So kommt es, daß sich damals in Venedig die Schätze des Morgen- und des Abendlandes begegnen. Nach Venedig gelangen die Seidengewebe Chinas, die Teppiche Persiens, die Gewürze und Edelsteine Indiens, das Gold und Silber Südasiens, das Elfenbein Afrikas. Aus dem Norden aber strömen in Venedig zusammen alle die Einfuhrgüter, die abendländischer Gewerbefleiß erzeugt, Eisen und Stahl, Kupfer und Messing, Gefäße und Geräte aus Metall und Holz, Waffen aller Art, Leinwand, Tuch und Leder, rheinische Goldarbeiten, Nürnberger Spielwaren, Augsburger Kunstwerke.

All die Farbenpracht und Farbenfreude, die dem Morgenlande eigen sind, sie entfalten sich ganz von selbst in Venedig. Unterstützt wird diese Freude an Pracht und Farbe durch die gewaltigen, schier unermeßlichen Vermögen, die durch den Handel in Venedig aufgehäuft werden. Vor allen Dingen aber behauptet Venedig damals eine Machtstellung sondergleichen, dank der großzügigen, wenn auch rücksichtslosen Handelspolitik, die die Lagunenstadt im gesamten Gebiete des Mittelmeeres entwickelt. Nicht ohne Grund lautete damals ein Merkwort:

Straßburger Geschütz, Nürnberger Witz,

Venediger Macht, Augsburger Pracht,

Ulmer Geld, bezwingen die ganze Welt.

All diese venezianische Freude an Pracht und Schönheit, an Form und Farbe ist getaucht in den hellen Sonnenglanz, der den größten Teil des Jahres über der Stadt liegt und den das Meer mit seinen vielen, die Stadt durchziehenden Armen und Kanälen tausendfach widerstrahlt. Daher rührt es, daß in den Werken der Maler Venedigs immer eine berückende Farbenpracht und eine glänzende Farbengebung vorwalten, gleichsam als sei alles mit den leuchtenden Strahlen von Sonne und Meer getränkt. Das zeigt sich schon im 15. Jahrhundert in den Schöpfungen eines Jacopo Bellini und tritt noch schärfer hervor in den Werken seiner Söhne Gentile und Giovanni Bellini. Besondere Förderung erfährt dieses Bestreben dadurch, daß die beiden Brüder zwischen 1473 und 1475 die Technik der Ölfarbe erlernen und seitdem anwenden. Diese durch Antonella da Messina 1473 in Venedig eingeführte Öltechnik ist von der größten Bedeutung, denn sie allein gestattet die Wiedergabe der Farbe in ihrer vollen Tiefe, die Wiedergabe des Lichtes in seinem vollen Glanze. Bis dahin konnten sich die Maler nur mattwirkender Farben bedienen, indem sie entweder mit Kalkfarbe al fresco, d. h. auf den frischen Bewurf der Wand malten, oder aber Tafelbilder auf Holz, Kupfer oder Leinwand in Leimfarben oder Eifarben (Tempera) herstellten. In dem einen wie dem anderen Falle erscheinen nach dem Auftrocknen die Farben stumpf und flach. Jetzt ermöglicht die Ölmalerei die Anwendung von Farben, die denen der Wirklichkeit gleich sind an Kraft und saftiger Schönheit, die dabei jede Abwandlung vom zartesten Hauche bis zur sattesten Tiefe gestatten und die, nachdem sie aufgetrocknet sind, durch einen Überzug von Firnis (Lack) eine unveränderliche Leuchtkraft gewinnen. Darum haben so viele von den Meisterwerken jener Tage ihre volle Wirkung bis heute bewahrt.

In dieses Venedig hinein und gleich zu den Bellinis in die Lehre kommt im Jahre 1487 unser Tizian. Er war 1477 als Sprößling einer angesehenen Familie zu Pieve di Cadore im Friaul geboren, also inmitten einer großartigen, majestätisch-monumentalen Alpenwelt aufgewachsen. Wenn auch damals und noch mehr in späteren Jahren die Handelsmacht Venedigs sich allmählich verringerte, weil der Welthandel infolge der Entdeckung Amerikas und des Seeweges nach Ostindien mit der Zeit andere Bahnen einschlug, so verschob sich das alles doch nur Schritt für Schritt, so daß Venedig seine Vormachtstellung im Mittelmeer noch Jahrhunderte behielt und damit seinen Reichtum und seinen Glanz, seine Pracht und seinen Ruhm.

Knapp zehn Jahre hat Tizian gebraucht, um zu einer selbständigen Wirksamkeit als Maler zu gelangen. Aber wie jeder heranwachsende Künstler unterliegt auch er in der ersten Zeit seines Schaffens fremden Einflüssen. Die Auffassung und Malweise seiner Lehrer hält er längere Zeit fest, dann nähert er sich mehr der weichen Art des Giorgione, mit dem zusammen er bis 1508 an der Ausmalung des deutschen Fondaco, des deutschen Kaufmannshofes in Venedig, tätig ist. Aber auch Leonardo da Vinci bleibt nicht ohne Wirkung auf ihn. Schließlich verläßt er Venedig und malt 1511 bis 1512 in Padua Fresken.

Aber Venedig hat es ihm doch angetan. Er mag es gefühlt haben, daß er, der hochgemute, scharfblickende, kühn und fest vorwärtsstrebende Sohn der Alpen, nur in dem stolzen, reichen, von allen Schätzen der Welt erfüllten Venedig sein Ziel erreichen könne, ein großer Maler zu werden. Und er wird es dort. Mit seiner Rückkehr nach Venedig 1512 beginnt der zweite Abschnitt seine Lebens voll künstlerischer Selbständigkeit und reicher Wirksamkeit. Schon 1516 wird er zum Ratsmaler von Venedig ernannt. Er knüpft Verbindungen mit den Fürstenhöfen von Ferrara und Mantua an, arbeitet zeitweilig auch dort. So sind die zwanzig Jahre von 1512 bis 1532, also sein Mannesalter vom fünfunddreißigsten bis fünfundfünfzigsten Jahre, ausgefüllt von unermüdlichem, niemals erlahmendem Schaffen, das ihn auf die Höhe seiner Kunst führt.

Das Jahr 1532 bringt eine entscheidende Wendung im Leben Tizians. Er malt Kaiser Karl V. und tritt zu ihm in enge Beziehungen. Damit wird er ganz von selbst zum gesuchtesten Maler seiner Zeit, dem seine großen Einkünfte gestatten, ein fürstliches Haus zu führen, dem aber auch seine ausgebreiteten persönlichen Verbindungen gestatten, die Größten und Besten seiner Zeit als Gäste bei sich zu sehen: die fürstlichen Staatshäupter, die Träger der höchsten kirchlichen Würden, die Großen an Geist und die Großen an Geld. Selbst wie ein Fürst anzusehen, hochgewachsen und von breiten Schultern, mit Adlernase und großen, kühnen Augen, vornehm und gelassen in Haltung und Bewegung, empfängt der 1533 Geadelte seine fürstlichen Gäste. Als ihn 1576 die Pest hinwegrafft, hat der Neunundneunzigjährige noch keine Abnahme seiner Arbeitskraft verspürt.