Geboren 18. Oktober 1697 in Venedig, gestorben ebendort 20. April 1768. — Fürstl. Liechtensteinsche Galerie in Wien

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Fast ein halbes Jahrtausend hindurch erfreute sich die Stadt Venedig des Ruhms, die erste Handelsseestadt Europas zu sein. Ihre natürliche geographische Lage bestimmte sie von vornherein zur Vermittlerin zwischen Orient und Okzident. Das verstanden die Kaufherren der Stadt sehr geschickt auszunützen. Eine eigene mächtige Handelsflotte brachte Waren von Konstantinopel, Kleinasien und dem unteren Ägypten — besonders Gewürze, Gewebe und Farbstoffe — nach Venedig, von wo aus sie durch die Po-Ebene nach Italien, über die beiden hauptsächlichsten Alpenstraßen nach Frankreich und vor allen Dingen über Augsburg auch nach Deutschland gingen. Kriege, die von gemieteten Söldnerscharen geführt wurden, unterbrachen diese Handelsbeziehungen immer nur zeitweilig, besonders der Jahrhundertelang mit wechselndem Erfolg geführte Kampf gegen die einzige andere italienische Seestadt, die die Venezianer als mächtige Nebenbuhlerin betrachteten: gegen Genua. Mehrfache Seekriege wurden gegen die Türken geführt, die allerdings vom Beginn des 17. Jahrhunderts ab den venezianischen Besitz am Adriatischen Meer immer mehr und mehr einengten.

In dieser, im wesentlichen durch Handel und gelegentliche kriegerische Unternehmungen geschaffenen Atmosphäre einer Inselsiedlung bildete sich eine ganz besondere und eigenartige Kultur heraus. Einige vornehme Familien, die sich immer wieder untereinander vermischten und verschwägerten, hielten Jahrhunderte hindurch die gesamte politische Macht des Staates in Händen und bildeten bei aller scheinbaren Freiheit des Volkes ein politisches System aus, das diese Macht einer geschlossenen kleinen Gruppe bewahrte. Herrschte aber auf politischem Gebiet eine strenge Ordnung, so war zum Ausgleich dafür in den Dingen des täglichen Lebens dem Volke weite Freiheit gelassen. Nirgends verstand man so, Feste zu feiern und jeden Anlaß zur Erhöhung des Lebensgefühls auszunützen, wie in Venedig. Da Handel und Wandel blühten, bereicherte sich nicht nur das beherrschende Patriziat der Großkaufmannsfamilien, sondern es kam auch Geld unter das Volk, und es gab genug Gelegenheiten, daß das Geld ins Rollen kam. Wohlleben, Luxus und Verschwendung, die das venezianische Leben seit dem 16. Jahrhundert kennzeichneten, dürfen wir uns aber nicht nur allzu materiell vorstellen. Den derben Bauernkirmessen und holzigen Späßen niederländischer Volksfeste stand hier eine künstlerische Festkultur und ein Verständnis für die Schönheit selbst des kleinsten Gebrauchsgegenstandes gegenüber, das bis in die tiefsten Schichten des Volkes gedrungen war und zum natürlichen Sinn des Venezianers geworden zu sein schien.

Nicht wie im Florenz der Frührenaissance war die Kunst im wesentlichen dazu bestimmt, das Ansehen einer Herrscherfamilie zu erhöhen — soweit sie nicht ebenso wie in Rom dem Glanz der Kirche dienen sollte —, sondern hier, in Venedig, kann man, mehr als im übrigen Italien der gleichen Zeit, mit Recht von einer Volkskunst sprechen. Nicht etwa in dem Sinne, daß, wie in gewissen bäuerlichen Kulturen fast jeder Handwerker imstande gewesen wäre, Dinge von künstlerischer Prägung hervorzurufen, aber doch so, daß für die Architektur der Stadt, für die Ausmalung der Kirchen und Privatpaläste, für die Kostüme des Karnevals, für Serenaden, Opern und andere öffentliche Musikaufführungen beinahe jedermann offenes Auge und Ohr hatte.

Die jahrhundertelange Tradition bewirkte, daß im 18. Jahrhundert, jener Zeit, in der man zum erstenmal begann, zu seinem Vergnügen zu reisen — neben Rom, — Venedig das hauptsächliche Ziel jener bevorzugten Schicht des europäischen Adels und wohlhabenden Bürgertums wurde, die ein Jahrzehnt des Lebens darauf verwandte, sich durch Reisen in der angenehmsten Form weiterzubilden. Die venezianische Malerschule, die einen Bellini, Giorgione, Tizian, Tintoretto und Paolo Veronese hervorgebracht hatte, war weltberühmt. So wurde in vielen der Wunsch erweckt, jene Atmosphäre in Wirklichkeit kennenzulernen, in der die Farbe so merkwürdig leuchtend klar, so perlmutterartig schillernd sich dem Auge darbietet, wie man es auf den Gemälden der Hauptmeister zu bewundern gelernt hatte.

