Sie ließen sich kleinere, leichtere Schlösser und Hotels bauen, die zwar im Äußeren noch die Formen des strengen starren Stils zur Schau trugen, dafür aber im Inneren leichter und wohnlicher wurden; und die Bedürfnisse der vornehmen Welt begegneten der Sehnsucht der jüngeren Künstler nach größerer Natürlichkeit und Ungezwungenheit. So entstanden auch jene dekorativen Malereien als Schmuck von Wand- und Türfüllungen, in denen es Watteau bald seinem Lehrmeister Gillot zuvortat.
Aber seine Lehrzeit war noch nicht beendet. Einige Jahre später finden wir ihn bei Claude Audran, dem Haupte einer berühmten Malerfamilie, dem Kastellan des Luxembourg-Palastes, in dessen Diensten er den Pinsel noch freier und sicherer führen lernte. Doch wichtiger als die ermüdenden und ihn auf die Dauer langweilenden Aufgaben der dekorativen Malerei war es ihm hier, sein Auge mit neuen, ungeahnten Eindrücken sättigen zu können. Wie er als Knabe die Gaukler und Abenteurer konterfeit hatte, so durfte er hier in den schattigen Wandelgängen des breiten Parkes, den die Hand des modischen Gärtners zum Glücke unberührt gelassen hatte, das Stelldichein der vornehmen Damen und Herren von Paris beobachten und in den hohen Räumen des Schlosses die farbenprächtigen Bilder der venezianischen Meister und seines großen Landsmannes Rubens bewundern und studieren. Hier erwachte in ihm die Sehnsucht nach Italien, nach der klaren Luft und den starken Farben des Südens. Er wurde Schüler der Akademie, um im Wettbewerbe über seine Studiengenossen siegen und den Rompreis, die freie Fahrt nach Italien, erringen zu können. Allein seine Hoffnung erfüllte sich nicht; er mußte sich mit dem zweiten Preise begnügen.
Unmutig wandte er Paris den Rücken und begab sich nach seiner Heimat zurück. Doch was sollte er in der kleinen bürgerlichen Provinzstadt, wo niemand ihn verstehen konnte? Paris, das undankbare Paris hatte es ihm doch angetan! Zum zweiten Male versuchte er sein Glück bei der Akademie, und jetzt gelang es ihm über alles Erwarten. In stummer Bewunderung blieb der greise Kanzler der Akademie vor den eingesandten Bildern Watteaus stehen, und einstimmig wurde dieser für würdig befunden, als Mitglied aufgenommen zu werden; ja es wurde ihm sogar überlassen, selbst den Vorwurf seines Aufnahmebildes zu wählen.
Aber merkwürdig, sein Ehrgeiz schien erloschen. Fünf Jahre ließ er die Akademie warten, ließ sich mahnen und drängen, bis er dann endlich 1717 in unbegreiflich kurzer Zeit das Bild auf die Leinwand zauberte, das ihm die Würde eines Hofmalers brachte. „Meister der galanten Feste“ wurde er fortan genannt. Er schien nicht stolz auf diesen offiziellen Titel; schon längst war er ein gemachter Mann. Die berühmtesten Kunstsammler seiner Zeit: Crozat, Julienne, der junge Graf de Caylus, bewarben sich um seine Freundschaft und öffneten ihm ihre reichen Häuser, wo er nach Herzenslust seine geliebten Meister, Rubens und die Venezianer, studieren konnte.
Ludwig XIV. hatte seine strengen Augen geschlossen, und die langunterdrückte Lebenslust brach sich nun unter der Regentschaft des Herzogs von Orleans, der für den unmündigen Kronprinzen die Herrschaft führte, ungehemmt Bahn. Die Straßen wogten von fröhlichen Menschen, Lustbarkeiten und rauschende Feste erfüllten die Paläste und Gärten der vornehmen Welt: Leben, das Watteaus schönheitsdurstiges Auge nun nicht mehr zu suchen brauchte; auf Schritt und Tritt bot es sich seinem Pinsel dar. Aber wie verwandelte es sich unter seiner Hand! Wir finden sie alle wieder auf Watteaus Bildern, alle, die scherzten und feierten und das Dasein in vollen Zügen bis zur Neige genossen: die galanten Kavaliere, die zarten Mädchen und Damen, die sich so anmutig zu bewegen wußten, die Liebespaare, die Lautenspieler und Tanzenden, und dazu den Schwarm des Komödiantenvolkes: Harlekin, Pierrot, Mezzetin, und wie sie alle heißen. Aber wie auf seinem Preisbilde, der „Einschiffung zur Liebesinsel Cythere“, die Pilger und Pilgerinnen von kleinen rosigen Engeln geleitet in das Traumreich ziehen, daher sie eigentlich stammen, so sind fast alle Gestalten des Malers traumhafte Sinnbilder der Wirklichkeit, aus einem Zwischenreiche von Musik und Malerei, nicht ganz wirklich und nicht ganz erlöst.
Watteau war nur eine kurze Lebensfrist bemessen; eine unheilbare Krankheit, die Schwindsucht, zehrte an ihm. Fieberhaft und rastlos mußte er arbeiten, um seine Träume mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Fast alle Bilder, die von seiner Hand erhalten sind, stammen aus seinem letzten Jahrzehnte. 1721 starb er, noch nicht siebenunddreißig Jahre alt, von seinen Freunden herzlich betrauert, denen er es oft wahrhaft schwer gemacht hatte; denn er war keineswegs heiter und glücklich, wie man auf den ersten Blick nach seinen Bildern vermuten könnte. Von unansehnlichem Äußeren, klein und schwächlich, hegte er Mißtrauen gegen sich und andere und stand abseits vom Leben, das ihn doch immer wieder rief.
Kleine Iris, du blickst mich plötzlich fragend und traurig an, doch — schon lächelst du wieder und erzählst schwebend von dem Glück, das immer gesucht und nie gefunden wird!
Hans Rupé.