Sie ist der Engel Lohne,
Sie ist der Himmel Glanz.
Aus dem Gedicht: „Ich han mir userkoren“, 15. Jahrhdt.
Innerlich ergriffen schauen wir hin zu dem Bilde Marias, die uns den Erlöser geboren hat, zur Mutter des Herrn, des Königs der Könige. Maria, die Reine, die gnadenreiche Jungfrau, vom Strahlenglanze himmlischen Lichts umflossen, grüßt milde und hoheitsvoll zu uns herab mit dem Auge unvergänglicher, erbarmender Liebe. Ströme des Segens fließen aus ihrem verklärten Antlitz hin zu dem Pilger, der ihr naht, und keiner geht mit leeren Händen von dannen.
Einfach und schlicht ist das Kleid der Himmelskönigin. Aus dem blauen Mantel leuchtet das rote Untergewand und von ihrem Haupte herab fließt ein goldfarbiger Schleier. Ihre Züge verraten, daß sie von ihrer erhabenen Sendung durchglüht ist; sie weiß: in ihren Händen trägt sie das köstlichste Gefäß, das Heil der Welt, den Erlöser. Aus ihren Augen leuchtet Milde und Ernst, Glück und Schmerz, Hoheit und Würde. Ihr Haupt strahlt im Glanze eigener Schönheit. Das dunkelblonde Haar ist glatt gescheitelt und verdeckt fast völlig das linke Ohr. Mit überirdischer Leichtigkeit schwebt Maria auf den Wolken heran: sie tritt gewissermaßen aus dem Rahmen des Bildes heraus und drängt zu dem Beschauer hin. Der Heiland schmiegt sich in ihren linken Arm, von dem rechten sorgsam gestützt. Das rechte Beinchen des Kindes ist über dem linken, herabhängenden, rechtwinklig gekreuzt. Das linke Händchen faßt nach dem rechten Unterschenkel, die rechte Schulter wird von der Mutter Arm sanft hochgezogen. Die ganze Haltung der beiden Gestalten hat nichts Gekünsteltes, Schweres, sie mutet in allen Bewegungen und Stellungen durchaus natürlich und zwanglos an. Überall zeigen die Linien den edlen Schwung, den nur die Hand des großen Meisters führt. Gleich dem Auge der Mutter geht der Blick des Heilands in ferne Weiten und strebt hinaus in das All, als erfasse er suchend die ganze Menschheit, der seine Sendung gilt. Unendliche Süße und Zartheit, zugleich aber auch die herbe Ahnung kommenden bitteren Leids, zu dem der göttliche Knabe nach ewigem Ratschluß erkoren ward, leuchten aus den Augen der beiden Lichtgestalten.
Der von links unten zur Gottesmutter emporblickende heilige Sixtus, nach dem das Madonnenbild benannt ist, wird von der Pracht und dem Prunk seines Ornats fast bedrückt. Zum Zeichen der Demut und Inbrunst im Dienste der heiligen Jungfrau deutet er mit der Linken auf seine Brust; mit der Rechten weist er nach der dreizackigen Tiara, der päpstlichen Krone, die rechts in der Nähe der Schwelle steht, von der das Gemälde nach unten hin abgeschlossen wird. Als Gegenstück zu Sixtus sehen wir rechts die heilige Barbara. Ihre Haltung verrät tiefe innere Freude, selbstvergessene Hingabe, seliges Glück. Sie erscheint als Fürsprecherin der Gläubigen, die sich der heiligen Jungfrau mit ganzer Seele weihen und des Segens harren, der aus ihren Gnadenhänden fließt. Ich habe oft den Eindruck gehabt, als ob das Auge der heiligen Barbara von der Größe ihrer Mission und dem unerhörten Glanze geblendet sei, der wie der Offenbarung Licht von Maria und dem Kinde ausstrahlt. Sixtus und Barbara sind gleichsam die Herolde, die den in den Tiefen harrenden Gläubigen das Nahen der Himmelskönigin und des Heilands künden. Ganz im Vordergrunde, der irdischen Welt am nächsten, sehen wir die in seliges Schauen versunkenen, von harmloser Freude erfüllten beiden beflügelten Englein. —
Nun sollt ihr auch etwas aus dem Leben des hochberühmten Meisters erfahren, der uns mit dieser herrlichen, einzigartigen Gabe beschenkt hat.