So wurde Venedig neben Paris und Rom die erste europäische Stadt, die mit den Fremden als einem wesentlichen Bestandteil ihres sozialen Lebens zu rechnen hatte, und hieraus ergab sich wieder eine ganz bewußte Förderung der künstlerischen Momente. Man zog zur Gestaltung der Karnevalsfeste, der Opernaufführungen, der historischen, alljährlich wiederkehrenden symbolischen Vermählung des Dogen mit dem Meere, wobei dieser auf einem prächtig geschmückten Staatsschiff auf die Adria hinausfuhr, und zu anderen außergewöhnlichen Gelegenheiten die bedeutendsten europäischen Künstler hinzu. So ließ man sich für eine Reihe von vorübergehenden Festtagen die provisorisch errichteten Baulichkeiten von großen Malern in Freskomalerei ausstatten. Andererseits bewirkte die Rücksichtnahme auf Fremde, und mehr noch als diese der bewußte Stolz des Stadtbürgers auf die ruhmreiche Vergangenheit seiner Vaterstadt, eine liebevolle Behandlung und aufmerksame Pflege der Architekturen aus der großen Zeit Venedigs und der erhaltenen Gemälde in den Palästen des Adels und in der Kirche. So fiel die künstlerisch bedeutungsvollste Zeit Venedigs keineswegs mit dem Höhepunkt seiner politischen Macht oder mit den Lebzeiten der bedeutendsten Künstler zusammen, sondern das achtzehnte Jahrhundert gab als glücklicher und verständnisvoller Erbe den umfassendsten Überblick über alle Höchstleistungen venezianischer Kunst aus den verschiedenen vorausgegangenen Jahrhunderten.

So sehen wir auch in dem Bilde Canalettos, das den Markusplatz in Venedig, den hauptsächlichsten Schauplatz alles öffentlichen Lebens dieser Inselstadt, darstellt, inmitten der Pracht-Architekturen zahlreiche Gruppen von Menschen, die sich nicht irgendeiner bürgerlichen Beschäftigung hingeben, sondern ersichtlich als Fremde und Betrachtende ihrer Umgebung gegenüberstehen. Ist es doch auch einer der schönsten Plätze der Welt, auf dem sie sich befinden! Links — vom Beschauer aus — die alten Prokurazien, ein Verwaltungsgebäude der Stadt, rechts die neuen, im Hintergrund der phantastische Märchenbau der Markuskirche und daneben das berühmte Wahrzeichen Venedigs, der Markusturm. All diese Baulichkeiten sind zu verschiedenen Zeiten entstanden und schließen sich doch zu einem Bilde von höchster Einheitlichkeit und unübertrefflicher, heiterer Würde zusammen. Die Baugeschichte all dieser einzelnen Gebäude zu geben, hieße, die Geschichte Venedigs wiederholen.

Die Markuskirche, in der die Gebeine des heiligen Markus, des Stadtheiligen, ruhen, kann in ihrer Bedeutung für die Baukunst nicht leicht überschätzt werden. Der heute noch stehende Bau wurde Ende des 11. Jahrhunderts begonnen und altrömische und andere Baubestandteile mit großer künstlerischer Freiheit verwendet. Innen und außen ist der Bau von starker Farbigkeit, eingehüllt in ein goldschimmerndes Kleid von Mosaiken, die in byzantinischer Zeit beginnen, und deren letzte nach Entwürfen Tizians und Tintorettos, ja selbst nach solchen Tiepolos und anderer venezianischer Künstler des 18. Jahrhunderts hergestellt wurden. Die fünf mächtigen Portale der Halle in ihrer bunten Modellierung werden von den grün patinierten, orientalisch wirkenden Kuppeln überragt, und neben dieser spielerischen Pracht wirkt die ernste Monumentalität des Glockenturmes wie ein gewaltiges und eindrucksvolles Ausrufungszeichen. Ist dieser Hintergrund zwar an und für sich etwas unruhig, so schließt er aber doch das Blickfeld harmonisch ab.

So fein nun auch bei den seitlichen Palästen die architektonischen Einzelheiten, namentlich die des rechten Baues, sein mögen mit ihren schönen Säulenordnungen und den dazwischen gestellten, wundervolles Gleichmaß atmenden Bogenöffnungen — eine echte harmonisch ausgewogene Bildung der Hochrenaissance —, nicht diese Schönheit der einzelnen Form ist das Entscheidende! Viel mehr dies: daß durch die stete Wiederholung desselben einfachen Motivs, durch die Zuführung der Seitenstraßen auf den Platz unter den Bogengängen ohne Durchbrechung der Platzwandung, wir gleichsam gezwungen werden, den ganzen Platz als einen einheitlichen Raum, eine Art prächtigen Festsaales, zu empfinden. Diese Empfindung diktiert uns wie den Menschen zu Canalettos Zeit die Art der Bewegung, mildert die Hast unseres Ganges und zwingt uns gleichsam, selbst lebendige und bewegliche Teile dieser prächtigen Fest-Architektur zu werden.