Ein typisches Kind seiner Zeit war auch der Maler selbst, Antonio Canale, gen. Canaletto, der 1697 in Venedig geboren wurde. Obwohl diese Stadt mit ihren architektonischen und landschaftlichen Reizen das wesentliche Stoffgebiet seiner Kunst blieb, schuf er auch Architekturbilder aus anderen Städten, die er gelegentlich seiner Kunstreisen kennenlernte. Diese Kunstreisen beschränkten sich keineswegs auf Italien, wo ihn außerhalb Venedigs hauptsächlich Rom zu klargegliederten Städtebildern anregte, sondern führten ihn über Deutschland und Frankreich bis nach England, wo er selbst Ansichten von London, einer Stadt, die sich in der Atmosphäre von seiner Vaterstadt so stark unterschied, wiedergab. Doch kehrte er immer wieder nach Venedig zurück, wo er im Jahre 1768 starb. Er darf nicht mit seinem Schüler und Neffen, Bernardo Belotto, der ebenfalls den Beinamen Canaletto führte, verwechselt werden. Die Werke dieses Schülers sind, verglichen mit denen seines Meisters und Oheims, nüchterner, spröder und entbehren ganz jener flüssigen, schimmernden Licht- und Luftstimmung, die die Bilder des eigentlichen Canaletto so besonders reizvoll macht.
Paul Zucker.
Die Herzogin von Devonshire mit ihrem Töchterchen
Von Sir Joshua Reynolds
Geboren 16. Juli 1723 in Plympton bei Plymouth, gestorben 23. Februar 1792 in London. — Im Besitz des Herzogs von Devonshire zu Chatsworth
Seligstes Mutterglück! Das ist der erste, das ist der bleibende Eindruck, den dieses köstliche, frische Bild auf den Beschauer macht. Es ist ein herrlicher Frühlingstag; die Sonne scheint so warm und wohlig. Da sitzt eine junge, schöne, vornehme Frau, das feingeschnittene Gesicht von reichem Lockenschmuck umrahmt, in eleganter Toilette auf der Veranda ihres Schlosses; unser Blick schweift einen Moment über die Brüstung hinaus an der großen Steinvase vorbei weit hinein in den wohlgepflegten Park mit seinen breiten, grünen Rasenflächen und einzelstehenden Baumgruppen. Ja, diese Umgebung paßt zu der aristokratischen Erscheinung, und auch der schwere, aufgeraffte Vorhang, der vor dem garstigen Zuge schützt, und das bequeme Sofa, das aber nicht zu nachlässiger Haltung verführt. Gewiß, es muß eine Dame aus den höchsten Kreisen der Gesellschaft sein; alles atmet Gediegenheit, Vornehmheit, Reichtum. Und wirklich! Es ist eine Herzogin, Georgiana von Devonshire, die Gemahlin eines der größten Würdenträger von England, des Großschatzmeisters von Irland. Aber was kümmert uns das? Wir achten des Putzes nicht, nicht der stolzen Umgebung: wir sehen nur, wie eine Mutter in hingebender Liebe und träumerischer Zärtlichkeit mit ihrem süßen Baby spielt, es tanzen läßt auf ihrem Schoß. Sie hält das hampelnde, strampelnde Mädchen fest mit dem linken Arm, daß es nicht falle bei seinem Übermut; in schnellem Takte wippen die Knie: hoppe, hoppe, Reiter!, und mit der hochschwingenden Rechten lehrt sie es, auch seine vollen, dicken Ärmchen ganz, ganz hoch zu heben und mit ihr zu jauchzen: eia, eia! Hört man nicht ordentlich das vergnügte Kreischen des kleinen, gesunden Geschöpfes? Sieht man nicht die aufwärtssprudelnde Bewegung der Arme? Und trommelt es nicht mit seinen niedlichen, in keine Schuhe gezwängten Füßen so tapfer und keck, so voll Zutrauen und strahlender Lebenslust auf den Schoß der Mutter? Hängt nicht hier Auge an Auge in seliger Freude? Ja, sonnig ist das Dasein für sie beide, und das heitere Spiel von Mutter und Kind beglückt auch den Beschauer und führt ihn in die paradiesischen Zeiten der frühesten Jugend zurück. So hat auch mit uns allen einst die Mutter gespielt, uns geherzt und geküßt, auch wenn wir keine Herzogskinder waren. Die Mutterliebe ist gleich groß und rührend, gleich edel und selbstlos bei hoch und niedrig, und eben sie wollte der Maler preisen, für sie ein immerwährendes, ein typisches Beispiel geben.
