Geboren um 1494 zu Correggio, gestorben 5. März 1534 ebendort. Gemäldegalerie in Dresden

[Buntbild III]

An Stelle der überlieferten Anschauungen des Mittelalters trat im Italien des 15. Jahrhunderts die Renaissance und erweckte das klassische Altertum zu neuem Leben. Sie öffnete den schönen Künsten und Wissenschaften die lange verschlossenen Pforten hoher Erkenntnis. Wie schon ihr Name sagt, führte sie eine förmliche Wiedergeburt der Geister herbei und brachte Umwälzungen auf allen Gebieten. Die treibende Kraft war die Kunst, die in den Herzen der Menschen neues Leben entfachte. Gleichwie die Sonne mit sieghaften Strahlen die winterliche Nacht durchbricht und die Erde mit Glanz und Schönheit erfüllt, so wirkte das Zeitalter der Renaissance in Italien. In jeder Brust erwachte übermächtig die Sehnsucht nach Freude; alle Geister waren von leidenschaftlicher Liebe zu Kunst und Wissenschaft durchglüht: düsteres Grübeln und finsterer Aberglaube schwanden dahin; verheißungsvoll leuchtete das Morgenrot einer neuen Zeit. Begeisterung, Jubel, Lust und übersprudelnde Lebensfreude warfen die überlieferten Anschauungen in einem glücklichen Augenblick über den Haufen. Nicht nur die Edlen und Großen, Reichen und Mächtigen pilgerten freudeberauscht zu diesem Lebensquell, nein, das Dasein aller Volksschichten wurde durch einen Hauch der Erneuerung und Erhöhung verjüngt. Päpste und Fürsten wetteiferten miteinander im Dienste der hohen Muse. Herrliche Kirchen und Paläste entstanden, mit wunderbaren Gemälden und Skulpturen geschmückt; daneben wurden der Forschung und Wissenschaft langentbehrte Heimstätten errichtet.

Die reinste Blüte erreichte die Renaissance in den unsterblichen Werken eines Leonardo, Michelangelo und Raffael. Rom, Florenz, Venedig, Mailand, Bologna und andere Städte sind beredte Zeugen der hohen Blüte jener Tage. Aber auch in kleinere Plätze wie Ferrara, Mantua, Perugino, Parma, Rimini und viele andere warf die Fackel der Erkenntnis ihren lodernden Schein. Unter ihnen gebührt der zwischen Parma, Reggio, Modena, Carpi, Bologna, Ferrara und Mantua gelegenen Stadt Correggio ein Ehrenplatz. In ihren Mauern erblickte unser Meister Antonio Allegri da Correggio, der Schöpfer des wunderbaren Gemäldes „Die heilige Nacht“, das wir miteinander betrachten wollen, das Licht der Welt. Eigentlich heißt er nur Antonio Allegri, wurde jedoch, wie es damals Brauch war, nach seiner Geburtsstadt „da Correggio“ genannt. Unter diesem Namen ist er nach seinem Tode in der ganzen Welt bekannt und hochberühmt geworden. Von seinem Leben wissen wir verhältnismäßig wenig Zuverlässiges. Die Überlieferungen sind in vielen wichtigen Punkten lückenhaft geblieben, so sehr sich die Forschung auch bemüht, die Schleier zu lüften und Klarheit zu schaffen. Wahrheit und Dichtung stehen hart beieinander; denn viele Zeugnisse verblaßten, und manche Zugänge zu tieferer Erkenntnis wurden im Laufe der Jahrhunderte verschüttet. Überzeugender aber als alle beglaubigten Schriftstücke spricht zu uns die erhabene Kunst unsres Meisters, in der er sich selbst ein Denkmal gesetzt hat, dauerhafter als Erz!

Der Vater unsres Malers hieß Pellegrino und bewohnte mit seiner Frau, einer geborenen Bernardina Piazzoli, ein bescheidenes Häuschen in Correggio. Er soll ein fleißiger und vorbildlicher Hausvater gewesen sein. Ganz unbemittelt waren die Eltern wahrscheinlich nicht; denn Antonios Mutter hatte dem Gatten eine Mitgift von hundert correggianischen Lire in die Ehe eingebracht. Den Geburtstag Antonios kennen wir nicht; auch über die Ereignisse der frühesten Jugendjahre schweigen sich die Quellen aus. Mit ziemlicher Sicherheit dürfen wir aber annehmen, daß der Knabe schon frühzeitig mit Künstlern in Berührung kam. In seiner Vaterstadt lebten, wenn oft auch nur vorübergehend, viele Maler, Bildhauer und Architekten. Daneben war das edle Kunstgewerbe durch angesehene Teppichweber und Goldschmiede würdig vertreten, und Antonios Oheim, Lorenzo, des Vaters Bruder, war selbst ein Maler. In seiner Werkstatt hat der Knabe vermutlich die ersten Eindrücke gewonnen und die erste, wenn auch ganz oberflächliche Berührung mit der Kunst gehabt. Vielleicht hat sich seine kindliche Phantasie, ganz unbewußt, in knabenhaftem Spiel der hohen Muse genähert. Zweifellos hat er in des Oheims Werkstatt das rein Handwerksmäßige, was damals von großer Wichtigkeit war, erlernt. Später, als er zum Jüngling heranreifte, haben sich frühzeitig gewonnene, vielseitige Eindrücke und Erlebnisse in seiner Seele geklärt und geläutert. Ganz unverkennbar bleibt ein nachhaltiger Einfluß aus dem Studium der Werke der Meister Andrea Mantegna in Mantua und Lorenzo Costa, der nach Mantegnas Tode von Ferrara nach Mantua übersiedelte. Hier hatte unser jugendlicher Maler, der wohl oft in Mantua war — er flüchtete 1511 dorthin, als seine Vaterstadt von der Pest heimgesucht wurde, und blieb hier zwei Jahre — in den Schlössern des Fürsten Francesco Gonzaga reichlich Gelegenheit, die Werke der großen Zeitgenossen zu bewundern und zu studieren. Aber auch bei Bianchi Ferrari, einem Meister der sogenannten „emilianischen“ Malerschule in Modena, soll Correggio manches gelernt haben. Mit knapp zwanzig Jahren entfaltete sich sein Genius. In dem Hochaltarbild für die dem heiligen Franziskus geweihte Kirche seiner Heimatstadt zeigte er der Mitwelt, daß er zum Künstler geboren war, daß er die früh gewonnenen Eindrücke seelisch verarbeitet und mit neuen, eigenen Ideen belebt hatte. Wenngleich er sich von der überlieferten Kunstauffassung noch nicht völlig freimachen konnte und vielfach an die Sonderwünsche seiner Auftraggeber gebunden war, so tritt uns in dem ganzen Aufbau dieses Werkes neben Eigentümlichem und Persönlichem eine gewaltige Kraft und Tiefe entgegen. Das beweisen allein schon die geistigen Beziehungen, die der Künstler in den Blicken der beiden Hauptfiguren dieses Gemäldes zum Ausdruck gebracht hat.

