Geboren um 1480 bei Landshut, gestorben 13. Februar 1538 in Regensburg. — Alte Pinakothek in München

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Die alten deutschen Maler saßen als ehrbare Zunftmeister in den Städten und hielten wie die Meister aller anderen Zünfte offene Werkstatt, in der gearbeitet wurde, was die Kundschaft verlangte, vom Ladenschild an bis zum Altarbild mit heiligen Geschichten. Uns, die wir den freischweifenden und schaffenden Künstler kennen, klingt das wunderlich. Aber wir sehen, daß diese Verbindung von Alltagswerk und gehobener Schöpfung Kunst und Künstlern ganz wohl gediehen ist, jahrhundertelang. Erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts kamen Künstler auf, die diesen Betrieb wohl als Fessel empfanden. So frei sie in den religiösen Bildern waren, so viel von dem, was sie empfanden, sie in sie hineingeben konnten, bei manchem war das Erlebnis des Auges, des Herzens, der Traumkraft doch allzu reich und stark, als daß er in diesen immer gebundenen Werken sich ganz hätte ausdrücken können. Das war etwa der Fall Dürers, der sich deshalb in Holzschnitt und Kupferstich Mittel freier, von keinem Besteller abhängiger Kunst schuf. Ein Bild ohne festen Auftrag zu malen, war ein Wagnis, das er, wenn überhaupt, gewiß ganz selten unternahm. Das Bild als ganz freier Ausdruck eigenen Wollens, ohne Rücksicht auf Tradition, auf die der Besteller eines Altarbildes doch immer halten mußte, ohne Rücksicht auf repräsentative Wirkung, ganz als private Angelegenheit eines Künstlers und eines Liebhabers — dieses Bild war der Vorbehalt des Regensburgers Albrecht Altdorfer.

Vielleicht deshalb, weil er gar kein gelernter Maler im Sinne der Zunft war. Er war Stadtbaumeister von Regensburg. Ob er überhaupt das Recht hatte, eine große Altartafel zu malen? Er hatte es nicht gelernt und konnte es nicht, wie man aus den Figuren seiner größeren Bilder schließen kann. Er kam von der Miniaturmalerei her, die vielleicht die eigentliche Malerei des Nordens ist, wie das Wandbild die eigentliche Malerei Italiens. Der ungeheure Schatz, den die nordeuropäischen Völker, und besonders die Deutschen, in diesen Miniaturen besitzen, liegt noch versteckt und wird erst langsam an den Tag gebracht. Wie schon einmal Jan van Eyck, genau hundert Jahre vor Altdorfer geboren, so brachte nun dieser die Miniaturmalerei von dem Buchblatt auf die Tafel. In diesen kleinen Bildchen hatten die Maler viel mehr und viel Feineres aus Natur und Menschenleben geben können, als in den Altarbildern erlaubt und am Platze war. Ihre Kunst war in vieler Hinsicht geschmeidiger. Ganz besonders im Ausdruck von Licht und Luft, aus deren Weben die Landschaft ihre Stimmung erhält.

Alle deutschen Maler haben die Landschaft geliebt und ihre Stimmungen empfunden. Aber da der Zweck ihrer Bilder die Figur zur Hauptsache macht, so bleibt ihnen für ihre Schilderung nur der Hintergrund. Die Handlung steht vor der Landschaft, nicht in ihr. Bei Altdorfer nun kehrt sich dieses Verhältnis um. Es ist die Landschaft, die seine Tafel füllt und ihre farbige Erscheinung bestimmt. Alles andere, Bauten und Gestalten, fügt sich ein. Das ist ohne Zweifel eine Folge seines ganz persönlichen Verhältnisses zur Welt. Und es ist wie ein Bekenntnis, daß er zum ersten Male ein Bild malt, dessen Gegenstand nur eine Landschaft ist. Unser Bild — deshalb geschichtlich ebenso wichtig wie schön und voll in der Empfindung.

Keiner von den alten Meistern ist uns so nahe wie dieser, weil er aus seiner Zeit heraustritt. Die Bürger saßen damals in ummauerten Städten, und der Erholungsplatz war der Garten vor dem Tor. Reisend kamen sie wohl durch Feld und Wald, und so auch die Künstler. Aber das Wandern um des Wanderns willen, das zwecklose Streifen in der Natur haben sie nicht gekannt. Altdorfer dagegen — das bezeugt das Ganze seines Werkes, aber auch schon jedes einzelne Bild — Altdorfer war ein Wanderer, wie wir sehnsüchtige Stadtmenschen das Wort seit der Zeit des jungen Goethe verstehen. Und seine große Liebe, diese ganz deutsche Liebe, war der Wald.

Der Wald ist Wirklichkeit und Geheimnis: Wirklichkeit, in der hundert feinste Einzelheiten das Auge ansprechen, und Geheimnis, das die ganze Seele bewegt. Die beiden Züge, deren Verbindung das Besondere des deutschen Wesens ausmacht, Andacht zum Kleinen und Sehnsucht nach überweltlichem, machen die Menschen dieser Art für ihn empfänglich. Was für ein Buch wäre zu machen, wenn man sammelte, was das Volk, seine Dichter und seine Künstler vom Walde gesagt, gefabelt und geschildert haben! Man würde ihn sehen bis zum winzigen Moos, man würde ihn rauschen hören, man würde staunen über das seltsame Gelichter von Zwergen und Elfen und auch fremden Satyrn und Nymphen, das ihn durchtollt und am Ende in wohligem Schauer erbeben, wenn gehet leise nach seiner Weise der liebe Herrgott durch den Wald.

Der erste aller Maler, die den Wald so erkannt haben, war Altdorfer. Er mag ihn schon als Knabe erlebt und seine Träume von antiken Fabelwesen, von christlichen Heiligen, von ritterlichen Schlachten in dieses selbst entdeckte Land hineinverlegt haben. Der Wald ist sein eigentlicher Gegenstand. Ohne edle Buchen mit ihrem zarten Laub, ohne bärtige Tannen sieht er selten ein Bild. Er stellt sie hinein, wie andere Meister nahe Menschen, Eltern, Geschwister und Freunde.

Und noch etwas liebt und kennt er, was keine Beobachtung, kein in realistischen Zeiten so hoch gepriesenes Studium erschließt, die Wolken. Sind nicht auch sie Wirklichkeit und Geheimnis zugleich? Auch sie muß man erfühlen, ihr Locken und ihr Drohen, ihr schweres Ruhen und ihr luftiges Wallen.