Raffael Santi wurde am 7. April (auch der 28. März, ein Karfreitag, wird vielfach als Geburtstag angegeben) im Jahre 1483 in Urbino, der Hauptstadt des kleinen Herzogtums Montefeltro, geboren. Das Städtchen Urbino liegt auf einem östlichen Vorberge des römischen Apennin, zwischen dem Metauro und Foglio. Raffaels Mutter, Magia, die Tochter des Bottista Ciarla, war gleichfalls aus Urbino gebürtig. Sie starb, als der Knabe kaum acht Jahre zählte. Sein Vater, Giovanni Santi, hatte sich in mancherlei Tätigkeiten versucht, ehe er sich der Kunst zuwandte und als Maler sinnigfrommer Heiligenbilder im Stile der damaligen Zeit, für sich und die Seinen den Unterhalt erwarb. Er selbst hat den jungen Raffael in die Anfangsgründe der Malerei eingeführt. Es sollte ihm aber nicht vergönnt sein, den Ruhm des hochbegnadeten Sohnes zu erleben; denn auch er starb schon 1494, als Raffael im zwölften Lebensjahre stand. Beim Meister Perugino, der die sogenannte umbrische Malerschule leitete, fand der kunstbegeisterte Knabe die weitere Ausbildung. Er wurde von der sanften, milden Art seines Lehrers innerlich tief berührt. Seine ersten, selbständigen Schöpfungen beweisen, daß er ganz in Peruginos Bahnen wandelte. Da Raffael eine ausgezeichnete Vorbildung und ganz hervorragende Begabung mitbrachte, machte er rasch große Fortschritte. Es folgten die Jahre künstlerischen Aufschwungs in Florenz mit dem Florentiner Fra Bartolommeo. Zugleich ist der Einfluß der großen florentinischen Meister Masaccio, Donatello und Leonardo da Vinci auf seine Entwicklung ganz unverkennbar. Die Zeit des gewaltigsten und fruchtbarsten Schaffens stand ihm noch bevor. In Rom, der Ewigen Stadt, sollte sich unter dem Schutz kirchlicher Würdenträger seine Kunst zu der überwältigenden Höhe steigern, die ihn bis auf unsere Tage in die Reihen der glänzendsten Künstler aller Zeiten stellt. In Rom, wo er seit dem Jahre 1508 lebte, entfalteten sich Geist und Kunst zu so überragender Reife und unerreichter Meisterschaft, zu solcher Fülle schöpferischen Schauens und Erlebens, die seinen Genius in hellstem Lichte zeigt. Seiner Hände Werk war sichtlich gesegnet; gleich seiner Kunst war sein Leben harmonisch und klangreich wie köstliche Musik, die jauchzende Jugend zu seligem Tanze ruft. Seine Stirn ist von unvergänglichem Lorbeer umkränzt; er ist ein Priester im Reiche der Schönheit, ein König im Reiche der Kunst! Fast will es scheinen, als hätte er den frühen Tod vorausgeahnt; denn die wenigen Jahre, die ihm bis zu seinem Scheiden von dieser Erde blieben, waren von beispielloser Fruchtbarkeit. Die erhabenen Schöpfungen, die in dieser kurzen Zeitspanne entstanden, könnten ein langes, reichgesegnetes Künstlerleben füllen.
Ein glänzendes Charakterbild des Menschen und Künstlers Raffael zeichnet uns einer der Zeitgenossen:
„Raffael ist sehr reich und steht beim Papste in Gunst; er ist von der höchsten Herzensgüte und doch mit bewunderungswürdigen Gaben ausgestattet. Unter den Malern ist er vielleicht der erste, in Theorie und Praxis gleich ausgezeichnet. Als Architekt so unermüdlich und erfinderisch, daß ihm zu ersinnen und auszuführen gelingt, woran die größten Geister verzweifelten. Er ist der oberste Baumeister von Sankt Peter. Doch davon will ich nicht sprechen, sondern von dem bewunderungswürdigen Werke, das er jetzt unternahm, das der Nachwelt unglaublich erscheinen wird; er hat das alte Rom in seiner alten Gestalt, seinem alten Umfange und seiner Schönheit zum großen Teil wiederhergestellt, um es unseren Blicken zu zeigen. Auf den Höhen und in den tiefsten Stellen der Stadt hat er nach den alten Fundamenten gesucht, die Zeugnisse der Alten hinzugenommen und den Papst und die Römer in solches Staunen versetzt, daß alle ihn wie ein vom Himmel kommendes göttliches Wesen ansehen, herabgesandt, um die Ewige Stadt in ihre alte Majestät zurückzuversetzen. Keine Spur von Hochmut aber ist dadurch in ihn hineingekommen, sondern er verdoppelt nur seine Freundlichkeit den Menschen gegenüber; wer immer ihm etwas Förderndes zu sagen hat, dem steht er gern Rede: Niemand leidet so willig, daß seine Behauptungen in Zweifel gezogen werden; sein höchster Lebensgenuß scheint zu sein, zu lehren und sich belehren zu lassen.“