Diese erste Landschaft ist nicht das Werk eines Malers, der ein Motiv gesucht hat und dann daraus ein Bild gemacht. Dann würde es uns nicht so in sie hineinziehen. Nein, wir sind Mitlebende eines Erlebnisses. Der Beschauer ist selbst der Wanderer, der eben aus dem Dunkel des Waldes, aus dem Grün ins Grün heraustritt und nun zwischen zwei mächtigen Bäumen, die seinen Rand bewachen, in den hellen Sommertag hineinblickt. Eine Burg auf waldigem Hügel, Berge und See, und darüber blauer Himmel mit lockerem silberweißem Gewölk. Es ist so eine Stelle, bei der man plötzlich aufjauchzt.
Aber Altdorfer erschöpft sich nicht in der Andacht zur Natur. In seiner Zeit drang die Kunst Italiens über die Alpen und wirkte gerade durch ihr Anderssein mächtig auf die Künstler der gotischen Welt. Man darf da nicht von Nachahmung sprechen. Die kam später und hat dann der großartigen, ganz von einem eigenen Weltgefühl erfüllten Kunst des Nordens, die auch heute noch von den Völkern, deren Stolz, sie sein sollte, der fremden gegenüber gering geachtet wird, das Ende gebracht. Schlösser, wie sie der Baumeister Altdorfer in seine Bilder malte oder auch nur ähnliche hat es in Italien nicht gegeben. Sie sind echte und rechte Werke eines deutschen Phantasten, der aus gotischen Türmen und italienischen Hallen und Terrassen ein Neues schafft. Kein Fürst, geschweige denn ein Regensburger Bürger, wollte oder konnte damals dergleichen ausführen lassen. Es sind Verhältnisse und prunkhafte Häufungen, wie sie erst Jahrhunderte später die großen Monarchen verwirklichen ließen. So mußte sich eine starke baukünstlerische Begabung in gemalten Architekturen ausgeben.
Ein Bild, in dem der ganze Künstler Altdorfer sich offenbart, ist die „Ruhe auf der Flucht“ im Berliner Kaiser-Friedrich-Museum. Das heilige Paar hat an einem Brunnen haltgemacht, einem Brunnen, der in demselben Sinne italienisch ist wie die Schlösser des Malers, reich an Figur. Er steht am Ufer eines Sees, vor einem Weiler, aus dem Turm und Ruine einer alten Burg ragen. Man sieht weit über das Ufer hin, bis zu den Bergen, die sich wie der Spiegel des Wassers im Duft der Ferne auflösen. Das Kind auf Mariens Schoß beugt sich über den Rand des Beckens und spielt mit der Linken im Wasser. Und um es herum spielen Engel. Da ist alles: fromme Sage und deutsches Märchen, romantische Sehnsucht und Heimatliebe, und alles in das helle und lebendige Licht getaucht, das nicht aus Bildern stammt, sondern von dem ein Wanderer und Freilichtmensch seine Augen vollgesogen hat.
Fritz Stahl.
Kaufmann Georg Gisze
Von Hans Holbein d. J.
Geboren 1497 in Augsburg, gestorben zwischen 7. Oktober und 29. November 1543 in London. — Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin
Die Natur wiederholt sich nicht gerne: eine unmittelbare und gleichmäßige Vererbung der Geisteskraft gehört zu den größten Seltenheiten der menschlichen Geschichte. Weit häufiger kommt es vor, daß eine überragende Begabung, wie bei Goethe und seinen Nachkommen, schon in der ersten Geschlechtsfolge ins Unfruchtbare entartet oder sich, wie bei Bismarck und seinen Söhnen Herbert und Wilhelm, die sich gleich ihm der Staatskunst widmeten, ins Beamtenmäßige wandelt. Aber auch für die entgegengesetzte Entwicklung gibt es tröstliche Beispiele. Wie Karl der Große an Bedeutung seinen Vater Pipin überragt, so steigt erst recht Friedrich II. von Preußen über seinen keineswegs unbedeutenden Vater Friedrich Wilhelm I. empor. Dieser Vorgang begegnet uns auch in der Kunst: Mozart und Beethoven, die beide die Musik von ihren Vätern ererbt haben, lassen diese in ihrem Fluge zur Höhe noch viel weiter unter sich als Hans Holbein der Jüngere seinen gleichnamigen Vater.
Denn schon das malerische Können und Schaffen dieses älteren Holbein war recht bedeutend. Mit leidenschaftlichem Drang suchte er nach einer neuen Schönheit und in ernstem Naturstudium zugleich nach Wahrheit und Treue. Noch im vorgerückten Alter erfreute er sich einer so lebendigen Entwicklungsfähigkeit, daß er freudig der herandrängenden neuen Formenwelt der italienischen Renaissance die Arme öffnete, wenn er selbst den Fuß auch nicht mehr in das gelobte Land setzen durfte. Seine Stärke lag im Bildnis, in einer persönlichen Auffassung des Menschen, dessen äußere Erscheinung er in wenig Strichen schlagend wiederzugeben verstand. Den scharfen Blick für das Eigentümliche und die sichere Fähigkeit, es mit zwingender Selbstverständlichkeit auszudrücken, hat er seinem Sohne Hans vererbt, während dieser das richtige perspektivische Zeichnen und die Beherrschung der Farbe in der väterlichen Werkstatt nur mangelhaft erlernen konnte.