Raffaels Wesensart könnte nicht trefflicher gezeichnet werden. Seine vielgerühmte Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit an Menschen und Dinge ist vielleicht darauf zurückzuführen, daß er zeitig auf sich selbst gestellt war. Da lernte er frühe den Wert hilfreicher Freundlichkeit schätzen. Alle, mit denen er in Berührung kam, waren von dem Zauber seiner Persönlichkeit gefangen; alle Pforten öffneten sich ihm. Seine Gesichtszüge trugen, wie uns erzählt wird, etwas Edles, Durchgeistigtes. Auch der äußere Mensch war ein Abbild des inneren. Von hohem Wuchs, meist in prächtige Gewänder gehüllt, hatte er — ein Fürst im Reiche der Kunst — auch äußerlich fürstliche Allüren. Mit heißem Herzen suchte er Schönheit und Freude. Seine Sehnsucht fand Erfüllung in seinen unvergleichlichen Farbensymphonien, mit denen der begnadete Jüngling die Welt beglückt hat. So können wir es wohl verstehen, daß er zahlreiche Schüler um sich scharte, die ihm begeistert huldigten, denn nur wenige haben die künstlerischen Darstellungs- und Ausdrucksmittel in solcher Meisterschaft beherrscht wie er.
Vielleicht kennen manche von euch außer der Sixtinischen Madonna noch andere der zahlreichen Madonnenbilder von Raffaels Meisterhand. Ich nenne hier nur die bekanntesten: die „Madonna della Sedia“ und die „Madonna del Granduco“, beide im Pitti-Palast zu Florenz, die „Madonna mit dem Fisch“ im Prado-Museum zu Madrid, die „Madonna Colonna“ im Kaiser-Friedrich-Museum zu Berlin, die „Madonna im Grünen“ in der Gemäldegalerie zu Wien und die „Belle Jardinière“, genannt „Die schöne Gärtnerin“, im Louvre-Museum zu Paris. Zahllos sind die von Raffael stammenden Zeichnungen und Skizzen. Die großen Wandgemälde und berühmten Fresken, die er für den Vatikan malte, wie seine unsterblichen Taten als Baumeister der Peterskirche in Rom seien hier nur kurz erwähnt. —
In der Blüte der Jahre und Fülle der Kraft, am 6. April 1520 wurde der erst siebenunddreißigjährige Meister von tückischer Krankheit dahingerafft. Wie groß und göttlich ist das Lebenswerk, das er uns hinterließ. Durch seine Hände ist uns Offenbarung geworden; ihn hatte die hohe Muse sich erkoren, um uns durch ihn zu ihren Wundern hinzuführen. Und eins der größten Wunderwerke spricht in beredter Sprache zu uns, wenn wir die Sixtinische Madonna in der Dresdner Galerie betrachten. Für alle Zeiten unerschöpflich bleibt die Quelle der Kraft und Schönheit, die diesem Meisterwerke entströmt. Darum, wann immer euch euer Weg in die Kunststadt Dresden führen sollte, versäumt nicht, die herrliche Gabe des großen Meisters mit eigenen Augen anzuschauen. Ihr werdet nie mit leerem Herzen von dannen gehn.
Paul Gerhard Zeidler.
Der Zinsgroschen
Von Tizian
Geboren um 1477 in Pieve di Cadore (Friaul), gestorben 27. August 1576 in Venedig. — Gemäldegalerie in Dresden
Glänzend entfaltet sich im 16. Jahrhundert die Malerei Italiens. Mit Recht spricht man von den drei Großmeistern dieser Zeit, Leonardo da Vinci, Michelangelo und Raffael Santi. Aber neben sie tritt fast ebenbürtig Tizian Vecellio, der größte unter den Malern Venedigs.
Venedig hat von jeher einen besonderen Platz in der Malerei Italiens behauptet. Das hängt mit seiner Lage und der Tätigkeit seiner Bewohner zusammen. Im Mittelalter geht der gesamte Verkehr des Abendlandes mit dem Morgenlande über Oberitalien, über die drei Städte Venedig, Florenz und Genua. Unter diesen ist Venedig die bedeutendste; sie beherrscht den größten Teil des Levantehandels, d. h. den Austausch der Güter zwischen Europa und den Mittelmeerküsten Nordafrikas, Syriens und Kleinasiens bis zum Bosporus und dem Schwarzen Meere.