Nun folgte ein reichgesegnetes unermüdliches Schaffen der sogenannten ersten Kunstepoche Correggios, die etwa mit dem Jahre 1519 ihren Abschluß findet. Als willkommener Vorwurf tritt neben anderen das Kult- und Andachtsbild in den Vordergrund. Die Madonna mit dem Kinde in zahllosen Gruppierungen, Christus, die Geschichte des Leidenswegs, Heilige, Apostel, Propheten, Schutzpatrone und dergleichen gelangen in immer neuen Fassungen nach eigenen persönlichsten Auffassungen zur Darstellung. Daß Correggio nicht arm gewesen sein kann, geht wohl schon daraus hervor, daß er mit den teuersten Farben auf dem feinsten Material malte, auf Kanevas, Holz und Kupferplatten. Daneben trieb er eingehende anatomische Studien und war stets beflissen, auch in technischer Beziehung das Höchste zu leisten.

Nicht wie andere Könige im Reiche der Kunst fand unser Correggio den Weg zu Fürsten und höchsten kirchlichen Würdenträgern. Selten nur hat ihm die Sonne der Gunst geschienen. Er lebte meist still und zurückgezogen und war im Verkehr mit großen Herren wenig gewandt. Dazu trat ein tiefes Heimatgefühl, das ihn mit der Scholle der Väter innig verband. Nie eigentlich hat ihn der Wandertrieb ergriffen, und selbst Rom, die Ewige Stadt, hat er wahrscheinlich niemals betreten. Alle Stimmungen gewannen in seiner Phantasie Gestalt und Leben, ehe sie im Atelier oder an den Stätten, für die sie bestimmt waren, in farbiger Herrlichkeit geboren wurden. Wohl lebt viel Freude in seinen Werken, Freude, die seinem innersten Wesen entstammt, und doch ist er bis zu seinem Tode vermutlich ein Weltflüchtiger, ein eigentlich Einsamer geblieben.

Welche Fülle künstlerischen Schauens und Könnens vereinigt sich in dem Namen Correggio! Seine Werke sind die Zeugen eines unablässig suchenden Geistes nach hoher künstlerischer Auswirkung, nach eigenwilliger Beherrschung der Materie. Fast alle seine Schöpfungen überraschen durch die Liebe, mit der sie auch in den Einzelheiten gemalt sind, durch die glänzenden Lichteffekte, durch die oft eigentümliche Gruppierung der dargestellten Figuren und die wechselseitigen Beziehungen, die zwischen ihnen geschaffen sind, durch die Wärme und Weichheit der Farbentöne, durch die Behandlung der Landschaft und zarte Führung der Linien. Seine Hand war begnadet, Geist und Herz standen im Dienste höherer Erleuchtung. Von ihm stammen Werke, die neben den Schöpfungen Michelangelos und Raffaels würdig bestehen können. Die höchste Reife künstlerischen Könnens offenbarte Correggio in den Kuppelmalereien des Domes zu Parma. Hier hat seine Meisterhand ungeheure Schwierigkeiten spielend besiegt, und damit erreichte er im Jahre 1526 den Höhepunkt seines Schaffens, das ihn für alle Zeiten in die Reihen der größten Meister stellt. Auch von ihm gilt Goethes Wort: Es kann die Spur von seinen Erdentagen nicht in Äonen untergehn. Sein Leben war reich und groß. In einer verhältnismäßig kurzen Zeitspanne sind Werke von unschätzbarem Werte entstanden. Am 5. März 1534 ist der berühmte Meister, kaum vierzig Jahre alt, in seiner Heimatstadt gestorben. Und nun wollen wir unsere Herzen höher stimmen und das herrliche Gemälde „Die heilige Nacht“ genauer miteinander betrachten. Alles, was unser Auge auf diesem Bilde erblickt, atmet die überwältigende Weihe der großen Stunde, die der Welt den Erlöser schenkte. Süß und verheißungsvoll klingen die Weihnachtsglocken. Sanft und mild senkt sich der Gnadengruß der himmlischen Heerscharen in unsere Seele. Wir hören ihr: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“ Der jahrhundertealte Zauber der „stillen, heiligen Nacht“ erfüllt unser Herz, und unsere Lippen sprechen den Vers des vertrauten, lieblichen Weihnachtsliedes „Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all“:

„Da liegt es, ihr Kinder, auf Heu und auf Stroh,