Nun könnte wohl jemand denken, eine so feine Dame spielt wohl einmal zum Zeitvertreib mit ihrem Baby, aber so treu wie eine gute bürgerliche Mutter sorgt sie doch nicht für die Kinder; sie hat Angestellte, eine Amme, und später eine Kindergärtnerin; dann wird eine Erzieherin gehalten oder ein Hauslehrer; und die vielen gesellschaftlichen Verpflichtungen lassen ihr keine Zeit; oft sieht sie wohl die Kinder tagelang nicht. Nun, englische Sitte ist das ganz und gar nicht, und in unserem Falle war es gewiß nicht so. Georgiana hat ihre Kinder selbst genährt, um der vornehmen Gesellschaft ein gutes Beispiel zu geben, und das fand tatsächlich Nachahmung: es wurde die Regel. Und überhaupt haben es die Kinder in England immer gut gehabt, wenigstens die der höheren Stände: sie regieren eigentlich das Haus, um sie dreht sich alles, sie gelten als der höchste Schatz der Familie. Sie wachsen auf dem Lande oder im Eigenheim der grünen Vorstadt auf und spielen den lieben Tag lang in den herrlichen Parks und Gärten, die zu solchen Landsitzen und Villen gehören. Ihnen wird das luftigste Sonnenzimmer eingeräumt, das, weiß in weiß gehalten, den fröhlichsten Eindruck macht; ihre Frische und Gesundheit ist die Hauptsorge der Eltern. Auf Lernen kommt es nicht so sehr an. Sport und Spiel, sich zurechtfinden im Leben, Benehmen und Charakter ist die Losung. Dem Adel machen das die besseren bürgerlichen Kreise nach, so weit es in ihren Kräften steht. Freilich dazu gehört Wohlstand. Aber England ist reich. Und mag auch heute das Kinderelend in den großen Städten und zumal in den schmutzigen Seitenstraßen Londons erschreckend sein, so hat doch seit Jahrhunderten jeder Engländer, der es sich leisten konnte, der Pflege der Kinder die größte Sorgfalt gewidmet.
Gerade unser Maler, Sir Joshua Reynolds, ist ein sprechender Zeuge dafür. Wie lacht und strahlt uns Englands vornehme Jugend aus Dutzenden seiner Bilder entgegen, wie gewichtig präsentieren sich die kleinen Lords und Ladies, wie lebendig, reizend und unschuldsvoll spielt das junge Volk mit der Mutter oder mit den treuen Freunden, den Hunden, die auch zur Familie gehören, wie andachtsvoll beten die Kleinen ihr Nachtgebet, wie gesittet benehmen sie sich! Aus so glücklicher Jugend erwächst dann jener selbstsichere Menschenschlag, der stolz und klar, etwas verwöhnt, aber gesund an Körper und Geist, mit geschultem Takt in allen Lagen stets das Richtige trifft; jene starken, sehnigen Jünglinge und Männer, die immer noch etwas vom Jungen an sich tragen, praktisch durch und durch, auf Leben, Welt, Natur mit gesundem Menschenverstand gerichtet, Herrenmenschen voll Haltung und Energie, die wissen, was sie wollen, und leisten, was zu leisten ist, die sich zu benehmen verstehen, aber auch recht rücksichtslos sein können und alles in allem das Ideal des Gentleman darstellen — und jene schlanken, hoch aufgeschossenen Mädchen und Frauen mit den ovalgeschnittenen, gleichförmigen Gesichtern, voll Elastizität, Grazie, Anmut und edelster Haltung, die erblüht sind wie Lilien auf dem Felde und eine eigene englische Art von Schönheit haben, die man mit Entzücken anschaut. Solche Menschen auf der Höhe des Daseins, Mann und Weib, Jung und Alt, hat uns Reynolds, der größte Porträtmaler des 18. Jahrhunderts, zu Hunderten in voller Leibhaftigkeit vor Augen gezaubert.
