Groß ist die Zahl der Werke, die Tizian geschaffen. Nur die wichtigsten können genannt werden. In den Jahren seiner Entfaltung vor 1512 entstehen drei seiner berühmten Jugendwerke, der heilige Markus, der Zinsgroschen und das unter dem Namen der himmlischen und der irdischen Liebe bekannte Bild. In sein Mannesalter fällt die Assunta, d. h. die Himmelfahrt Mariä, weiter die Madonna der Familie Pesaro, die Ermordung des Petrus Martyr, die Madonna in der Glorie, die drei Bacchanale, die Flora, die Venus von Urbino. Aus der Zeit seines Alters, zwischen 1532 und 1576, stammen seine reifsten Werke, die Bildnisse Karls V., des Herzogs und der Herzogin von Urbino, des Papstes Paul III., seine Selbstbildnisse und das schöne Bild seiner Tochter Lavinia mit der Fruchtschale in den hocherhobenen Händen. Daneben der Tempelgang der Maria, die Dornenkrönung Christi, Danae im Goldregen.

Wie kaum ein anderer seiner Zeit hat Tizian es verstanden, die Farbe zur höchsten Wirkung zu bringen. Die Farben im Bild zusammenzustimmen, sie zu voller Harmonie und höchstem Schmelze zu entwickeln, das ist das koloristische Ziel, das ihm vorschwebt und das er erreicht. Daneben aber der hohe künstlerische, geistige und sittliche Gehalt seiner Werke. Denn was er malt, ist erfüllt von Schönheit und Kraft, von erhobener Ruhe, Würde und Majestät, stolzer Sicherheit und tiefstem innerlichen Leben.

So verlockend es ist, einem Künstler auf die Höhe seiner Laufbahn zu folgen, so reizt es doch noch mehr, aus einem seiner Jugendwerke das herauszulesen, was er als reifer Meister bekundet hat. Deshalb ist hier der Zinsgroschen ausgewählt, jenes Jugendwerk, das in der Dresdner Galerie hängt. Das Ölgemälde ist um 1508 entstanden, also zu einer Zeit, als Tizian etwa 31 Jahre gezählt hat.

Es handelt sich um die bekannte Begebenheit aus der Biblischen Geschichte. Die Pharisäer wollen dem Heiland aus seinen Reden einen Fallstrick drehen und entsenden einige ihrer Jünger, ihm verfängliche Fragen vorzulegen. So fragen sie ihn, ob es recht sei, dem Kaiser Zins zu zahlen, d. h. ihm Steuern zu entrichten. Sie hatten natürlich dabei die Absicht, den Erlöser zu einer unbedachten Antwort zu verleiten, zu einer Äußerung etwa des Inhalts, daß der Kaiser nicht berechtigt sei, Steuern zu erheben. Dann hätten sie natürlich diese Äußerung der Obrigkeit hinterbracht und Jesus Christus als Aufwiegler gebrandmarkt. Aber Jesus Christus, der die Fragenden durchschaut, spricht zu ihnen: Weiset mir die Zinsmünze, und als sie ihm einen Groschen reichen, fragt er sie: Wes ist das Bild und die Umschrift? Als sie ihm darauf antworten: Des Kaisers, spricht Jesus die Worte zu ihnen: Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.

Es ist unverkennbar, daß Tizian dieses Bild unter dem Einflusse von Leonardo da Vinci geschaffen hat. Aber nur unter seinem mittelbaren Einflusse insofern, als Aufbau und Durchführung an das Vorbild Leonardos erinnern. Im übrigen aber ist das Werk eine vollkommen selbständige Schöpfung Tizians. Und mit welcher Meisterschaft hat er den Vorgang bewältigt! Zunächst schon erfüllt er in der Komposition, im Entwurfe das erste Erfordernis aller Kunst, sich auf das Notwendige zu beschränken, indem er weiter nichts darstellt als Christus und einen seiner Versucher, nämlich den fragenden. Und auch diese beiden gibt er nur als Halbfiguren wieder. Dadurch erzielt Tizian eine wertvolle Zusammendrängung seines Werkes, er führt den Vorgang zurück auf das Wesentliche, auf die an sich höchst einfache Handlung. Da aber setzt er mit allen Mitteln der Kunst die beiden Personen zueinander in Gegensatz und vereinigt sie doch wieder zu einer künstlerischen Einheit, den fragenden Pharisäer und den antwortenden Christus. Scharf sind beide gegeneinander gekennzeichnet. Christus, das Antlitz voll Milde und Sanftmut, durchgeistigt und voll ruhigen Ernstes, die Lippen als ob sie sprächen und doch um Mund und Augen herum so etwas wie ein gelassenes Lächeln innerer Überlegenheit über die Plumpheit, mit der der andere seine Schlinge stellt. Die Hand Christi, die auf den Zinsgroschen weist, ist ebenso durchgeistigt wie das Gesicht. Es ist die Hand eines tief und viel Denkenden, eines Mannes, der über die letzten Rätsel der Menschheit gegrübelt hat und erfüllt ist von Mitleid und Erbarmen. Ganz anders der Fragende. Braun von Hautfarbe, hager, ein Mann des Gierens und Erraffens, ein selbstsüchtig Hastender, der zeitlebens an nichts anderes gedacht hat als an das Erringen des Leiblichen, ein Mann voll Tücke und Schliche. Das Nachdenken über sich selbst und sein Beginnen, oder gar über Gott und Menschen hat er nie geübt oder doch schon längst verlernt. Das von Leidenschaften durchfurchte braune Gesicht des Fragenden steht in schlagendem Gegensatze zu dem feinen hellen, von unendlicher Güte durchleuchteten Antlitze Christi, und die grobe, braune, derbknochige, von dicken Adern durchzogene Hand des Pharisäers bildet ein vollständiges Widerspiel zu der feinen, schlanken Hand Christi. Dazu die Haltung der beiden. Der Fragende, der sich plötzlich wie eine falsche Katze an Christus herangedrängt hat und ihm nun listig und schmeichlerisch anhängt; Christus, der sich im Weiterschreiten nicht aufhalten läßt, sondern sich nur halb zu dem Fragenden umwendet und so ihm seine Antwort gibt.

Bemerkenswert weiterhin, mit welcher Meisterschaft die Farben der Gewänder gegeneinander abgestimmt sind. Christus mit dem hellrötlichen Untergewand und dem blaugrünen Mantel dazu, der Pharisäer in dem grünlichen Gelb seines Gewandes. So beherrscht der Farbendreiklang Hellrot, Blaugrün und Grünlichgelb das ganze Bild; und zu diesem Dreiklang gesellen sich harmonisch das Braun in der Hautfarbe des einen, der helle Ton in der Haut des anderen, die braunen Haare des einen, die braunschwarzen des anderen. Also auch hier wieder eine große Meisterschaft des Urhebers.

Vor allem aber tritt uns schon in diesem Jugendwerke Tizians alles das entgegen, was sein späteres Schaffen kennzeichnet, die monumentale Größe des Vorwurfes, die Wucht und Eindringlichkeit der Darstellung, die vornehme Ruhe und der tiefgeistige Gehalt des Vortrags, der klare, nur auf das Notwendige beschränkte Aufbau, die meisterhafte Beherrschung der Farbe, die unvergängliche Schönheit der Leistung. Man versteht es, daß solch ein Maler zu einem Fürsten unter den Künstlern heranreifen mußte.

Georg Lehnert.

Die heilige Nacht
Von Antonio Allegri da Correggio