Maria und Joseph betrachten es froh;
Die redlichen Hirten knien betend davor,
Hoch oben schwebt jubelnd der Engelein Chor.“
Ganz wie es uns das Evangelium (Lukas 2, 1 bis 20) erzählt, das ihr ja alle kennt, zeigt uns Correggio das himmlische Kind auf einem Strohbündel in der aus rohem Holz gezimmerten bescheidenen Krippe. Maria, die gottbegnadete Jungfrau, hält das strahlende Körperchen des Heilands in zärtlicher Liebe umfangen und schaut in seligem Mutterglück zu ihm herab. Sie trägt ein Unterkleid von mattblauer Farbe, ein rotes Übergewand und einen blauen Mantel. Die beiden bilden die Hauptgruppe des Gemäldes, die in strahlendes Licht getaucht, den Beschauer vor allem gefangennimmt. Zur Linken sehen wir drei Gestalten: der Mittelgruppe am nächsten, an einer Säule, eine junge Hirtin, die in einem Körbchen zwei ganz junge, noch flaumbedeckte Gänse zum Geschenk darbringt. Mit der erhobenen Linken schützt sie die Augen vor dem Strahlenglanze, der den Stall durchflutet. Neben ihr steht ein jugendlicher Hirt, der sich zu einem älteren mit fragender Gebärde hinwendet. Der alte Hirt ist in ein braunes Gewand gehüllt und hat die Rechte erhoben, während seine Linke einen Stab hält. Dicht bei ihm, den Kopf weit vorgestreckt, steht sein Begleiter, der treue Wächterhund. Die Bewegungen der drei Gestalten verraten fragendes Staunen, das durch die geschickte Licht- und Schattenverteilung besonders glücklich zum Ausdruck kommt. Hoch in den Lüften schweben fünf Engel, die von dem Licht, das von dem Kindlein ausstrahlt, ätherisch beleuchtet werden. Die Engel sind in äußerst lebhafter, vielverschlungener Bewegung; drei von ihnen wenden ihr Antlitz dem Christkind zu, die beiden andern schauen zu den Hirten hin. Ganz ungewöhnlich sind die Überschneidungen und Verkürzungen bei der Gruppe der Engel. Hinter der Hauptgruppe entdecken wir dann noch die Gestalt Josephs, der sich bemüht, ein Eselein von der Krippe fernzuhalten. Der Erdboden ist mit großen Steinen bedeckt, zwischen denen hohe Gräser hervorsprießen. Der hügelige Horizont, der das Gemälde kulissenartig abschließt, liegt in nächtlichem Dunkel. In zarten Streifen bricht die Morgendämmerung an, die symbolisch den Sieg des Lichts im Kampfe mit heidnischer Finsternis zum Ausdruck bringen soll. Die Lichtwirkungen sind allenthalben meisterhaft; außerordentlich gelungen aber ist die Verteilung von Licht und Schatten. Schon die Zeitgenossen sprachen von den Farben auf diesem Gemälde mit den Ausdrücken höchsten Entzückens.
Nur an der Hand seiner herrlichen Werke und durch vergleichende Betrachtung mit zeitgenössischen Kunstschöpfungen können wir ein klares Bild vom Schaffen und Leben unseres Meisters gewinnen, da die historische Überlieferung fast ganz versagt. Den zahlreichen, willig weitergegebenen Legenden dürfen wir keinen Glauben schenken. Selbst Vasari gedenkt des Meisters in seiner Biographie nur mit wenigen, dürren Worten. Eins aber wissen wir: Correggios Leben war von emsigster, grüblerischer, sehnsuchtsvoller Arbeit ausgefüllt. Beharrlich hat er eigene Wege gesucht, mit dem Kunstideal und seiner Erhöhung gerungen und zu allen Zeiten fremde Einflüsse gemieden. Immer wollte er seine Phantasie selbstschöpferisch betätigen und kämpfte mit den Stoffen, bis er sie bezwungen und in freier Verarbeitung zu eigenem Leben erweckte. In den Beleuchtungsproblemen und ihrer Lösung sah er die letzte künstlerische Vollendung, die Krone aller künstlerischen Ausdrucksmittel. In seinem Leben und in seiner begnadeten Kunst war er ein Lichtsucher, und deshalb sind fast alle seine Werke in blendendes, sieghaftes Licht getaucht, dessen Träger auf dem von uns betrachteten Gemälde der himmlische Knabe in der Krippe ist.
Auch dieses Meisterwerk hat seine Geschichte: Correggio malte „Die heilige Nacht“ als Altarbild für die Kapelle der Kirche S. Prospero zu Reggio-Emilia. Der Vertrag zwischen dem Besteller und dem Künstler wurde am 13. Oktober 1522 geschlossen. Das Gemälde ist aber erst acht Jahre später vollendet und 1530 am Bestimmungsort aufgestellt worden. Nicht lange sollte es der Kirche zum Schmuck gereichen; denn schon im Mai 1540 wurde es vom Herzog Francesco I. für die Galerie in Modena geraubt. Im Jahre 1755 ist es dann vom Kurfürsten Friedrich August II. von Sachsen für seine Kunstsammlung erworben worden. Seitdem hängt das kostbare Werk in der Dresdner Gemäldegalerie. Es ist auf Pappelholz gemalt und noch ziemlich gut erhalten. Nur die Schatten sind an einigen Stellen dumpfer geworden, und die stark belichteten Stellen haben etwas von ihrer Leuchtkraft eingebüßt. Doch wird die gewaltige Wirkung auf den Beschauer dadurch nicht im geringsten beeinträchtigt. In der Dresdner Galerie finden sich neben wohlgelungenen Kopien noch drei Originale aus der Zeit der höchsten Entwicklung des Meisters: die Madonna des heiligen Franziskus, die Madonna des heiligen Sebastian und die Madonna des heiligen Georg. Eins der schönsten und wirkungsvollsten aber ist wohl „Die heilige Nacht“, die alte und junge Herzen mit ihrem unvergänglichen Zauber beglückt und neben ihrem hohen poetischen Wert für alle Zeiten ein dauerndes Zeugnis der erhabenen Kunst des großen Meisters bleiben wird.
Das Lebenswerk Correggios ist in alle Welt zerstreut. In Deutschland werden außer in Dresden nur in Frankfurt a. M., im Kaiser-Friedrich-Museum zu Berlin, ferner in Wien Originalwerke von des Meisters Hand aufbewahrt.
Paul Gerhard Zeidler.