Zu ihnen gehört auch die Herzogin Georgiana. Sie war eine gute Mutter, und die kleine Hampelliese, die auch Georgiana heißt und später auch eine vornehme Frau und glückliche Mutter, eine Gräfin Carlisle, geworden ist, hat zeitlebens an ihr mit Ehrfurcht und Liebe gehangen. Aber die Herzogin verband damit die Vorzüge der großen Weltdame. Sie war — trotz der Königin — die erste Frau der englischen Gesellschaft. Sie gab den Ton, sie gab die Mode an. Alle Welt ahmte ihr nach, nicht nur, als sie ihren Kindern die Brust reichte: auch als sie die steifen Reifröcke der Rokokozeit ablegte, als sie die großen Federhüte erfand, die auf so manchen Bildern der Zeit das Lockenhaupt der vornehmen Damen wie ein Heiligenschein umgeben. Sie war reich, schön, von hohem Rang; ihre bestrickende Anmut, ihr Zartgefühl, ihr Geist, ihre lustige Schlagfertigkeit zog alle in ihren Bann, die ihr nahe kamen. Ihre Empfänge, die Feste, die sie gab, waren weltberühmt und versammelten das hoffähige und gebildete England in ihren Räumen. Sie hatte Sinn und Interesse für alles, was geistige Werte schafft, und versuchte sich auch selbst mit Glück in der Poesie: ihr Gedicht: Der Übergang über den St. Gotthard gehört zu den schönsten Reisebeschreibungen in gebundener Form, und auch in französischer Sprache machte sie gute Verse. Sie sammelte Gemälde, Stiche, Handzeichnungen und Altertümer und pflog Verkehr mit Philosophen, Malern und Dichtern; keinen Augenblick schwankte sie, den großen Menschendarsteller und Entdecker Shakespeares, Garrick, in ihr Haus zu ziehen und ebenso den jungen Sheridan mit seiner liebreizenden Gattin, die ihre Laufbahn als Sängerin Händelscher Oratorien aufgegeben hatte, um dem unbekannten Literaten ihre Hand zu reichen — und solche Förderung des Talentes war damals eine Tat, da Schauspieler und Sänger noch keineswegs in allgemeiner Achtung standen, sondern mit besseren Trinkgeldern abgefunden zu werden pflegten. Sie gründete auch den ersten Frauenklub, der prachtvolle Bälle gab, zu denen auch die Herren der Schöpfung eingeladen wurden und bei Spiel und Tanz angeregten Umgang pflegen konnten. Bei keiner großen Veranstaltung des öffentlichen Lebens fehlte sie. So hat sie dem Aufstieg der ersten Luftballons — welch ein Ereignis für das damalige London! — mit Würde beigewohnt und dem wackeren Blanchard das haltende Tau zerschnitten. Auch politisch war sie interessiert. Sie stand mit ihrem Gemahl auf seiten der Opposition, der Whigs, die eine reine Parlamentsherrschaft anstrebten, und bekannt ist die Anekdote, wie sie für den ihr befreundeten Staatsmann Fox bei seiner Wahl in Westminster temperamentvoll eintrat: sie begab sich mit einer ebenso schönen Freundin, Lady Crewe (die Reynolds auch gemalt hat), in das verräucherte Wahllokal, um Stimmen für ihn zu werben und soll einem dicken Fleischer, der sonst unter keinen Umständen zu erkaufen war, sogar einen Kuß zugestanden haben. Sie wirkte allerdings bezaubernd auf die Männerwelt. Einen braven Farmer hörte man bei einem Pferderennen sagen, als er sie sah: „Wäre ich der Allmächtige, sie müßte die Himmelskönigin sein!“ Man verglich sie wohl mit der Königin Marie Antoinette, und gewiß ist, daß sie an Schönheit, Liebreiz und Geist mit ihr wetteifern durfte, und daß das Leben am Hofe Georgs III. an den Stil ihres Daseins nicht heranreichte. Man verehrte sie wie eine Göttin, und sie besaß etwas von ewiger Jugend und Anmut. Als sie im 49. Lebensjahre starb, galt sie noch immer als die lieblichste Frau Englands.