinen klaren, bestimmten Farben erscheint, ist dank seiner Formvollendung und seiner abgeklärten Harmonie früh zur Weltberühmtheit gelangt. Denn nicht nur die künstlerische Persönlichkeit des Malers, dieses einzigen wahrhaften Renaissancemeisters unter den altdeutschen Künstlern, spricht sich darin vollendet aus, es lebt hier auch in einem ausdrucksvollen Vertreter eine ganze Zeitspanne und ein ganzer Stand, der Stand jenes „königlichen Kaufmanns“, der das alte Deutschland zum Neid der Welt groß gemacht hat und allein imstande sein wird, es aus seinem tiefen Fall wieder emporzuheben zu Macht und Größe.